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Studium in Greifswald : „Die Ostsee macht nicht alles wett“

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Aus der Onlineredaktion

Moritz Harrer (22) und Dominik Bernhardt (24) erzählen von ihrem Studium in Greifswald – warum sie herkamen und warum sie wieder gehen werden

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erstellt am 26.Sep.2016 | 12:00 Uhr

„Meine Kommilitonen vergleichen mich mit Erich Honecker. Sie witzeln, ich sei wie er aus dem Saarland in den Osten gekommen und mache hier Politik.” Moritz Harrer studiert Öffentliches Recht und Politikwissenschaft an der Universität Greifswald. Er sitzt in einer Eckkneipe auf dem Campus und schlürft einen Kaffee mit Milch. „Ich habe mir die entfernteste Universität in ganz Deutschland ausgesucht. Weiter weg von zu Hause hätte ich zum Studium nicht gehen können.” Dominik Bernhardt unterbricht seinen Sitznachbarn. „Zufällig war ich erst letzten Monat im Saarland. Es sind bestimmt knapp tausend Kilometer bis dorthin.” Dominik ist angehender Gymnasiallehrer. Er studiert Englisch und Geschichte in Greifswald. „Ich habe dort unten ein Praktikum gemacht. Gerade die saarländischen Dörfer erinnerten mich an Vorpommern. Die Leute fühlen sich dort im Saarland auch etwas im Stich gelassen.”

Doch abschreckend wirkte die pommersche Hansestadt nicht. „Studieren mit Meerwert” - seit Jahren lockt das Landesmarketing wie auch die zwei Universitäten und vier Hochschulen in MV mit dem maritimen Slogan junge Menschen an die Küste. Erfolgreich, nicht nur bei Moritz und Dominik. Etwa 60 Prozent der Studienanfänger zogen aus anderen Bundesländern in den Norden und ließen sich von Strand und Studienbedingungen überzeugen. Nur 40 Prozent stammen direkt aus Mecklenburg-Vorpommern. „Wir haben vor allem in Hamburg, Schleswig-Holstein und im Raum Berlin-Brandenburg verstärkt auch in öffentlichen Verkehrsmitteln für die Universität Greifswald geworben“; sagt deren Sprecher Jan Meßerschmidt. Das Marketing lockt auch gezielt Geisteswissenschaftler nach Greifswald. „Allerdings sind die Zulassungsbeschränkungen in Greifswald extrem niedrig“, merkt Moritz an. „Selbst beim Medizinstudium. Das zieht Leute aus ganz Deutschland an. Manche lästern sogar, Greifswald sei die Dummen-Uni.“

Moritz Harrer hatte keine Bedenken, so hoch in den Nordosten zuziehen. „Vorurteile gab’s da gar nicht mehr.” Seine Eltern ware sogar selbst berufsbedingt nach Brandenburg umgezogen. Weder Freunde noch Familie hätten negativ auf seinen neuen Wohnort reagiert. Die ländliche Umgebung und die vielen Kleinstädte kennt der Politikstudent aus dem Saarland. „Bei uns reiht sich auch ein Dorf ans andere. Nur eben alle zwei Kilometer und nicht alle zwanzig.”

Als er vor seiner Entscheidung die neue Wahlheimat googelte, stieß er nach kurzer Suche auf einen YouTube-Hit aus Vorpommern. Der SPD-Politiker Patrick Dahlemann stellte sich damals vor ein offenes Mikrofon auf einer NPD-Veranstaltung in Torgelow. Selbstbewusst trotzte er den Buh-Rufen aus dem Publikum. Das imponierte Moritz Harrer. Den damals frisch gebackenen Abiturienten schreckten auch die hohen Wahlergebnisse der NPD nicht ab. „Der heutige Bundesvorsitzende der NPD hat schließlich in meiner Heimatstadt sogar als Bürgermeister kandidiert. Braune Ecken bin ich also gewöhnt.”

Dominik Bernhardt entschied sich vor einigen Jahren, von Berlin an die Küste zu ziehen. Der „Meerwert” überzeugte ihn. „Ich weiß noch genau, wie die U-Bahnen voll waren mit den Plakaten.“ Auch in Dominiks Fall war das MV-Marketing erfolgreich. Doch er bekam die typischen Vorurteile entgegen geschmettert: Rechtsradikal, nichts los und eher deprimierend. „Nicht nur aus Nordrhein-Westfalen, auch von Freunden aus Berlin kamen solche Sprüche.” Doch der angehende Lehrer ließ sich nicht abbringen. Zum Glück, sagt er, denn die gleichen Leute schimpften heute über Berlin und hoffnungslos überfüllte Hörsäle dort. Seminare auf Treppenstufen zu verbringen, war für ihn keine Option. „In Greifswald kennen mich die Professoren mit Namen.” Wie zum Beweis hebt er die Hand und winkt einem bärtigen Mann zu, der gerade am Cafe vorbeieilt. „Da haben wir’s, das war gerade ein Dozent von mir.” Die Ostsee, eine überschaubare Stadt und eine kleine Universität überzeugten ihn nach nur einer Wikipedia-Suche. „Ich hatte Greifswald vorher nie gesehen. Im Internet gesucht, eingeschrieben, fertig.” Er schmunzelt.

