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Mecklenburg-Vorpommern

25. September 2017 | 04:47 Uhr

Die neue Welt der Freundschaft

vom

svz.de von
erstellt am 23.Nov.2011 | 09:37 Uhr

Hamburg | "Die Freundschaft ist nicht mehr das, was sie einmal war" - sagen die einen. "Durch das Internet habe ich neue Freunde gefunden" - sagen die anderen. Die Hamburger Kulturanthropologin und Soziologin Caroline Kikisch forscht zu sozialen Beziehungen. Mit Benjamin Piel sprach Kikisch über den antiken Freundschaftsbegriff und die schöne, neue Welt der Cyber-Freundschaften.

Richtig tiefe Freundschaften - kann es die auf Onlinebasis eigentlich geben?

Ich denke schon. Durch die Schnelligkeit des Nachrichtenaustausches und der Technik ist es möglich, emotionale Bindungen zu vertiefen und aufrechtzuerhalten. Menschen tauschen Videoclips oder Bilder aus - das verbindet auf einer alltäglichen Ebene.

Aber manche Menschen, die online kommunizieren, haben sich doch noch nie in ihrem Leben gesehen. Wie kann da eine Freundschaft entstehen?

Das ist weniger absurd als man auf den ersten Blick denken könnte. Es ist noch nicht einmal ein ganz neuer Gedanke. In der Romanik hatten Brieffreundschaften einen hohen Stellenwert. Da haben Menschen viel Zeit und Herzblut in das Schreiben von Briefen an Menschen investiert, denen sie ebenfalls nie oder so gut wie nie persönlich begegneten. Das lässt sich natürlich nicht von jeder schnell getippten E-Mail sagen, doch lässt sich dieses Phänomen durchaus antreffen. Darüber hinaus bietet das Internet das Potenzial, Bekanntschaften und Freundschaften zu Menschen aufzubauen, mit denen man offline nicht in Kontakt treten würde oder könnte, weil sie beispielsweise weit entfernt wohnen.

Ok, Freundschaft im Internet ist möglich. Also: Alles beim Alten mit der Freundschaft?

Beim Thema Freundschaft hat sich weniger verändert, als man bei all der Kritik an sogenannten Facebook-Freundschaften denken könnte. Aber eines hat sich dann doch stark gewandelt durch die Onlinewelt: Der Freundschaftsbegriff hat sich erkennbar ausdifferenziert. Die Facebook-Freunde sind oft nicht unbedingt die besten Freunde, manchmal sogar nur flüchtige Bekannte. Es gibt deutlich mehr Facetten der Freundschaft.

Aber eine Revolution der Freundschaft ist das nicht.

Das stimmt. Schon Aristoteles hat die Freundschaft untergliedert, allerdings nur in drei Arten von Freundschaften. Er unterschied die Nutz-, die Lust- und die Tugendfreundschaft. Wahre Freundschaft war für ihn aber nur die Tugendfreundschaft. Da gibt es heute viel mehr Varianten.

Hat das Vorteile?

Oh ja, durchaus. Es kann nicht schaden, wenn Menschen sich fragen, was genau sie unter einer Freundschaft verstehen und was nicht. So können Menschen auch besser definieren, was und wie viel sie in eine Freundschaft investieren möchten und was sie im Gegenzug erwarten und erhoffen. Dies kann zu einem bewussteren Umgang führen: Mit wem teile ich eine eher strategische Allianz, mit wem fühle ich mich intensiver verbunden?

Auch die Kommunikationsvarianten haben zugenommen.

Stimmt, und das ist doch wunderbar. So ist es möglich, Freundschaften und Beziehungen auf verschiedenen Wegen zu pflegen. Letztlich kommt es auf die Nutzung der Medien an. Ich denke hier etwa an Menschen, die wenige direkte Sozialkontakte zu ihrer Umwelt haben. Sei es, weil sie umgezogen sind oder Schwierigkeiten mit dem Aufbau unmittelbarer Beziehungen haben. Durch die vermeintliche Anonymität des Internets haben sie andere Möglichkeiten des In-Kontakt-Tretens.

Vielleicht knüpfen sie in Foren Kontakte aufgrund gemeinsamer Interessen. Daraus können Freundschaften entstehen, die sie offline kaum hätten finden können.

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