"Die Produktionsfirmen kämpfen ums Überleben"

„Es gibt gute Gründe, Filme über unser Land zu machen,“ - Dieter Schumann, Filmemacher
„Es gibt gute Gründe, Filme über unser Land zu machen,“ - Dieter Schumann, Filmemacher

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05. Oktober 2011, 10:11 Uhr

Quo vadis, Filmland Mecklenburg-Vorpommern?

MV hat gewählt, die Koalitionäre treten jetzt zusammen und bestenfalls wird es in der zu treffenden Vereinbarung auch zwei Sätze zum Thema Filmförderung geben.

Vor fünf Jahren war im Koalitionsvertrag zu lesen, dass die Filmförderung mit der Maßgabe der Stärkung des Drehstandortes MV zu entwickeln ist, um vor allem als Imagefaktor das Land populärer zu machen. Was hat sich seitdem getan?

Die vor drei Jahren mit einem jährlichen Volumen von 400 000 Euro ausgestattete Wirtschaftliche Filmförderung unterstützte drei Filmproduktionen einheimischer Produzenten, der überwiegende Anteil der Mittel ging an große Filmproduktionen, die Dreharbeiten in MV durchführten. Dabei ist mir nicht eine Produktion bekannt geworden, die ihre Entscheidung für den Dreh im Lande von der inländischen Förderung abhängig machte oder im Anschluss ein Büro in MV einrichtete. Wie viele Betten durch das Auftauchen einheimischer Landschaften im Film zusätzlich ausgelastet wurden, ist schwer zu ermitteln.

Es kann aber angenommen werden, dass der Bekanntheitsgrad unserer Ostseeküste und der Mecklenburgischen Seenplatte nicht nennenswert gesteigert wurde, zumal die Handlungsorte im Film oft woanders hin verlagert werden. Auch im Service-Bereich ist keinerlei Infrastruktur dazugekommen. Die großen Produktionen bringen alles selber mit. So kann man getrost von einem Mitnahmeeffekt ausgehen.

Welcher Effekt entstand für die Infrastruktur im Lande? Zu den gerade mal fünf nennenswerten eher kleinen Filmproduktionsfirmen ist keine dazugekommen, noch konnten diese zusätzliche Arbeitskräfte einstellen. Ganz im Gegenteil, sie kämpfen mehr denn je ums Überleben. Die bisherigen Regeln der Wirtschaftlichen Filmförderung bieten im bundesweiten Vergleich die schlechtesten Konditionen für die einheimischen Produzenten. Kameramänner und Schnittmeister, die von ihrer Arbeit leben wollen, wechseln in andere Berufe oder gehen außer Landes. Auf der anderen Seite bemüht sich die kleine Kulturelle Filmförderung mit einem Volumen von 200.000 € tapfer um die Förderung des landeseigenen Nachwuchses. Doch was nützt es, wenn dieser eines Tages im Beruf arbeiten und davon leben möchte? Ihm bleibt nur die Abwanderung an lukrativere Standorte.

Also was tun? Für 2012 ist die Wirtschaftliche Filmförderung nicht etwa nur gekürzt sondern genullt. Sich im Medienzeitalter generell von der Förderung des wirksamsten Kulturträgers zu verabschieden ist nicht nur rückwärts gewandt, es ist katastrophal. Nicht nur heute, sondern auch für die Zukunft, wo Identität und Geschichte immer mehr von audiovisuellen Zeitzeugnissen getragen werden, hätte der Verzicht auf eine eigene Filmproduktion fatale Folgen. Und es gibt gute Gründe, Filme über unser Land zu machen.

Ein Beispiel: Unser Kinodokumentarfilm "Wadans Welt" berichtet über den Existenzkampf der Wismarer Schiffbauer in Zeiten der Krise. Der Film wurde in diesem Jahr von vielen Festivals in der ganzen Welt eingeladen. Das Goethe-Institut wird ihn in seinen 80 Ländervertretungen anbieten.

Nicht die schönen Strände haben die Zuschauer im In- und Ausland überzeugt, es war die Mentalität der Menschen, die sie interessierte, deren Ruhe und Bodenständigkeit, ihr Traditionsbewusstsein und der Stolz auf ihre Arbeit. Dem Untertitel des Films "Von der Würde der Arbeit" hätte man den "Von der Würde des Mecklenburgers" beifügen können.

Landschaften mögen wichtig sein für die Darstellung unseres Landes, doch wichtiger sind die Menschen, die in ihnen leben. Wir brauchen die Filmproduzenten, die mit diesem Land verbunden sind. Und wir brauchen eine Filmförder-Politik, die ihre Arbeit und Existenz ermöglicht.

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