Unterwäsche für den Mann : Die Revolution im Schritt

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Erst vor 80 Jahren bekam der Mann endlich eine ansehnliche Unterhose. Zuvor war es bei ihm untenrum sehr unansehnlich.

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08. Dezember 2014, 11:45 Uhr

Männer, sagt die aus dem Fernsehen bekannte Sexologin Ann-Marlene Henning („Make Love“), machten sich bei der Unterwäscheauswahl zu wenig Gedanken. „Es gibt Unterhosen, die alles kaschieren oder eben auch solche, die deutlich eine Wölbung erkennen lassen“, sagt sie. „Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass der Blick einer Frau bei der Begegnung mit einem Mann auf die Beule in seiner Hose fällt – wo dann nichts zu sehen ist, kann auch nichts inspirieren.“

Wird das männliche Kind zum Teenager, steht eine Richtungsentscheidung an, die der heranwachsende Mann nie wieder ändern wird: Entweder wird er Links- oder Rechtsträger. Das liegt an der Mittelnaht seiner Unterhose. Oft scheint es in diesem Alter ein Zufall zu sein, eine Laune, keine bewusste Entscheidung, auf welcher Seite das Gemächt fortan getragen wird. Aber es gilt fürs ganze Leben und ist mehr oder weniger sichtbar.

Das ist seit 80 Jahren so, ein deutschstämmiger Amerikaner ist schuld daran. Arthur Kneibler rettete damit seine Wäschefirma Cooper Inc. in der großen Depression von 1934, die in den USA Tausende Unternehmen zusammenbrechen ließ und zu einer Millionen-Arbeitslosigkeit führte. Die Unterhose, die sein Erfinder patentieren ließ – und die inzwischen milliardenfach kopiert wurde –, nannte er „Jockey“ und sie galt seit 1935 als sexy. Es war der erste Slip. Kneibler war beim Strand-urlaub an der Cote d’Azur auf die Idee gekommen, dort trugen Männer – damals nur in Europa möglich, im Land der unbegrenzten Möglichkeiten unmöglich – kurze Badehosen ohne Beinröhren. Das sah verwegen aus und machte markant, was den Mann am Unterleib von der Frau unterscheidet.


Es schlotterte zwischen den Beinen…


Man mag sich gar nicht vorstellen, wie es dort vorher bei ihm aussah: Es schlotterte zwischen den Beinen, war verknautscht gleich nach der ersten Wäsche und es sah fatal nach Windel aus. Vor dem Slip trug man(n) Hemdhose, was auch sehr unhygienisch war. Die Trikotunterwäsche war eine Kombination aus langer Unterhose und daran genähtem Hemd, teilweise mit Hosenträgern. Ein grauenhafter Anblick. In manchen Westernfilmen ist das noch zu sehen, wenn der Cowboy der Bardame im Kabinett über dem Saloon näherkommt.

Schon 1880 hatte der prominente medizinische Volksberater Gustav Jäger festgestellt: „Die Hemdhose passt mehr für magere Leute. Sind nämlich die Schenkel so stark befleischt, dass sie in der Mitte im Schritt zusammenstoßen, kann der Schweiß aus dem zwischen sie eingeklemmten Teil der Hemdhose nicht genügend abdunsten.“ Zudem war es in der Zeit vor der Waschmaschine üblich, eine Unterhose die ganze Woche lang zu tragen. Da waren nicht nur Gerüche zu beklagen, das Ding war auch ein Liebestöter.

Das Absacken der Baumwolle im Schritt konnte erst beseitigt werden, als der Chemiker Walter Bock 1929 den synthetischen Gummi erfand. Das Gewebe aus Textil- und Gummifäden hält bis heute, inzwischen ganz flach und kaum wahrnehmbar, mitsamt dem Stoffzwickel die Männerunterhose zusammen. Seither ist des Mannes bestes Stück gut gelagert im Halbfutteral, aber auch durch den Hosenstall schnell zu greifen.

Wahrhaft eine Revolution im Schritt. Wenn es nicht das Lydonsche Gesetz gäbe. Der kanadische Psychologe John Lydon hat es vor einigen Jahren durch diskrete Forschung zum Vorschein gebracht: Noch erwachsene Männer lassen sich von ihrer Mutter die Unterhosen kaufen, noch mehr Ehegesponse tun das für ihren Liebsten – zu 70 Prozent. Aber gesetzmäßig zu seinem Nachteil. Während sich Frauen Tangas, Strings, Höschen, Push-ups, Strapse, Dessous und verwegenen Ausschnitt erlauben, werden Männer simpel abgefertigt mit Slip oder Boxershorts. Zwei Drittel der Unterhosen sind weiß, schwarz oder marineblau. Einfältig, unansehnlich, unsexy. Ann-Marlene Henning ermuntert alle Unterhosenträger, man solle „seinen Mann stehen und sich schnellstmöglich von Mami abnabeln“.


Pants gefallen dem weiblichen Auge


Zum 80. Geburtstag der Unterhose hat das Online-Portal „Shopaman“ 1322 Männer und Frauen befragt, wie sie es untenrum am liebsten haben – beim Mann: 46 Prozent der Herren stehen auf bequeme Boxershorts, die kaftanmäßig anmuten und oft das Gemächt baumeln lassen. 26 Prozent bevorzugen den klassischen Slip, eng anliegend, praktisch mit dem Schlitz vorn in der Mitte. 25 Prozent der Männer tragen Pants, elastischer Stoff, die Wölbung des Geschlechts betonend. Nur zwei Prozent gehen im String, dem knappen Höschen.

Frauen finden Pants am Mann zu 63 Prozent besonders attraktiv, er gilt dann als echter Kerl mit jeder Menge Testosteron. Die Boxershorts mögen nur 22 Prozent der Weiblichkeit, der Slip fällt mit sechs Prozent fast durch. Außerdem kommen Bildmotive nicht gut an beim anderen Geschlecht, 40 Prozent der Frauen finden das albern.

Die Geschichte der Männerunterhose ist ästhetischer geworden, das zeigen allein schon die Riesenplakate, die stattliche Mannsbilder in schicken Pants zeigen. Mit Pants haben sich die Geschlechter angenähert, sie verkörpern die Emanzipation des Mannes. Der werde, so Ann-Marlene Henning, „zunehmend zum Sexobjekt“. Passend zur Unterhose wäre es dann noch gut, meint sie, „ein Sixpack mitzubringen. Und hiermit meine ich nicht die Biere!“


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