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Mecklenburg-Vorpommern

18. November 2017 | 15:21 Uhr

Spendenaktion : Die Nummer gegen Kummer

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Tausende Mädchen und Jungen nutzen jährlich die anonyme Beratung am Telefon / Beim Schweriner Kinderschutzbund laufen Anrufe ein

von
erstellt am 15.Dez.2014 | 20:30 Uhr

Ein Telefonklingeln durchhallt den kleinen Raum. Immer und immer wieder. Der Hörer wird abgenommen und eine männliche Stimme erklingt: „Kinder- und Jugendtelefon. Hallo.“ Am anderen Ende meldet sich ein Jugendlicher, irgendwo aus Deutschland, der Rat sucht.

Am Kinder- und Jugendtelefon können Mädchen und Jungen vertraulich und anonym über ihre Probleme sprechen. Die Berater haben immer ein offenes Ohr. Sie haben gelernt, zuzuhören. So auch Torsten Heine*. Er ist seit Oktober 2006 ehrenamtlich Berater beim Deutschen Kinderschutzbund Kreisverband Schwerin. Acht Stunden im Monat nimmt der Rentner sich die notwendige Zeit, auf die Probleme und Fragen der Ratsuchenden einzugehen. Ein Viertel des finanziellen Aufwands für das Sorgentelefon muss aus Spenden generiert werden. Auch dafür soll Geld aus der Weihnachtsaktion unserer Leser fließen.

„Es sind nicht immer ,schöne’ Themen“, weiß Torsten Heine zu berichten. Die häufigsten Probleme, über die die Jugendlichen sprechen wollen, haben mit der Scheidung der Eltern zu tun. Häufig geht es auch um Liebeskummer, Trauer oder Mobbing. „Hier versuchen wir die Jugendlichen zu ermutigen und ihnen einfach zuzuhören“, so der 68-Jährige. Das Repertoire an Lebenserfahrung ist dabei sehr hilfreich. Zudem durchlaufen die Telefonberater eine 80-stündige Ausbildung.

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Besonders die Anonymität scheint es vielen Anrufern zu erleichtern, ihre Probleme und Sorgen anzusprechen. Die Kinder und Jugendlichen können selbst entscheiden, welche Themen sie ansprechen und wie lange sie darüber reden möchten. „Durchschnittlich reden wir zehn bis 15 Minuten mit den Anrufern. Aber es können auch Gespräche entstehen, die über eine Stunde dauern“, so der Berater.


Hilfe zur Selbsthilfe anbieten


Das oberste Ziel ist, die anrufenden Kinder und Jugendlichen zu stärken, zu informieren und bei Bedarf auch zu motivieren, weitergehende Hilfe in Anspruch zu nehmen. „Es rufen beispielsweise auch Jugendliche an, die über Vorfälle von sexuellem Missbrauch berichten“, erzählt der Berater. „Durch die Anonymität kann man die Mädchen und Jungen nur darin bestärken, sich Hilfe zu suchen.“ Die Themen gehen oft unter die Haut. „Ich versuche, die Probleme nicht mit nach Hause zu nehmen“, so der Ehrenamtler. „Man muss gewisse Sachen nach den Telefonaten einfach abschütteln.“ Zudem finden regelmäßige Supervisionen für die 24 Berater in Schwerin statt. „Bei schweren Fällen können wir uns dann mit Kollegen austauschen und uns gegenseitig helfen.“

Und doch macht der Rentner aus Schwerin seine Arbeit mit voller Leidenschaft. „Als ich 2006 mit der Beratung anfing, bin ich gerade aus dem Berufsleben ausgeschieden“, so der 68-Jährige. Es war auch eine Art Hilfe zur Selbsthilfe. „Ich hatte wieder eine Aufgabe und bin nicht selbst in ein schwarzes Loch gefallen.“

Mit der Zeit entwickelte der Schweriner eine gewisse Routine am Telefon, um auch mit Angstthemen wie Suizid umgehen zu können. „Ich hatte bisher einen Suizidanruf“, so der Berater. „Es war schon eine ältere Frau und wir unterhielten uns eine Zeit lang“, erinnert er sich. Was aus ihr geworden ist, kann der Schweriner nicht sagen. „Die Anrufe können wir nicht zurückverfolgen. Alles ist und bleibt anonym.“


Ein Drittel der Anrufer suchen Hilfe


Im vergangenen Jahr gingen insgesamt 6260 Anrufe beim Kinder- und Jugendtelefon in Schwerin ein. Mit 2086 Anrufern wurde ein Beratungsgespräch durchgeführt. „Rund ein Drittel der Anrufer reden über ihre Probleme“, weiß Bärbel Schirrmacher, Koordinatorin beim Schweriner Kinderschutzbund. Der Rest sind sogenannte alternative Kontaktanrufe – Scherzanrufe – oder „Schweiger“. 2014 gingen bis Mitte Dezember bereits 8997 Gespräche ein, darunter 2975 Beratungsgespräche. Das hängt zum Teil auch damit zusammen, dass die Beratungszeiten auf 20 Uhr verlängert wurden und, dass das Kinder- und Jugendtelefon kostenlos in Deutschland über das Festnetz und Handy zu erreichen ist. „Immer mehr Hilfesuchende rufen uns über Mobilfunk an. Es kommt häufiger vor, dass wir jemanden beraten, der zum Beispiel aus Bayern kommt“, so Schirrmacher.

Das Kinder- und Jugendtelefon in Schwerin ist Mitglied unter dem Dachverband Nummer gegen Kummer e.V. und eine von zwei Beratungsstellen in MV. Zu 75 Prozent wird das Projekt vom Land gefördert. „Der Rest setzt sich aus Spenden zusammen“, so die Koordinatorin. Vor allem für die Ausbildung, die einmal im Jahr durchgeführt wird, ist ein hoher finanzieller Aufwand nötig. „Wir bilden die Telefonberater noch kostenlos aus“, so Schirmmacher. „Nur leider bleiben nicht alle dabei.“ In diesem Jahr gab es insgesamt 12 Interessenten, von denen sieben geblieben sind. „Es ist nicht immer einfach“, weiß auch Heine. „Aber in Momenten, wenn sich zum Beispiel ein Anrufer am Ende des Gespräches einfach nur bedankt, weiß ich, warum ich diese Arbeit mache. Das motiviert mich, weiterzumachen.“

     *Name geändert

 

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