Ausstellung in Rostock : Die Schöne am Zentaurenstrand

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Die Kunsthalle Rostock lädt in die fantastische und sinnliche Welt des Malers Erich Kissing ein und erlaubt zugleich vielerlei Begegnungen mit dem Aktmodell Kerstin.

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22. Februar 2018, 15:00 Uhr

Zentauren haben die Rostocker Kunsthalle erobert. Fabeltiere aus dem Reich der antiken Mythen. Tierwesen. Mit Pferdeleibern und Oberkörpern von Menschen. Oft wurden sie als grausam und lüstern beschrieben. Hier, in den hellen, weiten Räumen der Kunsthalle am Schwanenteich kommen sie freundlich und sinnlich, schön und stolz daher. Fantastisch, das ja. Aber auch sehr menschlich.

All diese Kentauren sind das Werk des Leipziger Malers Erich Kissing, der sie zwischen 1997 und 2014 mit haardünnen Pinseln auf die große Leinwand gestrichelt hat – tausende und abertausende kleine Linien. In Feinmalerei, wie sie die Alten Meister beherrschten und die Maler der Leipziger Schule. Heisig, Mattheuer, Tübke, der Kissings prägendster Lehrer an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig war. Diese filigrane Technik ist auch der Grund, warum das Werk Erich Kissings mit 64 Gemälden überschaubar ist.

Viele dieser Arbeiten zeigt nun die Kunsthalle, erst zum dritten Mal überhaupt nach Leipzig (1993) und Bad Frankenhausen (2010). Das Bestechende dieser Ausstellung (noch bis zum 1. Mai 2018) ist jedoch nicht nur die Begegnung mit einem weitgehend unentdeckten Maler (Jahrgang 1943), sondern die überaus originelle Verknüpfung des Kissing-Werkes mit einem Leipziger Aktmodell. Kerstin heißt diese Frau mit dem fast knabenhaft schlanken Körper und den mandelförmigen Augen in einem zeitlos schönen Gesicht. Eine Botticelli-Venus. Als sie zu modeln begann, nannten die Kunststudenten sie „Barbie“.

Auf 20 Kissing-Gemälden ist Kerstin mehr oder weniger wiederzuerkennen. Sie selbst macht darum nicht viel Aufhebens. Sieht sich als „Werkzeug, Vorlage, Ausdrucksmittel“. „Ich fülle doch nur eine Lücke auf der Leinwand aus.“ Das auf den Bildern sei gar nicht mehr sie. „Das sind doch Frauen, die nur die Maler in mir gesehen haben“, sagt sie im Katalog zur Ausstellung.

Unschwer wiederzuerkennen ist Kerstin auf dem Gemälde „Das Urteil des E.K.“ (1998-2000). Dieses Bild, zweifellos eines der Hauptwerke von Erich Kissing, zeigt sehr schön, worum es dem Leipziger Künstler in seinen fantastisch-realistischen Arbeiten geht. Wie im berühmten Paris-Urteil steht ein Mann vor drei anmutigen weiblichen Kentauren, die in ihrer nackten Schönheit halb zweifelnd, halb ratlos auf diesen nackten Kerl herabblicken. Wie der Titel des Bildes verrät, ist es der Maler selbst, der dort nicht wie Paris mit einem Apfel die Schönste küren will, sondern mit einer Mohrrübe. Mythos trifft auf Sinnlichkeit. Träume auf Sehnsüchte. Realismus in der Darstellung auf einen vieldeutigen Symbolismus. Nicht ohne Augenzwinkern. Wenn es stimmt, dass jeder Maler nur sich selbst malt, gilt vielleicht auch, dass der Künstler auf den in Gedanken mitmalenden und mitfabulierenden Betrachter vertrauen muss.

Neben den oft humorvollen Kentaurenbildern sind weitere Werke Kissings aus anderen Schaffensperioden sowie Skizzen und Aktfotografien von Kerstin zu sehen. Fantastisch in vielerlei Hinsicht etwa seine Gemälde von Flugapparaten. Oder der Kosmonaut Sigmund Jähn, wie er auf einem fremden Planeten von einer Gruppe intergalaktischer, nackter Amazonen begrüßt wird.

Als sei das alles noch nicht genug, hat Kunsthallenchef Uwe Neumann weitere Maler und Fotografen und deren Werke eingeladen. Sie alle zeigen – Kerstin. Als Renaissance-Schönheit nackt auf einem Holzthron: „Persephone und Orpheus“ vom Papstmaler Michael Triegel. Verrätselt weltenthoben in den Gemälden Leif Borges’. Wie in altmeisterlichen Grafiken bei Dietrich Wenzel oder als Porträt im gemalten Farbenrausch bei Günter Wentz. Und schließlich in raffiniert ausgeleuchteten Fotografien von Günter Rössler und Stefan Hoyer.

Alles in allem ist den Rostockern etwas gelungen, was hohen ästhetischen Schauwert mit kunstwissenschaftlichem Hintergrund verbindet. Kurz: eine Ausstellung, wie man sie sich von anderen Häusern des Landes auch wünschen würde.

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