Doch die beiden Studenten bemerkten nach einigen Semestern auch die Schattenseiten. „Zu Professoren und Dozenten kann man in Greifswald zwar leicht ein persönliches Verhältnis aufbauen – wenn denn welche da sind.“ In der Politikwissenschaft, sagt Moritz, sind die meisten Dozenten schon weg. „Die hatten nur befristete Verträge.” Auch einige Lehrstühle in der Geschichtswissenschaft würden schlicht nicht mehr mit Professoren besetzt.

Spürbare Konsequenzen der „Zielvereinbarung 2016 - 2017” des Bildungsministeriums MV mit den Hochschulen. Darin ist vereinbart, dass bis zum nächsten Jahr 190 Stellen an der Uni Greifswald abgebaut werden müssen. Auch die restlichen 765 Stellen garantiert das Ministerium nur bis 2020. Bereits in der Landtagsdebatte um die Zielvereinbarung im Januar 2016 kritisierte der LinkenPolitiker Hikmat Al-Sabty, dass die Lehramtsausbildung auf einen Notstand hinsteuere.

Seit dem Wintersemester 2010 sinken laut Universitätsstatistik konstant die Studentenzahlen der Philosophischen Fakultät. Jener Fachbereich, in dem sich auch Dominik zum Gymnasiallehrer ausbilden lässt. Zugleich wuchs die mathematisch-naturwissenschaftliche Abteilung an der Uni. Eine Folge der Bildungspolitik, die in Greifswald auf Biotechnologien, Medizin und Physik setzt.

Dominik wohnt nun seit vier Jahren im Norden. Die Stadt sei wirklich bemüht um ihre Studenten, so seine Erfahrung. Greifswald sei nicht groß, habe aber ein tolles Nachtleben. „Auf 60 000 Einwohner kommen knapp 10 000 Studenten. Hier gibt es genügend Clubs und Bars.“ Ursprünglich wollte er sogar hier bleiben. „Die Lehrergehälter sind gut, man wird sogar verbeamtet. Leider zieht das Angebot bei mir nicht mehr. Die Lehramtsausbildung war einfach verkorkst: Schlecht verwaltet, Personalmangel und viele Streitereien mit dem Prüfungsamt. Mir wurde nicht das Gefühl vermittelt, nach der Ausbildung hier zu arbeiten. Es ist Schade, ich mag die Stadt und fühle mich hier eigentlich wohl.“

Moritz lebt seit drei Jahren in Greifswald. In seinem Fazit ist er hin- und hergerissen. „Was die Stadt angeht: richtig gut. Nur die Austattung der Uni und die fehlenden Lehrkräfte störten mich. Trotzdem bereue ich es nicht, hier studiert zu haben.“

Und wie geht es bei ihm weiter? „Ich bin erstmal in Bremen für ein Praktikum. und danach im Saarland. Ich will arbeiten, aber mache vielleicht auch noch einen Master. Ich bin da offen und hätte nichts gegen ein weiteres Studium in Greifswald. Tendenziell werde ich aber auch weggehen.“

Profilbildung der Hochschulen über Zielvereinbarungen

Deutsche Universitäten genießen gewisse Freiheiten gegenüber dem Staat. Die „Hochschulautonomie“ garantiert, dass die Bildungseinrichtungen ihre Forschung und Lehre selbstständig regeln dürfen. Das Landeshochschulrecht regelt die genauen Berührungspunkte mit dem Staat. Die Universitäten dürfen zum Beispiel ihr Personal alleine verwalten, ein eigenes Rechnungswesen führen, Prüfungen anbieten oder über Bauangelegenheiten auf dem Campus selbst entscheiden. Auch rechtliche Bestimmungen kann die Hochschulleitung erlassen, wie etwa das Verbot rechtsextremer Kleidermarken auf dem Campus.

Die Landesregierung bestimmt trotzdem den Kurs der Hochschulpolitik. Natürlich in erster Linie über die Finanzierung der Ausstattung von Studiengängen. In Zielvereinbarungen handeln die Hochschulen mit dem Land aus, wo welche inhaltlichen Schwerpunkte in Lehre und Forschung gesetzt werden und welche Investitionen vom Land finanziert werden.

 

 

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