zur Navigation springen
Mecklenburg-Vorpommern

24. November 2017 | 08:47 Uhr

Die Rückkehr des Urzeitfisches

vom

svz.de von
erstellt am 09.Apr.2013 | 12:02 Uhr

Der armdicke Stör windet sich zwischen den Händen von Carsten Kühn. Auch wenn der Diplom-Biologe kräftig zupackt, hat er Mühe, den etwa fünfzig Meter langen Fisch festzuhalten. Kaum zwei Minuten kann er das Tier mit der charakteristischen Nase kontrollieren. Danach lässt er es zurück ins Wasser gleiten.

Als Sachgebietsleiter des Instituts für Fischerei in Born auf dem Darß hat Carsten Kühn täglich mit Stören zu tun. Denn in der Außenstelle der Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei Mecklenburg- Vorpommerns wird der Baltische Stör gezüchtet. Ziel ist es, die einst in der Ostsee heimische Fischart hier wieder anzusiedeln. Doch dazu benötigt es viel Geduld. Denn: „ Die Weibchen brauchen bis zu 16 Jahre, bis sie geschlechtsreif sind“, berichtet Carsten Kühn. Bereits seit Mitte der 1990er-Jahre initiiere das Institut Maßnahmen, um den Störbestand in der Ostsee wieder zu erhöhen.

200 Jungtiere wurden in die Oder ausgesetzt

„Insgesamt wurden bisher 23 oder 24 Einzelprojekte zum Wiederbestand des Störs durchgeführt“, so Carsten Kühn. Erst gestern wurden 200 Jungtiere, die aus Born stammen, bei Hohensaaten (Brandenburg) in die Oder gesetzt. Baltische Störe laichen vornehmlich in schnell fließenden, kiesigen Untergründen. „Diese hat die Oder und ihre Nebenflüsse zu bieten“, erläutert Carsten Kühn. Deshalb habe man die Tiere in Gewässern im Nationalpark Unteres Odertal ausgesetzt. Die Jungtiere, die alle markiert sind, sollen von hier aus ihre Reise in die Ostsee antreten.

„Störe müssen zunächst ihre Brutstätte kennen“, berichtet Sachgebietsleiter Kühn und weiter: „Es ist wichtig, dass sie auf ihre Laichgründe geprägt werden“. Dann würden die Fische auch zur Reproduktion in die Oder zurückkehren. Kühn fügt hinzu: „Erst wenn sie in 16 Jahren hier laichen und dann regelmäßig zur Reproduktion zurückkehren, war das Projekt erfolgreich“.

Doch zunächst hoffen Carsten Kühn und seine Kollegen vom Institut für Fischerei, dass die ausgesetzten Störe gen Norden wandern. „Durch die Markierung können wir die Wanderung und das Wachstum der Fische kontrollieren“, sagt der Sachgebietsleiter. In der Vergangenheit konnten so bei zuvor ausgesetzten und markierten Tieren einzelne Erfolge ausgemacht werden. „Beispielsweise haben wir einen Stör mit 900 Gramm Gewicht ausgesetzt“, so Kühn. Bereits ein Jahr später wäre das Tier wieder gefangen wurden. Diesmal brachte es stolze 1,9 Kilogramm auf die Waage. „Es gibt kaum eine andere Fischart, die so schnell an Gewicht zulegen und die innerhalb eines Jahres ihr Gewicht verdoppeln kann“, berichtet der Sachgebietsleiter.

Auch sonst ist der Stör ein Fisch der Superlative. Denn mit seinen hellen Knochenplatten statt Schuppen ist der Baltische Stör ein Überbleibsel aus der Urzeit und gilt als lebendes Fossil. Er ist der größte europäische Wanderfisch – ein Wanderer zwischen Flüssen, Seen und Meeren. Ausgewachsene Tiere können zudem bis zu acht Meter lang werden.

„Mit dieser Größe haben die Störe eigentlich keine natürlichen Feinde“, so Carsten Kühn vom Institut für Fischerei. Gefahr drohte der Fischart in der Vergangenheit vor allem vom Menschen. Denn Umwelteinflüsse, verbaute Flüsse und zu viel Fischfang verringerten den Bestand dramatisch. Insbesondere wegen seines Kaviars wurde der Stör früher massenweise gefangen. Die Folge: Lange Zeit wurden in der Ostsee keine Baltischen Störe mehr gesichtet.

Erst 2010 gelang es in der Darßer Außenstelle, Nachwuchsstöre künstlich zu züchten. „Wir haben 36 Baltische Störe aus Kanada 2005 einfliegen lassen“, erinnert sich Carsten Kühn zurück. Seitdem wurde mit diesen versucht, Nachwuchs zu reproduzieren. Und das mit Erfolg. Mittlerweile gibt es im Institut mehrere Hundert Nachwuchsstöre, die ebenfalls laichen. Aufgrund des Futters werden die Tiere hier schneller geschlechtsreif. „Wir haben bis jetzt etwa 700 Nachwuchslaicher“, erzählt Kühn stolz.

Der Prozess der Reproduktion im Institut ist hochkomplex. „Wir haben zuvor an den ersten Elterntieren aus Kanada Gentests durchgeführt“, berichtet der Sachgebietsleiter. So habe man die besten Reproduktionsmöglichkeiten ermittelt. Und Mutationen ausgeschlossen. Die Befruchtung der Störeier läuft zudem immer künstlich ab. Wenn Larven schlüpfen, werden sie Tag und Nacht überwacht. Ein Computer kontrolliert den Sauerstoffgehalt in den Fischbecken; Futter fällt in der exakten Menge zur richtigen Zeit automatisch hinein. Alle Bemühungen haben nur ein Ziel: Den Störbestand wieder zu erhöhen. „Wir wollen, dass die Fische sich ausweiten und auch nicht nur in der Oder, sondern auch anderswo laichen“, bekräftigt Kühn. Deshalb suche man den Kontakt zu anderen Instituten. „Wir arbeiten eng mit Stellen in Polen zusammen“, erzählt Kühn. Auch sei eine Zusammenarbeit mit Interessenten im Baltischen Raum geplant.

Letztlich erhoffen sich die Mitarbeiter von der Darßer Außenstelle für den Stör ein ähnliches Comeback wie für den Ostseeschnäpel. Der Fisch war in der vorpommerschen Boddenlandschaft zu Hause. Doch aufgrund der schlechten Wasserqualität in den 1980er- und 90er-Jahren stand der Schnäpel kurz vorm Aussterben. Durch umfangreiche Ansiedlungsprogramme, an denen auch das Institut für Fischerei in Born beteiligt war, konnte die Fischart in der Darß-Zingster Boddenkette wieder heimisch werden.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen