zur Navigation springen

Ärztepfusch : Die Schmerzen bleiben für immer

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Gelähmt nach einer verhängnisvollen Bandscheiben-OP: Cathleen Augustin (28) ist ein Opfer des Skandal-Chirurgen Dr. Thomas M.

svz.de von
erstellt am 05.Jun.2014 | 10:00 Uhr

Mit Schmerzen im Rücken fing es an. Cathleen Augustin war eine sportliche junge Frau und suchte Linderung. Seit 2007 erlebt die Rostockerin einen Albtraum. Ihr rechtes Bein ist gelähmt, ihre Blase funktioniert nicht. Sie kann nicht arbeiten, ist auf Pflege und starke Schmerzmittel angewiesen – all das nach einer wahrscheinlich unnötigen Bandscheiben-OP mit schweren Komplikationen.

Operiert wurde Cathleen Augustin von Dr. Thomas M., seinerzeit Neurochirurg mit eigener Praxis in Rostock. Der 50-Jährige sitzt seit Februar in Untersuchungshaft. Ab nächster Woche muss er sich vor dem Landgericht Rostock verantworten – aber nicht wegen mutmaßlicher Behandlungsfehler wie bei Cathleen Augustin und gut einem Dutzend anderer Patienten, die sich inzwischen anwaltlich vertreten lassen. Die Staatsanwaltschaft wirft M. Abrechnungsbetrug in Millionenhöhe vor.

„Für mich ist er einfach ein Horror-Arzt“, sagt Cathleen Augustin. Thomas M. hatte einen schlimmen Bandscheibenvorfall diagnostiziert und zum schnellen Eingriff geraten. An den Tag ihrer Operation, den 9. Oktober 2007, erinnert sich Cathleen Augustin genau: „Am Morgen kam ich in die Praxis. Dr. M. schaute kurz rein und sagte: ,Das wird schon’.“ Aber es kam anders. Als Cathleen aus der Narkose erwachte, hatte sie Schmerzen im Rücken und im rechten Bein. Stärker als je zuvor. Am dritten Tag wurde sie aus der Praxisklinik entlassen. Die Schmerzen blieben. „Als ich nach vier weiteren Tagen erneut hinkam, hielt ich es kaum noch aus“, sagt die 28-Jährige.

Thomas M. habe sie beruhigt und die Fäden gezogen. Am Abend zu Hause sah sich Cathleen Augustins Mann, ein gelernter Altenpfleger und Wundmanager, die OP-Wunde an und war entsetzt. Die Verbände waren durchgeblutet. Es folgten mehrere Nachbehandlungen. Die zunehmenden Schmerzen habe der Mediziner als Nervenreizung erklärt, Cortison verordnet und sei in den Urlaub gegangen. „Er sagte noch, dass ich im Notfall ihn anrufen und nicht in die Uniklinik gehen sollte“, berichtet Cathleen Augustin. Aber genau dorthin schickte ihr Hausarzt sie, als sie wiederum mehrere Tage später kaum noch zur Toilette gehen konnte und ihr Bein taub war. Noch in der Nacht wurde die junge Frau notoperiert. Heute ist sie sicher: „Die Ärzte dort haben mein Leben gerettet.“ Sie stellten eine teilweise Querschnittslähmung fest. Außerdem war Rückenmarksflüssigkeit ausgetreten, wodurch es zu einer beginnenden Hirnhautentzündung kam.

Ein Gutachten eines angesehenen Privatdozenten aus Bayern dokumentiert den Fall. Der Wissenschaftler kommt zu dem Schluss: Die Notwendigkeit für eine OP habe nicht vorgelegen. „Ich gehe davon aus, dass sich die schweren neurologischen Defizite erst im weiteren Verlauf entwickelten“, schreibt der Gutachter. Thomas M. habe Behandlungsfehler im Umgang mit den Komplikationen begangen. Auch bescheinigt der Gutachter dem Mediziner „deutliche Versäumnisse“ bei der Aufklärung seiner Patientin sowie der Dokumentation der Behandlung.

Cathleen Augustin hat frühzeitig versucht, andere vor Thomas M. zu warnen. 2008 wandte sie sich an die Ärztekammer. Dass der Mediziner immer noch seine Approbation hat, macht die Rostockerin wütend. „Es hätte weniger Opfer gegeben, wenn er gleich ein Berufsverbot bekommen hätte“, sagt sie. Heute hat Cathleen Augustin Kontakt zu weiteren Betroffenen. Eine Patientin soll an der falschen Seite operiert worden sein, eine andere bekam offenbar Schrauben in die Halswirbel gebohrt, um einen Riss zu behandeln, der gar nicht existierte.

Cathleen Augustin erfährt im Alltag viel Unterstützung von ihrem Mann und ihrer Tochter Lena-Marie (10). Thomas M. will sie nächste Woche im Gerichtssaal gegenübertreten. Sie hofft darauf, Antworten auf die eine Frage zu finden, die sie einfach nicht loslässt: „Warum?“

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen