Report : Die Polizistin von Hiddensee

Peitschender Wind und salziges Meer: Inselpolizistin Martina Dominik auf Streifengang mit Schäferhund Maggie
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Peitschender Wind und salziges Meer: Inselpolizistin Martina Dominik auf Streifengang mit Schäferhund Maggie

Martina Dominik repräsentiert seit einem Jahr den Rechtsstaat auf der Ostseeinsel.

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19. März 2018, 20:45 Uhr

Wind klatscht den Regen an die „Vitte“. Die Fähre schiebt sich von Rügen durch graues Wasser unter grauem Himmel zum dunkelgrauen Horizont. Aus dem Nebel schält sich die Silhouette einer Insel: Hiddensee. Als Polizistin Martina Dominik vor einem Jahr voller Erwartungen und mit einem Miettransporter voller Möbel auf die Insel fuhr, kannte sie ihren künftigen Job – mehr aber nicht.

Die Gemeindeverwaltung hatte ihr eine Übergangswohnung gestellt, damit sie möglichst zügig ihren Dienst antreten konnte. „Die Wohnung kannte ich nur vom Grundriss“, lacht die 52-Jährige. Dass sie vor einem Jahr ihre Arbeit im Kriminaldauerdienst in Schwerin mit dem Job des vermeintlich einsamen Insel-Sheriffs auf Hiddensee tauschte, hat Dominik nicht bereut. „Meistens waren die Entscheidungen, bei denen andere den Kopf schütteln, für mich die besten.“ Dominik repräsentiert als einzige Kontaktbereichsbeamtin seit dem 20. März 2017 den Rechtsstaat auf dem „söten Länneken“.

Immer mit der Ruhe? Im Vorjahr gab es 68  000 Übernachtungs- und rund 195  000 Tagesgäste.
Jens Büttner
Immer mit der Ruhe? Im Vorjahr gab es 68 000 Übernachtungs- und rund 195 000 Tagesgäste.

Von ihrer Polizeistation, einem etwa 15 Quadratmeter großen Büro im Rathaus in Vitte, reicht der Arm des Gesetzes von der Heide südlich des Fischerortes Neuendorf bis an die Spitze des Dornbusches. „Auf Hiddensee ist der Polizist noch Polizist“, sagt Dominik. Eine anerkannte Autorität – sicher auch dank ihrer verbindlich-burschikosen und freundlichen Art. Die üblichen Probleme der Großstadt – Jugendgangs, Drogendealer, Flüchtlingskriminalität – gibt es hier nicht. Eine Insel der Vollkommenheit ist Hiddensee dennoch nicht.

Auf der Streife durch Vitte kommt ihr Gregor Tomczak entgegen. Der gebürtige Pole arbeitet seit fünf Jahren auf Hiddensee, betreibt inzwischen einen Fahrradverleih und hat eine Frage an die Beamtin. In diesem Jahr will er zusätzlich zu E-Bikes und Fahrrädern erstmals Go-Karts verleihen. „Du weißt, dass die Straßen und Wege im Sommer sehr voll sind. Verkehrsregeln gelten auch für diese Fahrzeuge“, gibt Dominik zu bedenken. Der 26-Jährige nickt. Er werde vor der Benutzung die Mieter einweisen, auch versicherungstechnisch habe er bereits alles geklärt.

Im Sommer ist Hiddensee, das zu dieser Jahreszeit fälschlicherweise den Ruf einer einsamen Ostseeinsel genießt, voller Touristen. Nach Angaben der Kurverwaltung besuchten im vergangenen Jahr zusätzlich zu den 68 000 Übernachtungsgästen rund 195 000 Tagesausflügler die Insel. In die abgelegenen idyllischen Ecken in der Heide schafft es von den Tagestouristen kaum jemand. Meist reicht die Stippvisite nur für eine Kutschfahrt oder einen Spaziergang zwischen Kloster und Vitte. Dann beginnt die Rushhour auf den Wegen zwischen den Orten: Fahrradfahrer, Pferdekutschen, bummelnde Rentner, herumspringende Kinder. „Wo viele Menschen sind, entstehen auch Konflikte“, sagt Dominik. Die Polizistin musste sogar einen Vermisstenfall lösen. Ein Rentnerehepaar hatte sich im Sommer aus den Augen verloren. Die 80-jährige Frau meldete sich aufgeregt bei der Polizei. „Es gab ein Happy End“, lacht Dominik.

Das Dienstfahrzeug – natürlich elektrobetrieben
Jens Büttner
Das Dienstfahrzeug – natürlich elektrobetrieben
 

Karambolagen auf Wegen, ruhestörender Lärm in den Abendstunden, Handydieb-stähle, auch einmal verwüstete Strandkörbe – im Sommer gab es einen Moment, in dem sie angesichts der Vielzahl an Delikten schon gezweifelt habe, ob die Entscheidung für die Insel die richtige gewesen sei. Zum Glück stand ihr im Juli und August ein zweiter Beamter, ein junger Bäderpolizist, zur Seite. Der unmittelbare Kontakt zu den Bürgern sei ihr schon immer wichtig gewesen, so die Inselpolizistin auf ihrem Streifengang. Auch deshalb sei sie von Schwerin auf die Insel gewechselt. Als verschlossenes Inselvölkchen habe sie die Hiddenseer nicht kennengelernt. Im Notfall könne man auf die Insulaner zählen.

Die reizvollsten Momente erlebt die Polizistin im Winter. Selten nutzt sie dann das Dienstfahrrad: „zu windig“. Noch seltener das elektrobetriebene Polizeiauto: „Nur, wenn es schnell gehen muss.“

Vor allem wenn Touristen auf die Insel strömen, gibt es Verkehrsdelikte oder kleinere Diebstähle.
Jens Büttner
Vor allem wenn Touristen auf die Insel strömen, gibt es Verkehrsdelikte oder kleinere Diebstähle.
 

An diesem Märztag führt sie der erste Streifengang zusammen mit Schäferhund Maggie von ihrem Zuhause, dem inzwischen renovierten landeseigenen Wachtmeisterhäuschen, über den Strand ins etwa 500 Meter entfernte Büro. Der Wind peitscht über das salzige Wasser, die Wellen brechen am Ufer, Maggie jagt den Möwen hinterher. Die Polizistin nutzt die kalten und ruhigeren Monate, um die Insel zu erkunden, alle noch so verschwiegenen Schleichwege und Pfade abzulaufen. Sie verschafft sich Ortskenntnis, wie es im Polizistendeutsch heißt.

Neben dem Pastor ist der Polizist hier noch eine feste Größe. Die Balance zwischen Arbeit und Privatem sei ihr inzwischen ganz gut gelungen. Einige Dinge könnten warten bis zum nächsten Tag. Einen harten Inselkriminalfall – wie im Fernsehen, vielleicht mit einer mysteriösen Leiche im nebelumwaberten Schilfgürtel – hat die Polizistin bislang noch nicht lösen müssen.

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