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Mecklenburg-Vorpommern

21. September 2017 | 07:16 Uhr

Die Schätze des Landes

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svz.de von
erstellt am 18.Jun.2013 | 10:34 Uhr

Schwerin | Nachlässig auf der niedrigen Holzbank sitzend, reinigt ein Soldat sein Gewehr. Ein schwarzer Hund beobachtet den arglosen Mann, der möglicherweise die Gefahr nicht ahnt, die sich in weißen Stiefeln hinter dem Torbogen zeigt. Wie kein Maler vor ihm, so sagen Kunstexperten, hat der Niederländer Carel Fabritius in seinem Gemälde "Die Torwache" Farben und Räume komponiert, hat dem Licht ein raffiniertes Eigenleben gewährt. Das Bild stehe "an einer zentralen Stelle der Barockkunst - zwischen Rembrandt und Jan Vermeer", sagt Dirk Blübaum, der Direktor des Staatlichen Museums in Schwerin. Es sei keine Überbewertung, es als eines der bedeutendsten Werke der europäischen Malereigeschichte anzusehen.

Seit 1755 ist das Bild in mecklenburgischem Besitz. Nun hat Bildungsminister Mathias Brodkorb (SPD) es zusammen mit vier weiteren Kunstwerken als national wertvolles Kulturgut unter Schutz gestellt. Sie dürfen nicht ohne Genehmigung ins Ausland verkauft werden. Ein symbolischer Akt, denn ein Verkauf steht nicht zur Debatte. Gleichwohl dokumentiert er den kulturellen Reichtum, der in Mecklenburg-Vorpommern zuhause ist.

Hätte Napoleon 1807 "Die Torwache" nicht aus Schwerin geraubt, wüssten die Schweriner vielleicht heute noch nicht, welchen Schatz sie hüten. Der französische Kaiser ließ das Gemälde in Paris restaurieren. Erst dadurch wurde die Signatur von Carel Fabritius freigelegt. Heute ist es eines von weltweit nur 14 Werken, die zweifellos Fabritius zugeschrieben werden können.

Für 60 Reichstaler kaufte der Kunst sammelnde Herzog Christian Ludwig 1755 "Die Torwache" vom Hamburger Kunsthändler Morell. "Heute ist der Wert des Bildes gar nicht zu beziffern", sagt Blübaum. Um ein Bild als national wertvolles Kulturgut einzustufen, spiele der Marktwert sowieso keine Rolle. "Es geht um das kulturelle, um das ideelle Erbe."

Zum nationalen kulturellen Erbe gehört auch der Pistoxenos-Skyphos, den der Archäologe Wolfgang Helbig 1870 für Großherzog Friedrich Franz II. in Rom erstand. Der Trinkbecher ist nach dem Töpfer benannt, der ihn um 470 vor Christus schuf. Wer ihn mit den Figuren aus der griechischen Sagenwelt bemalte, ist namentlich nicht bekannt. Da wird ein selbstbewusster Herakles von seiner altersschwachen Amme Geropso zum Musikunterricht genötigt, während Herakles´ Halbbruder Iphikles seinem Lehrer Linos lauscht.

Dem Nürnberger Goldschmied Christoph Jamnitzer und dem Züricher Hinterglasmaler Hans Jakob Sprüngli haben die Mecklenburger einen Prunkhumpen zu verdanken, der seit 1617 zum Silberinventar der Mecklenburger Herzöge gehört. Weltweit sind nur vier dieser reich verzierten Stücke erhalten. Einer steht in Kassel. Herzogin Elisabeth von Mecklenburg vererbte ihn 1625 ihrem Vater, dem hessischen Landgrafen Moritz.

Dynastische Heiratspolitik spiegelt auch der prachtvolle Tafelaufsatz wider, laut Blübaum "ein einzigartiges Meisterwerk, das es weltweit kein zweites Mal gibt". Er kam als Geschenk des preußischen Königs Friedrich Wilhelm nach Schwerin, als Erbprinz Friedrich Ludwig die russische Zarentochter Helene Pawlowna heiratete. Aus mattem Biskuitporzellan schuf Carl Friedrich Riese den Amor und die Psyche sowie die tanzenden Grazien und Horen.

Unter Kulturschutz gestellt hat Minister Brodkorb auch eine hochgotische Meditationstafel, die als die älteste erhaltene deutsche Hinterglasmalerei gilt. Das um 1330 im Lüneburger Raum entstandene Kunstwerk gehört zu den ältesten Andachtsgegenständen des 1920 aufgelösten Rostocker Zisterzienserinnenklosters.

Mecklenburg-Vorpommern hat erst begonnen, seine Liste der national bedeutenden Kulturschätze zu füllen. Brodkorb hat Museums- und Sammlungsleiter aufgefordert, weitere Vorschläge einzureichen. In der für die Bewertung zuständigen Kommission wird bereits darüber diskutiert. Blübaum, der dem Gremium angehört, will allerdings nicht sagen, um welche Objekte es geht. Es könnte sich um den Goldschatz von Hiddensee und um den bronzezeitlichen Kultwagen von Peckatel handeln. Während die Kulturschätze öffentlicher Institutionen frei zugänglich sind, fragt sich Kommissionsmitglied Kornelia von Berswordt-Wallrabe, welche "ungehobenen" Kostbarkeiten von nationaler Bedeutung in privater Hand sind.

Auch in Mecklenburg-Vorpommern gebe es alteingesessene private Sammler, die teilweise aus bitterer Erfahrung die Öffentlichkeit meiden. Schließlich seien zu DDR-Zeiten private Sammlungen gezielt enteignet und auseinandergerissen und Kunstwerke Devisen bringend ins Ausland verkauft worden.

Allerdings erkennen auch die Verwalter öffentlichen Kulturgutes nicht immer, welche Werte sie unter ihren Fittichen haben. So löste zum Beispiel der Verkauf der umfangreichen alten Gym nasialbibliothek durch das Stralsunder Stadtarchiv eine heftige Debatte aus.

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