Tourismus : Die Rheinländer kommen

Sommer, Sonne, Strand: Die kurzen Ferienzeiten sorgen in MV für Gedränge am Strand.
Foto:
Sommer, Sonne, Strand: Die kurzen Ferienzeiten sorgen in MV für Gedränge am Strand.

Jeder siebente Urlauber in MV kommt aus Nordrhein-Westfalen / Touristikbranche peilt neues Spitzenjahr an

svz.de von
04. Juli 2014, 11:45 Uhr

Staus auf Straßen und an Frühstücksbuffets, Platznot am Badestrand, Schlangen am Zeltplatzklo – jetzt wird es voll. „Das wird ein Knallstart“, erwartet Tobias Woitendorf. In den vergangenen Jahren sei die Urlaubergemeinde in MV mit Ferienbeginn stets nach und nach größer geworden. Doch in diesem Jahr wird es eng – „das gibt ein Gedränge von Anfang an“, glaubt der Sprecher des Landestourismusverbandes in Rostock. Mit dem morgigen Ferienstart im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen werden Hoteliers, Köche, Zimmermädchen oder Campingplatzbetreiber kaum Zeit zum Luftholen bleiben – die Rheinländer kommen.

In MV beginnt mit der diesjährigen Feriensaison die kürzeste seit Jahren – nur 71 Tage lang. Das bringt die Branche ums Geschäft: Erstmals hat Deutschland den Juni aus der Ferienplanung ausgelasssen – in keinem Bundesland haben bis 30. Juni die Sommerferien begonnen. Das werde Millionenverluste bringen, hatte Verbandspräsident Jürgen Seidel vorgewarnt. An jedem Tag verkürzter Ferienzeit gehen der Branche in MV mindestens drei Millionen Euro verloren – zehn Tage weniger Ferien 30 Millionen Euro.

Die Urlauber kommen trotzdem: Zuerst die Nordrhein-Westfalen – nach den Sachsen die größte Gästegruppe in MV, nächste Woche folgen Berliner, Brandenburger und Hamburger. Etwa jeder siebente Urlauber in MV komme vom Rhein – und bucht z. B. eines der 300 000 Gästebetten. Bei den Übernachtungen erwarten die Hoteliers ein Ergebnis auf Vorjahresniveau – 28,2 Millionen Übernachtungen, das zweitbeste Tourismusjahr. Nur 2009 kamen noch mehr Urlauber. Noch liegt Bayern in der Gunst der Deutschen vorn: Die Süddeutschen haben 2013 ihre Spitzenposition bei den Topreisezielen der Deutschen für Urlaube ab fünf Tage Dauer behaupten können. Aber, der Norden kommt: „Wir haben die Situation, in der die Bayern den heißen Atem der Mecklenburger und Vorpommern spüren“, gab Verbandschef Seidel im Frühjahr die Richtung vor.

Doch die Branche läuft Gefahr, ihren guten Ruf zu verlieren. Der monatelange Streit um illegale Ferienwohnungen in Wohngebieten lässt bei Urlaubern die Sorgen wachsen. Erste Kreise drücken nach jahrelanger Ignoranz eine Bundesregelung durch, nachdem das Oberverwaltungsgericht Ferienwohnungen in Wohngebieten für unzulässig erklärt hatte. Urlauber vor verschlossenen Türen? Es gebe Zusagen, dass bereits gebuchte Quartiere davon nicht betroffen sein sollen, erklärt Woitendorf. SPD, CDU, Linke und Grüne mahnen die Landkreise jetzt, von Ermessensspielräumen im Gesetz Gebrauch zu machen. Doch auch das am Mittwoch vorgelegte Kompromisspapier der vier Landtagsfraktionen kann die Ängste der Vermieter und Urlauber nicht nehmen.

Vor allem aber drohen massive Ausbaupläne für neue Windkraftanlagen direkt vor der Ostseeküste MV in Verruf zu bringen. Mit dem Landesraumentwicklungsprogramm (LEP) will das Land die Eignungsflächen für Windparks in der Ostsee verzehnfachen, sieht ein erster Entwurf vor.

Vor der Insel Poel, vor Rerik, Heiligendamm, Graal-Müritz, aber auch nordwestlich von Hiddensee, östlich vor Rügen, ein Testgebiet vor Boltenhagen: Sieben neue Windparkflächen mit einer Gesamtfläche von 500 Quadratkilometern – ein Meer von Windkraft-Spargel statt unendlicher Horizont.

Die Touristiker laufen Sturm: Schon beim ersten Windpark vor dem Darß zeichneten sie Untergangsszenarien. 16 Kilometer vor der Küste steht inzwischen der erste Park – von der damaligen Kritik ist nicht viel geblieben. Beim Blick auf die Ostsee sind die Windräder kaum wahrnehmbar. Die neuen Pläne werden Urlauber aber deutlich in den Blick fallen: Hunderte Windräder, jedes inklusive Flügel 200 Meter hoch, bis zu sechs Kilometer dicht am Strand – „ein gravierender Einschnitt in die Natur, die Erlebbarkeit der Ostsee“, reiht sich Sterne-Koch Tillmann Hahn aus Bad Doberan in die Protestreihe ein. Die Gäste könnten wegbleiben, fürchten die Ostseebäder: „Wir werben für unsere Ostsee mit einer intakten Natur, die man sehen und erleben kann. Wie aber das, wenn die Sonne hinter einem Windrad untergeht und Möwen zwischen Windrädern fliegen?“, wird in einem Protestaufruf der Ostseebäder gefragt. Die Branche sieht tausende Jobs in Gefahr. Die Warnemünder Woche oder Hanse Sail, Welt- und Europameisterschaften würden an Attraktivität verlieren, warnt auch Steffen Westerkamp vom Segler-Verband MV. Die Unternehmen machten sich ernsthafte Sorgen, meint Woitendorf: „Kein anderer Bereich bestimmt das Image des Landes so positiv wie der Tourismus.“

Hoteliers, Gastronomen, Segler, Bürgermeister – es hagelt Kritik, doch entschieden ist noch nichts: Bis zur heute endenden Widerspruchsfrist für den ersten Entwurf des Landesplanes seien 270 Stellungnahmen eingegangen, teilte das Energieministerium gestern mit. Kommunen könnten noch bis September die Pläne bewerten. Das Interesse ist groß: Mehr als 500 Betroffene hätten sich auf einer der sechs Informationsveranstaltungen an der Debatte beteiligt. Abspeisen lassen wollen sich die Touristiker aber nicht: Sichtkorridore oder etappenweiser Ausbau der Windparks reichten nicht. Die Eignungsgebiete müssten anders zugeschnitten werden, meint Woitendorf.

Dazu wird es kommen: Der erste Entwurf zeige lediglich das „planerisch Machbare“, erklärt Ministeriumssprecher Steffen Wehner: Im zweiten Entwurf würden die Gebietskulissen sicher anders aussehen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen