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25 Jahre Lichtenhagen - Teil 3 : Die „Robbe“ ist schuld

vom
Aus der Onlineredaktion

Als das Sonnenblumenhaus brannte, zog sich die Polizei zurück. Michael Ebert war als Jung-Polizist damals im Einsatz

svz.de von
erstellt am 24.Aug.2017 | 05:00 Uhr

Das erste, was Michael Ebert tut, ist sich zu entschuldigen. In der Psychologie gibt es ein Phänomen, erklärt er: Wenn sich der Mensch immer wieder an etwas erinnern muss, wird jedes Mal eine andere, eine neue Geschichte daraus. Details fallen weg, Neues kommt hinzu. Deshalb tue es ihm leid, nicht alles, was er sagen wird, muss tatsächlich so passiert sein.

Ebert sitzt zurückgelehnt in seinem Bürostuhl, die Hände zur Merkel-Raute geformt, angestrengtes Gesicht. Er will sich erinnern. Damals, im August 1992, war Ebert Polizeimeister in Rostock, unterste Ebene, 22 Jahre alt. Das brennende Sonnenblumenhaus kennt er nur von Erzählungen und den Bildern aus dem Fernsehen. Denn als am 24. August 150 Menschen drohten, in den Flammen umzukommen, stand er zusammen mit seinen Kollegen rund einen Kilometer entfernt am Revier Lütten-Klein. Sie waren abgezogen worden. Der Höhepunkt eines mehrtägigen Versagens.

Heute hat Ebert das wohl größte Büro der Rostocker Polizeiinspektion, auf dem riesigen Schreibtisch türmen sich Akten, immer wieder klingelt sein Telefon. Er ist Rostocks Polizeichef. Damals Untergebener, heute Taktgeber. Über den Weg hin zur Katastrophe sagt Ebert: „Das musste eskalieren.“ Dabei kannte er die Zustände, die campierenden Roma und Sinti vor dem Sonnenblumenhaus, nach eigenen Angaben nur vom Vorbeifahren, er wohnte damals außerhalb Rostocks. Und unter Kollegen sei Lichtenhagen vor den Krawallen sowieso kein großes Thema gewesen. Jeder war mit sich selbst beschäftigt, erinnert sich Ebert: Führungskräfte aus dem Westen, Mitarbeiter, die nicht wussten, ob sie nach Prüfung ihrer Stasi-Unterlagen noch in der Polizei arbeiten dürfen, dazu eine schlechte Ausrüstung. Und die Ausbildung neuer Polizisten beschränkte sich laut Ebert schon mal auf drei bis sechswöchige Lehrgänge. Die damalige Landespolizei, für ihn eine „Polizei im Umbruch“, sei 1992 nicht in der Lage gewesen, einen mehrtägigen Einsatz zu organisieren.

Den Beginn der verhängnisvollen Tage erlebte Ebert ohne Führung. Am 22. August, einem Sonnabend, kümmerte sich Rostocks Polizeichef Siegfried Kordus um einen Rauschgiftfall und sein Stellvertreter, Polizeioberrat Jürgen Deckert, hatte sich tags zuvor ins Wochenende nach Bremen verabschiedet. Ein Zug der Landespolizei war in Bereitschaft. Folge des anonymen Drohbriefes, der Tage zuvor in den lokalen Medien abgedruckt wurde.

Mit seinen Kollegen fuhr Ebert nach Lichtenhagen zum Asylbewerberheim, mit einem Wartburg und zwei alten Opel. Anfangs sah er keine Rechtsradikalen. Dafür Anwohner, die auf die Straße gingen, unzufrieden mit sich und der Situation vor Ort. Jeder Polizist fuhr in der Uniform, die er gerade anhatte, als der Befehl kam. Die moderne Ausstattung mit Schutzwesten und Schlagstöcken lag in Schwerin. „Wir sind erstmal auf die Suche gegangen, nach einem, der uns sagen konnte, wie und wo wir verwendet werden sollten“, erzählt Ebert. „Mit welchen Auftrag überhaupt.“

Eine Erinnerung ist für ihn am präsentesten: Eine brennende Mülltonne an der Fußgängerbrücke, die von Lichtenhagen rüber in den Stadtteil Groß-Klein führt. Der Rest sind vereinzelte Bilder von Gewalt; wie ein loser Film, der mit den Jahren immer weiter verblasst.

