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Mecklenburg-Vorpommern

23. Oktober 2017 | 15:42 Uhr

Die neuen Großgrundbesitzer

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svz.de von
erstellt am 02.Sep.2013 | 09:59 Uhr

Schwerin | Es kann nicht groß genug sein: 6500 Hektar Grün- und Ackerland haben sich Deutschlands-Müll-Milliardär Norbert Rethmann und seine vier Söhne in Mecklenburg schon zusammengekauft - Güter, Milch- und Agrarhöfe in Kobrow, Stieten, Wamckow, Hohen Pritz, Prestin, Borkow und Witzin, mit Kühen, Schweinen und jeder Menge Ackerbau. Dazu noch fast 1000 Hektar Wald. Müll, Wasserversorgung, Logistik, Verwertung tierischer und pflanzlicher Restprodukte, das sind die Geschäftsfelder, auf den die Rethmanns zu Hause sind und mit denen sie Millionen machten. Doch seit Jahren investieren sie auch in die Landwirtschaft - in Acker, nicht vermehrbar, immer begehrter.

Sie sind in guter Gesellschaft: Mecklenburg-Vorpommern ist zum Magnet für Großinvestoren geworden. Industrielle, millionenschwere Fondsgesellschaften, börsennotierte Agrarkonzerne, finanzkräftige Privatleute: Wer hinter Agrargesellschaften und Gütern steckt, ist oft nicht sofort erkennbar. Doch alle sind dabei: die Industriellen-Familie Dornier, der börsennotierte Agrarkonzern KTG mit 39 000 Hektar in Karß in Südmecklenburg, Wendisch-Priborn und weiteren Standorten in Vorpommern und Deutschland sowie Litauen ebenso wie der Möbelfabrikant Steinhoff mit seinem Gut Bartow im Landkreis Demmin, Agrarbetrieben in Gerswalde und Röddlin in der Uckermark sowie Felgentreu im Landkreis Teltow-Fläming. Auch Ex-Fleischmanager Rodo Schneider in Hohen Wangelin oder der Logistikriese Heinz Fiege, der auf der Halbinsel Darß die Agrargesellschaft Zingst mit 4000 Rindern auf 4000 Hektar Weidefläche übernahm, entdeckten die Landwirtschaft für sich. Der jüngste Fall: Martin Viessmann, Milliardär und einer der großen deutschen Heiztechnik-Hersteller, übernahm Mitte vergangenen Jahres ein großes Anteilspaket an der örtlichen Agrargesellschaft in Ducherow.

Die neuen Großgrundbesitzer kommen - und greifen zu. Vor allem Ostdeutschland bleibt für Investoren außerhalb der Landwirtschaft attraktiv. Da werden ganze Betriebe gekauft, beobachtet Bernhard Forstner vom Thünen-Institut Braunschweig. Zumindest aber steigen Investoren als Mehrheitsgesellschafter ein: "Das nimmt immer weiter zu." Kein neues Phänomen: Doch auch wenn die Dynamik in den vergangenen fünf Jahren nicht weiter zugenommen habe, der "Anteil der Unternehmen, bei denen nichtlandwirtschaftliche oder überregional aktive Investoren Kapitalanteile übernommen haben", steigt, so das Ergebnis einer jetzt von Forstner vorgestellten Untersuchung, die das Thünen-Institut im Auftrag des Bundeslandwirtschaftsministeriums durchgeführt hat. "Landwirtschaft ist nach wie vor ein sehr attraktives Investitionsziel", schreiben die Autoren der Studie , Bernhard Forstner und sein Kollege Andreas Tietz. Renditen einer Investition in Boden seien verglichen mit dem derzeitigen Zinsniveau immer noch erheblich höher, gaben Kapitalgeber an. "Investoren streben dabei vor allem Mehrheitsbeteiligungen an Unternehmen oder Gesamtübernahmen an, um eine bestimmende Rolle ausüben zu können." Dabei kämen die Kapitalgeber in den neuen Bundesländern überwiegend aus Westdeutschland.

Allerdings: Viele große Geschäfte sind längst gelaufen: Vor allem in den 90er-Jahren, als die Bodenpreise in den neuen Ländern noch nicht von einem Rekord- zum nächsten Rekordstand jagten, sei massiv investiert worden. In manchen Regionen habe die Übernahme ganzer Agrarbetriebe "gutsherrschaftliche Züge" angenommen, meint Forstner. Aber nicht unbedingt zum Nachteil der Regionen: Mit dem Geld der Investoren würden häufig viele Dinge vor Ort wieder auf Vordermann gebracht, sagt er. Wie im Fall Rethmann: Auch wenn an dem Müll-Milliardär vor Ort kaum eine Entscheidung vorbeigeht und mancher in Rethmann einen modernen Gutsbesitzer sieht, eine ganze Region hat von seinen Millionen profitiert.

Die Investoren strebten in der Regel "ein langfristiges Engagement" an, ergab die Studie auf der Grundlage von Fallstudien in Ost und West. "Mit Land kann man nichts falsch machen", hatte Angela Krüger-Steinhoff von der Steinhoff Familien-Holding ihren Einstieg seinerzeit begründet. Gut Bartow im Landkreis Demmin, Agrarbetriebe in Gerswalde und Röddlin in der Uckermark sowie Felgentreu im Landkreis Teltow-Fläming: Tausende Hektar lassen die Steinhoffs in Ostdeutschland bewirtschaften - vor allem für die Biogaserzeugung. "Wir diversifizieren unser Vermögen", meinte Krüger-Steinhoff seinerzeit. "Boden wird immer einen Wert haben." Die Krise habe gezeigt, wie unsicher Wertpapiere sein können. Nur, anders als bei Fondsgesellschaften: "Unser Engagement ist langfristig angelegt", sagte Krüger-Steinhoff. "Da steht unsere Familie hinter und keine anonymen Fonds."

