Dokumentarfilm : Die neuen Kinder von Golzow

Die Kinder können wieder lachen: Bourhan (l), Kamala (3.v.l.) und Nour (5.v.r.) singen zusammen mit ihren Mitschülern und Schulleiterin Gaby Thomas.
Die Kinder können wieder lachen: Bourhan (l), Kamala (3.v.l.) und Nour (5.v.r.) singen zusammen mit ihren Mitschülern und Schulleiterin Gaby Thomas.

Fast hätte es in dem brandenburgischen Dorf nicht genügend Erstklässler gegeben. Die Lage änderte sich durch syrische Flüchtlinge

svz.de von
21. September 2015, 08:00 Uhr

Aus dem Klassenraum erklingt Gesang. Die 1. Klasse im brandenburgischen Golzow nahe der Grenze zu Polen lernt ein Lied. Im Takt recken sich Arme empor, kleine Füße beginnen zu tanzen. Ein Bild, das es in diesem Schuljahr in der Grundschule fast nicht gegeben hätte: Es fehlte ein Kind für eine erste Klasse. 15 Schüler sind vorgeschrieben. In dem Dorf, das durch die Dokumentarfilm-Saga „Die Kinder von Golzow“ bekannt geworden ist, wäre dieser Schuljahrgang fast ausgefallen. „Da haben uns die syrischen Flüchtlinge geholfen“, sagt Bürgermeister Frank Schütz (CDU).

Ende August war Einschulung in Golzow – auch für drei syrische Flüchtlingskinder: die acht und neun Jahre alten Geschwister Kamala und Bourhan und die aus einer anderen Familie stammende Nour. Die drei sitzen in den hinteren Reihen und blicken gespannt zur Tafel – nur nichts verpassen. Das neue Lied scheint ihnen zu gefallen. Sie haben Spaß an den raschen Bewegungen mit Armen und Füßen. Nur der syrische Junge scheint manchmal mit den Gedanken wo anders zu sein.

Sie sollen gut Deutsch lernen, betonen die Eltern der Geschwister. Und das nicht nur in der Schule. „Jeden Tag fünf neue deutsche Wörter, das ist das Ziel“, sagt die 29-jährige Mutter Halima Taha Ahmad. Sie lernt gleich mit und schreibt neue Vokabeln in ein Heft. So oft es geht, spricht sie deutsch, auch mit den Kindern.

Die Flucht der Syrier bewegte Bürgermeister Schütz seit langem. In dem Dorf mit rund 870 Einwohnern stehen Wohnungen leer. Fast jeder Familie ist Flucht und Vertreibung vertraut: Vor 70 Jahren kämpfte sich die Rote Armee zum Ende des Zweiten Weltkrieges durch diesen Landstrich nach Berlin.

Schütz kam eine Idee. Der ehrenamtliche Bürgermeister handelte und holte mit Hilfe der Behörden zwei syrische Familien mit Kindern aus einem nahen Asylbewerberheim. „Es ist ein großer Gewinn“, sagt Schütz. „Wir helfen zwei Familien, die uns eigentlich helfen.“ Eine Schule ohne erste Klasse wäre undenkbar gewesen. „Ängste und Vorbehalte von Bürgern konnten in Gesprächen geklärt werden.“

Obwohl die Geschwister schon acht und neun Jahre alt sind, starten sie in der ersten Klasse. „Bildung hat für diese syrischen Familien einen unheimlich hohen Stellenwert“, hat Schulleiterin Gaby Thomas beobachtet. Die Kinder seien hochmotiviert. „Sie lernen für ihr Leben“, sagt sie. Das werde ihnen täglich von ihren Eltern verdeutlicht.

Familie Ahmad war zwei Jahre auf der Flucht. Die Kinder hätten Verwandte vermisst, erzählt Halima. Inzwischen hätten sie gute Freunde und sähen Nachbarn wie Onkel, Tante, Opa und Oma an. Sie spricht Arabisch, Englisch und ein bisschen Deutsch – mit Händen und Füßen und der Hilfe eines Internetprogramms.

Langsam kämen die Kinder zur Ruhe, könnten auch schon wieder lachen, sagt die Mutter. In der Heimat hat sie in einer Apotheke gearbeitet, ihr Mann im Baugewerbe. Derzeit helfen die beiden syrischen Männer in der Gemeinde. „Wir wollen nur ein normales Leben“, betont Fahid, der Mann von Halima.

Zur Einschulung war eines so wie vor 54 Jahren: Ein kleines Filmteam war dabei. 1961 hatte der DEFA-Dokumentarfilmer Winfried Junge den ersten Streifen „Wenn ich erst zur Schule geh'“ in der Gemeinde gedreht. Es entstanden bis 2008 insgesamt 18 Geschichten und 19 Filme – eine preisgekrönte Filmdokumentation, die den Ort international bekannt machte.

Es gibt keine Fortsetzung mit seinen Protagonisten. Die Berliner Dokumentarfilmerin Simone Catharina Gaul begann nun auf eigene Faust, mit einem Kameramann den Alltag der Kinder zu filmen. Sie wolle die Klasse über ein oder zwei Jahre begleiten, sagt die 31-Jährige.

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