Ehemaliger MTW-Chef Oswald Müller über die Ostwerften : "Die Schiffbaukrise ist nicht vorbei"

Oswald MüllerTh. Schwandt
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Oswald MüllerTh. Schwandt

Vor 20 Jahren wurden die einst volkseigenen Werften im Nordosten privatisiert. Die Wismarer MTW Werft gehörte ab Oktober 1992 zur Bremer Vulkan AG. Oswald Müller war ihr Geschäftsführer. Wir sprachen mit ihm.

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30. September 2012, 07:25 Uhr

Wismar | Vor 20 Jahren wurden die einst volkseigenen Werften im Nordosten privatisiert. Die Wismarer MTW Werft gehörte ab Oktober 1992 zur Bremer Vulkan AG. Seit 1978 hatte in Wismar Oswald Müller die Geschicke der Werft gelenkt und geleitet. Er blieb bis zu seiner Pensionierung 2002 Geschäftsführer, erlebte und gestaltete den Umbruch im Schiffbau entscheidend mit. Unser Mitarbeiter Thomas Schwandt sprach mit dem 77-jährigen Schiffbauexperten.

War es eine kluge Entscheidung, nach der Wende den Schiffbau in MV zu erhalten?

Oswald Müller: Die großen Werften im Westen, unter anderem HDW, Blohm+Voss und Meyer, waren 1990 in einem Exposé zu der Auffassung gelangt, das vereinigte Deutschland braucht die Ostwerften nicht. Auch der Rest der Welt war auf sie nicht angewiesen. Marktwirtschaftlich betrachtet stimmte das sogar. Aber die Menschen hierzulande brauchten den Schiffbau, er sicherte viele Existenzen.

Der politischen Entscheidung musste die ökonomische Weichenstellung folgen. Wurde die Werftindus trie damals auf das richtige Gleis gebracht?

In die Werften, die bis 1992 zur Deutschen Maschinen- und Schiffbau AG (DMS) gehörten, musste investiert werden, um sie wettbewerbsfähig zu machen. In der DMS AG wurde ein gemeinsames Investitionskonzept für alle Werften im Land favorisiert. Das stieß aber in der Landespolitik und in der Treuhandanstalt auf Widerstand. Die Treuhand wollte die Werften so schnell wie möglich einzeln privatisieren.

Die weitere Geschichte ist bekannt. Nach den Privatisierungen kam der Schiffbau im Land nie mehr in ruhiges Fahrwasser. Wäre die Entwicklung besser verlaufen, wenn die Werften im Verbund der DMS AG verblieben wären?

Es wäre nicht besser verlaufen. Vor allem im globalen Kontext wäre es ebenso schwierig gewesen. Mir war schon Ende der 90er-Jahre klar, dass wir gegen die asiatische Konkurrenz auf lange Sicht einen außerordentlich schweren Stand haben werden.

Bedeutet das, nach der Wende sind mit dem Festhalten am Schiffbau die permanenten Schwierigkeiten der Werften programmiert worden?

Nein. Im seinerzeit abgelehnten Investkonzept für alle Werften im DMS-Verbund war vorgesehen, dass diese sich künftig nicht ausschließlich auf den Schiffbau konzentrieren sollten, sondern auch auf alles, was mit Stahlbau zu tun hat, beispielsweise Brückenkonstruktionen, Schiffsanleger und speziell Offshore-Projekte. Leider ist dieser Weg nicht umfassend beschritten worden. Über mehrere Jahre konnte mit Containerschiffen schnelles und gutes Geld verdient werden. Bis dann mit der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise dieser Bauboom abrupt endete.

Ein Ausweg aus dieser Klemme wird im Spezialschiffbau gesehen. Kann dieser den Schiffbau retten?

Da bin ich skeptisch. Denn diese These suggeriert, die Asiaten könnten das nicht. Das ist aber ein Trugschluss. In Japan, China und Südkorea sind immer schon Spezialschiffe gebaut worden. Auch wird sich der internationale Schiffsmarkt nicht so schnell erholen. Derzeit kommen mehr neu gebaute Frachter auf den Markt, als eigentlich gebraucht werden. Die Krise ist nicht vorbei.

Ist die Insolvenz der P+S Werften ein Vorzeichen für das nahe Aus des Schiffbaus im Nordosten?

Der Niedergang einzelner Werften ist nie ausgeschlossen. Das gilt aber nicht für den Schiffbau insgesamt, denn die Werften können nicht nur Schiffe fertigen. Die Werften in Wismar und Warnemünde besitzen den Vorteil, nicht weit von geplanten Offshore Windparks in der Nord- und Ostsee entfernt zu sein. Mit dem Bau von Konverter-Plattformen verfügen sie über ein gutes Produkt. Betreiben auch Stralsund und Wolgast den Wandel konsequent, bin ich zuversichtlich für diese beiden Standorte.

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