Die Lagebilder von damals? In den Berichten steht: „Schleuderten Steine und Molotowcocktails“ – „Zunehmende Verbissenheit und Brutalität“ – „Gezielter Abschuß von Signalraketen und Feuerwerkskörpern“ – „204 verletzte Polizisten“. Aber auch: „Da am Wochenende in Schwerin keine Kraftfahrer bereitstanden, mußten um 22.34 Uhr Kraftfahrer erst nach Schwerin geschickt werden, um die beiden Wasserwerfer zu holen.“

Und dann war da dieser eine Funkspruch. Gesprochen am 24. August 1992 gegen 20 Uhr von „Robbe 101“, die Kennung vom Einsatzleiter Jürgen Deckert, der seit 40 Stunden im Einsatz war. Die Aussage: „Maßnahmen an der ZAST einstellen.“ Das Asylbewerberheim war am Nachmittag geräumt worden. Die Einsatzkräfte am Sonnenblumenhaus, eine Hundertschaft aus Hamburg, zogen sich daraufhin zurück. Sie geriet in einen Straßenkampf mit Randalierern, Polizisten aus MV eilten zur Hilfe. Nach anderthalb Stunden rückte die Polizei geschlossen ab. Zu viel Gewalt. Das Sonnenblumenhaus, aus dem es zu lodern begann, war ungeschützt. Und mit ihm 150 Menschen. Pogrom ohne Staatsmacht.

 

Bis heute ist nicht abschließend geklärt, wer den Befehl erteilte. Ein Parlamentarischer Untersuchungsausschuss des Landtags (PUA) versuchte später die Ereignisse aufzuarbeiten. Deckert bestreitet einen Abzugs-Befehl. Seine Erklärung vor dem PUA: Er habe einen Schichtwechsel vor dem Asylbewerberheim gewollt. Hamburger Polizisten weg. Hiesige davor. Es zogen sich alle zurück. Die „Robbe“ ist schuld.

Deckert wird später vor dem PUA ebenfalls sagen: Für die Vietnamesen, vom Feuer eingeschlossen, nur einen Aufgang von der ZAST entfernt – für die hat er keine Gefährdung gesehen. Und der Chef der Rostocker Polizei, Siegfried Kordus, fuhr an jenem Abend nach Hause. „Zum Hemdwechseln“, wie er es formulierte. Und war nicht mehr zu erreichen.

Und Ebert? Er stand mit seinen Kollegen am Revier in Lütten-Klein, als Flammen in einem Plattenbau Stadt und Land ein Stigma aufdrückten, mit dem beide bis heute zu kämpfen haben. „Wir hätten da sein können“, sagt er.

Tage später musste Ebert in das Sonnenblumenhaus. Zusammen mit anderen Polizisten sollte er schauen, ob auf dem Dach Wurfgeschosse gelagert wurden. Auf dem Weg hoch sah er zerstörte Wohnungen, zerborstene Scheiben, alles war verkohlt, kalter Rauch hing in der Luft. Er begann zu verstehen.

19 Jahre nach Lichtenhagen wurde Ebert Rostocks Polizeichef. Er glaubt, dass Menschen in Deutschland noch immer bereit sind, Häuser anzuzünden. Menschen anzuzünden. Selbst wenn die Strukturen andere sind, ob in der Gesellschaft oder in der Polizei. Er denkt zurück an 2015, als an einigen Tagen Hunderte Flüchtlinge nach Rostock kamen. Ebert spricht von „großen Sorgen und Ängsten“, die er hatte. Das kann lähmen. Oder Antrieb sein. Die Rostocker Polizei bewertete damals 80 Objekte, die für die Unterbringung der Flüchtlinge in der Stadt infrage kamen, manchmal sogar nachts. Sie schrieb Beurteilungen, gab Empfehlungen, sprach mit der Kommune, jeden Tag. Dass es in Rostock nicht noch einmal brannte, ist auch sein Verdienst. „Es gab keine Diskussion über die Notwendigkeit“, sagt Ebert. „Alle haben mitgespielt.“

Aus Fehlern zu lernen, das heißt für Michael Ebert auch, sich immer wieder zu erinnern. Und selbst wenn ihm Details entfallen sein sollten: Das Pogrom von Lichtenhagen ist seine Triebfeder. Nie wieder.

