Tierschutz : Die Rückkehr des Ur-Fisches

Torsten Weder, Ranger im UNESCO-Biosphärenreservat Schaalsee, kontrolliert die Jungtier-Nachzucht der Urmaräne am Drewitzer See
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Torsten Weder, Ranger im UNESCO-Biosphärenreservat Schaalsee, kontrolliert die Jungtier-Nachzucht der Urmaräne am Drewitzer See

Sie ist das Wappentier einer ganzen Region: die Große Maräne. Doch der wohl bekannteste Fisch im Schaalsee hat nichts mit der Ur-Maräne zu tun – das soll sich jetzt ändern.

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16. August 2015, 09:00 Uhr

Viele Restaurants zwischen Lübeck und Zarrentin werben bei ihren Gästen mit der von Kennern sehr geschätzten Fischart auf ihren Menükarten: Die Große Maräne besitzt ein sehr wohlschmeckendes, feines weißes Fleisch und ist auch noch reich an Omega-3-Fettsäuren. Relativ wenige Gräten sind beim Essen auszusortieren und auch preislich kann man sich die Maräne gut leisten. Doch die „Große Maräne“, die in der Schaalsee-Region serviert wird, ist nicht mehr die eigentliche „Große Urmaräne“. Stattdessen kommen Feinschmeckern hier andere Maränen auf den Tisch: Unter anderem Blaufelchen, Bodenseefelchen oder auch Sandfelchen – mit ihnen wird der See seit 1876 besetzt, sie haben sich genetisch vermischt.

„Wir reden von der Urmaräne des Schaalsees, die bereits seit der Eiszeit hier vorkommt und jetzt bis auf einzelne Exemplare ausgestorben ist“, sagt Elke Dornblut vom UNESCO Biosphärenreservatsamt Schaalsee-Elbe.

Die Urmaräne wurde verdrängt von den anderen Fischarten. Sie steht bereits seit vielen Jahren auf der Roten Liste der gefährdeten Süßwasserfische Deutschlands. Experten gehen davon aus, dass es nur noch einzelne Tiere der Urgattung im tiefsten Klarwassersee Norddeutschlands gibt. Doch das soll sich langfristig wieder ändern.

Deswegen hat das UNESCO-Biosphärenreservatsamt Schaalsee-Elbe mit Sitz im mecklenburgischen Zarrentin jetzt ein grenzübergreifenden Projekt mit Schleswig-Holstein gestartet. Die echte Schaalseemaräne, die über 50 Zentimeter lang werden kann und zu den lachsähnlichen Fischen zählt, soll in dem 24 Quadratmeter großen Binnensee wieder heimisch werden. Hier sind die Lebensbedingungen optimal. So kommt im Tiefwasser des Schaalsees, zwischen 8 und 40 Meter die Flohkrebsart Pallasea quadrispinosa vor – und die gehört wiederum zu den Leibspeisen der Maräne.

Auf der Suche nach der genetisch reinen Urschaalseemaräne wurden die Forscher inzwischen auch tatsächlich fündig: im Drewitzer See bei Alt Schwerin – an der Mecklenburgischen Seenplatte. Hier war offensichtlich irgendwann ein Besatz durch Urschaalseemaränen erfolgt, fanden Forscher der Universität Rostock heraus. „Von den dort lebenden Elterntieren wurden Laich und Milch abgestreift und die Jungtiere erbrütet – ein wirklich komplizierter Vorgang“, erzählt Torsten Weder, der als Ranger im UNESCO-Biosphärenreservat Schaalsee unterwegs ist.

Drei Monate durfte die Jungtier-Nachzucht am Drewitzer See heranwachsen. Dann wurden 14  000 Minifische in große Fässer verladen und per Transporter ins 150 Kilometer entfernte Zarrentin gebracht. „Nahezu alle Jungfische haben den Transport überstanden, auch das ist außergewöhnlich“, berichtet Ranger Torsten Weder. Und dann der große Moment: Die nur vier Zentimeter große Schaalsee-Urmaränen wurden von den drei ortsansässigen Fischern im UNESCO Biosphärenreservat ins Wasser gelassen – verteilt auf verschiedene Gebiete im tiefen See. Jetzt heißt es für alle Beteiligten: Daumen drücken. Denn die Babyfische müssen einiges überstehen – von Anglern über Seeadler bis hin zu Raubfischen, die Jagd auf sie machen werden. Allerdings: Jede fünfte Urmärane wird nach der Erfahrung der Experten überleben. Erst im Alter von vier Jahren sind die jetzt eingesetzten Maränen fortpflanzungsfähig. Deshalb sollen im nächsten Frühjahr noch einmal Tausende kleiner Jungfische im Schaalsee eingesetzt werden. Die Naturschützer hoffen, einmal eine eigene Nachzucht der großen Urschaalseemaräne am Binnensee betreiben zu können.

Doch bis dahin gilt es in dem dreijährigen Projekt mit Schleswig-Holstein, den Fischereibehörden beider Länder und den Fischern das länderübergreifende Artenschutzprojekt auch Fakten zusammenzutragen und die Lebensbedingungen dieser eigenständigen Maränenart aus dem Schaalsee zu untersuchen. Ziel soll sein, den Bestand der Urschaalseemaräne im Drewitzer See und perspektivisch auch im Schaalsee zu sichern. Die Fischer sollen den Besatz der Jungfische im UNESCO-Biosphärenreservat in den nächsten Jahren verschonen. Wie das genau gelingen kann, ist bislang noch nicht klar. Denn optisch ist die Urschaalseemaräne kaum von ihren jüngeren Konkurrentinnen zu unterscheiden. Die Kosten für die Rückkehr der Urmaräne stehen jedoch schon fest: Rund 160  000 Euro wird das Unesco-Biosphärenreservatsamt Schaalsee-Elbe investieren.

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