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Mecklenburg-Vorpommern

23. November 2017 | 23:29 Uhr

Die richtige Wahl für Bellevue?

vom

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erstellt am 20.Feb.2012 | 08:13 Uhr

Berlin | Joachim Gauck ist Realist: Bei seinem ersten Auftritt als Präsidentschaftskandidat einer parteiübergreifenden Koalition beteuert der 72-Jährige, er sei weder fehlerlos noch ein Supermann. Und doch könnten die Erwartungen an den früheren DDR-Bürgerrechtler kaum größer sein. Nach dem so ungewöhnlichen Präsidentencasting schwärmen die Parteivorsitzenden von CDU, CSU, FDP, SPD und Grünen unisono von Gaucks moralischer Autorität, seinem Mut, seinem rhetorischen Talent und - für den Nachfolger Christian Wulffs nicht ganz unwichtig - seiner Unabhängigkeit, die der Demokratie wieder Glanz verleihen sollen.

Hintergründe zur Person und zum Werdegang von Joachim Gauck.

Wo liegen Joachim Gaucks Wurzeln?

Wenn der gebürtige Rostocker von Freiheit und Verantwortung spricht, verleiht ihm seine bewegte Biografie besondere Glaubwürdigkeit. Gauck, Kapitänssohn des Jahrgangs 1940, erlebt schon als Kind die Schrecken zweier Diktaturen. Als der Vater für Jahre in einem sibirischen Gulag verschwindet und die Familie keinerlei Lebenszeichen erhält, lernt Joachim zu beten. Dass er mal Pastor werden würde, war dem Spross einer, wie er selbst sagt, "gar nicht so religiösen" Familie nicht in die Wiege gelegt. Gleichzeitig weckt die staatliche Willkür gegen den Vater im jungen Joachim früh die Erkenntnis, dass die SED-Propaganda nur wenig mit der Realität der DDR-Bürger zu tun hat.

Mit 27 Jahren wird der Mecklenburger Pastor im ländlichen Lüssow. Gaucks Predigten, die schon damals um sein "Lebensthema" Freiheit kreisen, wecken den Argwohn der Stasi. Auch im Westen Gehör findet Gaucks Predigt im Oktober 1989, in der der Bürgerrechtler seine Landsleute zum Bleiben in der DDR ermutigt. Dass drei seiner vier Kinder aus der Ehe mit seiner Frau Hansi lange vor der Wende aus der DDR ausreisten, dass er, der verlassene Sohn, auch als Vater ein Zurückgebliebener war, hat Gauck wohl umso tiefer getroffen.

Wie kam Gauck zur Politik?

1990 wird Gauck als Sprecher des Rostocker Neuen Forums in die Volkskammer gewählt und steigt zum Vorsitzenden der Bürgerbewegung auf. In ihrer letzen Arbeitssitzung ernennt die Volkskammer Gauck zum "Sonderbeauftragten für die personenbezogenen Unterlagen des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes".

Obwohl er die "Gauck-Behörde" schon 1995 verlässt, kennen ihn die Bundesbürger bis heute vor allem als "Stasi-Beauftragten". In seinem ehrenamtlichen Eintreten für Freiheit und Demokratie, das immer zugleich ein Eintreten gegen das Vergessen ist, nutzt Gauck ein Talent, das die Sehnsucht nach einem Präsidenten Gauck schon 2010 maßgeblich beflügelt haben dürfte: Er kann, so schwärmt nicht nur die Grünen-Parteivorsitzende Roth, "Worte zum Klingen bringen." Bei der Bundespräsidentenwahl im Sommer 2010 unterliegt der von SPD und Grünen aufgestellte "Kandidat der Herzen" dem Regierungskandidaten Christian Wulff erst im dritten Wahlgang - und nutzt die Gelegenheit, sich auch als guter Verlierer zu präsentieren.

Was sind Gaucks Schwachstellen?

Joachim Gauck ist nicht nur ungewöhnlich eloquent, sondern auch ungewöhnlich offen. So scheute er sich nicht, Thilo Sarrazin für dessen provokante Thesen zur mangelnden Integrationsbereitschaft von Migranten Mut zu bescheinigen - und das mitten in der heißen Phase, als Deutschland vehement um Sarrazins "Kopftuchmädchen" stritt. Der "Occupy"-Bewegung begegnet er gegen den Zeitgeist mit Skepsis, und Hartz-IV-Empfängern sagt er, dass es keine Tugend sei, "wenn man den ganzen Tag Zeit hat und den Gören kein Mittag macht". Die Wahrheit, meint Gauck, ist dem Bürger zumutbar - und sei es auch auf Kosten von Wählerstimmen. Gut möglich, dass er diese in der Politik eher unübliche Haltung im Sinn hat, wenn er die Parteivorsitzenden nach seiner Kür bittet, "die ersten Fehler gütig zu verzeihen und nicht von mir zu erwarten, dass ich ein Supermann und ein fehlerloser Mensch bin". Ganz offen geht er auch mit einer privaten Schwachstelle um, die manch Konservativem eine Angriffsfläche bieten könnte: Die Ehe mit der Mutter seiner Kinder ging in die Brüche, wurde aber bis heute nicht geschieden.

Wenn Gauck im März ins Schloss Bellevue einzieht, begleitet ihn eine Frau, mit der er seit zwölf Jahren liiert, aber nicht verheiratet ist. Schon 2010 gelobte Gauck in der Super-Illu, die 52-Jährige Journalistin Daniela Schadt zu heiraten, wenn er zum Präsidenten gewählt werde. Auch dafür bekommt Joachim Gauck jetzt eine zweite Chance.

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