Chronologie: Eskalation der Gewalt

10.12.1990

Es treffen die ersten 120 Asylbewerber in der zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZAST) in Rostock-Lichtenhagen ein, darunter 20 Erstbewerber und 98 bereits in den alten Ländern registrierte und per Quote zugewiesene Flüchtlinge.

1991

Rund 1800 Asylsuchende durchliefen die ZAST. In den Kommunen tauchen die ersten Schwierigkeiten mit der Unterbringung der Bewohner auf. In der ZAST beginnt sich der Bewerberstrom zu stauen.

1992

Im Frühjahr steigen die Zahlen sprunghaft an, insbesondere durch den unkontrollierten Flüchtlingsstrom aus Rumänien. 50 bis 70 Asylbewerber stehen täglich vor der Tür.

Etwa 200 Menschen, zumeist Roma, lagern auf dem Rasen vor der ZAST. Ein Zeltlager am Stadtrand von Rostock wird errichtet. Im Juni-Monatsbericht des Innenministeriums heißt es: „Die in der Gemeinschaftsunterkunft Rostock-Hinrichshagen aufhältigen ausländischen Flüchtlinge konnten durch die ZAST statistisch nicht erfasst werden.“

Juni 1992

Im Juni stehen 394 Quoten-Bewerbern 1364 Erstbewerber gegenüber.

In Lichtenhagen wächst der Unmut der Bevölkerung. Rostocks Innensenator Peter Magdanz (SPD): „Wir hatten ernsthafte Hinweise aus der Bevölkerung, dass es in den nächsten Tagen kracht.“

22. August 1992

Gegen 20 Uhr: Vor dem Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen, in dem sich die Zentrale Aufnahmestelle  befindet, versammeln sich rund 1000 Menschen. Etwa 300 bis 400 von ihnen beginnen, das Gebäude mit Steinen zu bewerfen. Anwohner feuern  Randalierer an. Nur wenige Polizisten sind vor Ort, werden selbst angegriffen und ziehen sich daraufhin zurück.

Später Abend und in der Nacht:  Die Polizei stockt ihre Einsatzkräfte auf etwa 150 Beamte auf, kann die Lage aber nicht entschärfen. Gegen 2 Uhr morgens treffen zur Verstärkung Wasserwerfer aus Schwerin ein, aber erst gegen fünf Uhr morgens hat die Polizei die Situation vorläufig im Griff.

23. August 1992

Gegen Mittag rotten sich erneut Gewalttäter vor dem Sonnenblumenhaus zusammen. Sie erhalten Unterstützung von bundesweit bekannten Rechtsextremen, so etwa vom berüchtigten Neonazi Christian Worch.

Nachmittag und Abend: Am Nachmittag greifen die zumeist jugendlichen Täter erneut die Aufnahmestelle und das Wohnheim an. Bis 20 Uhr haben sich rund 800 Gewalttäter versammelt.

Später Abend und Nacht: Die Angriffe mit Steinen und Molotowcocktails gehen weiter. Auch die Polizei wird angegriffen. Um 22.30 Uhr löst Lothar Kupfer, Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern, landesweiten Alarm aus. Um 2 Uhr nachts können Polizisten aus Hamburg sowie Beamte des Bundesgrenzschutzes die Ausschreitungen stoppen.

24. August 1992

Nachmittag: Rostock-Lichtenhagen beruhigt sich. Die ZAST wird geräumt, der Stein des Anstoßes.

Abend: Jetzt eskaliert die Lage. 1000 Gewalttäter randalieren am Sonnenblumenhaus, werfen Steine und Brandsätze. Dahinter 3000 Schaulustige. Es fängt an  zu brennen.

Später Abend und in der Nacht: 150 Menschen sind in Aufgang 19, dem Wohnheim der Vietnamesen, eingeschlossen. Das Feuer arbeitet sich Stockwerk für Stockwerk hoch. Die Polizei zieht sich zurück.

25./26. August 1992

Die Ausschreitungen  gehen weiter. Rechte und Anwohner lassen ihrer Wut freien Lauf. Die Polizei setzt Wasserwerfer und Tränengas ein. Erst am Mittwoch gegen zwei Uhr morgens ist die Lage unter Kontrolle.


 
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