Der Wettbewerb um den Boden hat sich verschärft: Um auf diesem risikobehafteten Gebiet erfolgreich zu sein, sei ein hohes Maß an Fachkompetenz und Ausdauer erforderlich. Dies sei auch ein Grund dafür, dass es gänzlich landwirt schafts fremde Investoren kaum gebe, heißt es in der Studie. Die meisten haben ihre Ursprünge in oder zumindest Verbindungen zur Landwirtschaft, meinte Forstner. Damit unterschieden sich Anteilskäufe entscheidend von Bodenkäufen, die häufiger auch von branchenfremden Investoren gesucht würden, die eine krisensichere Kapitalanlage anstrebten.

Das Angebot bleibt groß: Objekt 2812 - für den Ackerbaubetrieb mit Milchvieh in Ostvorpommern, etwa 1500 Hektar groß, davon 25 Prozent Eigentumsfläche, sucht Agrarimmobilienmakler Claus Voß aus Ludwigslust auf seinem Immobilienportal agrarimmo.de einen Käufer. Es liegt im Trend ganze Betriebe zu kaufen, erklärt Makler Voß - vor allem Ackerbaubetriebe. "Wenn Schwänze dabei sind, ist die Nachfrage verhaltener" - zum Beispiel für Objekt 2506, ein Milchviehbetrieb mit 300 Hektar Land und 500 Kühen. Die Angebotsliste ist lang: Auf dem Immobilienportal pachten-kaufen.de steht ein Milchviehbetrieb in der Mecklenburgischen Seenplatte mit 558 Hektar Acker, davon ca. 121 ha Eigentum, und 172 Hektar Grünland, mit Kühen, einer Milchquote von 2,2 Millionen Kilogramm, einem Stall, Melkstand zum Verkauf. Preis: 3,5 Millionen Euro. In Vorpommern wird für einen Agrarbetrieb mit Mutterkuhhaltung und eigener Jagd, mit lebendem und totem Inventar samt zweier Wohnhäuser ein Käufer gesucht. Auch für einen Bio hof in Bergfeld im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte, 426 Hektar groß, mit Mutterkühen und Schweinen in Freilandhaltung, wird ein neuer Eigner gesucht. Verkaufspreis: 3,2 Millionen Euro.

Bodengeschäfte, Betriebsübernahmen - nichts Ungewöhnliches in Deutschland: Schätzungen zufolge wechseln jährlich in fünf bis acht Prozent der Betriebe die Eigentumsverhältnisse. Nur: Der Kreis der Eigentümer wird immer kleiner: Vor allem in Ostdeutschland hat in der Branche ein Konzentrationsprozess begonnen, der manche Region fest in nur noch wenige Hände gebracht hat - von ostdeutschen und westdeutschen Investoren gleichermaßen. Inzwischen würden sich teils "Güterstrukturen wie vor 100 Jahren" entwickeln, heißt es.

Auch in LPG-Nachfolgeunternehmen: In den vergangenen Jahren habe es auch in den Ost-Betrieben ein hohes Maß an Konzentration gegeben, sagt Forstner. "Die Agrargesellschaften in den neuen Ländern sind heute in vielen Fällen hochgradig auf wenige Personen konzentriert", schreibt er in der Studie. Die Vermögensverhältnisse in den Unternehmen hätten sich unterstützt durch staatliche Regelungen wie die Altschuldenregelung, die Flächenprivatisierung und die Ver mögensausein ander setzung so verändert, dass einzelne ortsansässige Personen inzwischen über sehr große Vermögensanteile verfügten.

Agrargesellschaften in den Händen nur noch weniger Mitglieder: So war beispielsweise in der Studie eine GmbH mit einem sehr rasch verlaufenden Konzentrationsprozess aufgefallen. Waren 2008 noch 33 natürliche und vier juristische Personen als Gesellschafter registriert, sind es derzeit nur noch 15 natürliche und drei juristische Personen. Dabei seien die Anteile ausgeschiedener Personen auf beteiligte GmbH übertragen worden, die ganz oder überwiegend im Eigentum der Familie des Geschäftsführers seien. Kein Einzelfall.

Nach Vermögensauseinandersetzung und Altschuldenstreit seien manche Mitglieder mit wenig Geld abgespeist worden. Die letzten Mitglieder machen jetzt Kasse. "Das sind millionenschwere Jungs", meint Forstner. So haben die Ost-Agrarbetriebe gut zwei Jahrzehnte von der Privatisierung der ehemals volkseigenen Ackerflächen profitiert und aus Brüssel millionenschwere Beihilfen kassiert. Jetzt aber, so beobachtet die Arbeitsgemeinschaft bäuerlicher Landwirtschaft (AbL), stehe in vielen LPG-Nachfolgebetrieben ein Generationswechsel an, bei dem älter gewordene Eigner oder deren Kinder ihre Eigentumsrechte mit hohem Gewinn abstoßen. Zu Erlösen im "zweistelligen Millionenbereich", meint Forstner.

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