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Merkel startet Stromautobahn : "Die Ostsee ist sehr zu empfehlen"

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Mit einer neuen Ost-West-Stromautobahn soll die Energieversorgung besser gesichert werden. Bundeskanzlerin Angela Merkel startete die 380-Kilovolt-Leitung gestern in der Landeshauptstadt Schwerin.

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erstellt am 18.Dez.2012 | 07:58 Uhr

Schwerin | Nicht nur für Anton Keller vom Schweriner Goethe-Gymnasium war es gestern ein Festtag - der Sechstklässler feierte seinen 12. Geburtstag. An seiner Schule wird die neue Mitmachausstellung des Stromnetzbetreibers 50Hertz "Energie gemeinsam wenden" zum ersten Mal zum Einsatz kommen, ehe sie an andere in Ostdeutschland weiterwandert. Und Anton wie auch seine Klassenkameradin Eva Gasparyan finden: "Da wird einem richtig klar, was Windräder bewirken, dass der radioaktive Müll alles kaputt macht und Atomkraftwerke die Welt weiter verschmutzen."

Eingeladen waren Anton, Eva und zahlreiche andere Gäste zur Inbetriebnahme einer 88 Kilometer langen Hochspannungsleitung zwischen Schwerin und Krümmel bei Hamburg durch 50Hertz in Schwerin. Auch dessen Vorsitzende der Geschäftsführung, Boris Schucht, sprach von einem "Festtag", so kurz vor Weihnachten. Die "Windsammelschiene" von Schwerin nach Krümmel bei Hamburg gilt als wichtiger Baustein für die Energiewende. Sie soll Windstrom aus dem Nordosten in den Raum Hamburg transportieren, um so auch die Stilllegung der Atomkraftwerke Krümmel und Brunsbüttel aufzufangen. Über den Knotenpunkt Krümmel soll der Strom außerdem in den Süden Deutschlands fließen. Planung und Bau der Stromautobahn dauerten zehn Jahre.

Das Teilstück auf mecklenburg-vorpommerscher Seite war allerdings schon 2010 fertig. Anlass für Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ihrem Wahlkreis-Bundesland auf die Schulter zu klopfen: "Gerade hier in MV ist gezeigt worden, dass man mit pragmatischen Vorgehen einen leichten Zeitvorsprung erreichen kann. Das war an der Straße deutlich zu sehen, wenn die Trasse kurz vor Lübeck verendete." Für die Nachbarn in Schleswig-Holstein könne dies aber Ansporn sein.

Zuvor hatten Schucht und auch Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) für einen Ausbau der Trassen geworben. "Wir brauchen den schnellen Ausbau von Stromautobahnen von Nord nach Süd, insbesondere der Korridor D von der Ostsee bis nach Bayern ist wichtig", sagte Sellering. Und Schucht: "Ohne den weiteren Ausbau in den Süden und Westen kann die Windenergie des Nordens nicht genutzt werden." Nach Angaben des 50Hertz-Chefs kostet allein der Nichtausbau der so genannten Thüringenbrücke etwa 150 Millionen Euro im Jahr - bei einmaligen Investitionskosten von 300 Millionen Euro.

Zwar befürwortete Merkel den Ausbau: "Wer Ja sagt zu den Erneuerbaren Energien, muss auch Ja sagen zum Netzausbau". Die Kanzlerin meinte aber auch: "Ich bin sehr dafür, dass wir uns auf das Notwendige beschränken. Aber das sind tausende Kilometer. Jetzt sind wir noch unter hundert." Wichtig sei, die wachsenden Strommengen aus dem Nordosten zu den Verbrauchern zu transportieren. Die Kanzlerin machte sich in dem Zusammenhang auch für die Ostsee als Standort für Offshoranlagen stark. Gegenüber Mitbewerbern sei sie vielleicht sogar günstiger: Neueste Untersuchungen zeigten, dass die Windbilanz die gleiche wie die der Nordsee sei - bislang war dies öfter bezweifelt worden. "Die Ostsee ist sehr zu empfehlen", rührte Merkel die Werbetrommel vor heimischen und angereistem Publikum. Experten aus dessen Reihen ergänzten, dass an der Ostsee zudem die Wege kürzer und damit die Kosten beim Ausbau der Infrastruktur geringer seien. "Die Energiewende gibt es nicht zum Nulltarif, sagte Schucht aber auch.

Merkel kündigte an, bis kommenden Sommer das Erneuerbare-Energien-Gesetz zu reformieren. Dabei wolle sie darauf achten, "dass wir dort die erneuerbaren Energien fördern, wo sie am günstigen erzeugt werden können". Zudem müsse die Befreiung vieler industrieller Großverbraucher von der Ökostrom-Umlage geprüft werden. Wer nicht im weltweitem Wettbewerb stehe, muss damit rechnen, von der Befreiung ausgenommen zu werden.

Ein weiteres Problem, das wiederum 50Hertz umtreibt: "Ungeeignete Gebiete" sollten nicht in den Genuss höherer Förderung kommen, so Schucht. 50Hertz betreibt das Übertragungsnetz in den Bundesländern Berlin, Brandenburg, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. "Die Vorreiterländer des Nordens dürfen nicht künstlich abgetrennt werden", forderte Schucht, ehe Merkel und Sellering - sichtlich überrascht - mittels überproportionalem Stecker und ebensolcher Kupplung symbolisch die neue Leitung in Betrieb nahmen. Ein Festtag für alle eben.

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