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Mecklenburg-Vorpommern

21. Oktober 2017 | 16:13 Uhr

Flüchtlinge in MV : Die neue alte Heimat

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

In Rostock hat sie studiert, hier kamen drei ihrer vier Kinder zur Welt – jetzt ist eine Syrerin auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat hierher zurückgekehrt

svz.de von
erstellt am 08.Okt.2015 | 12:00 Uhr

Manchmal reicht das Motorengeräusch eines Flugzeugs, um die alten Ängste wieder aufbrechen zu lassen – selbst jetzt noch, wo sie bereits seit einem guten Jahr wieder in Deutschland ist. Zu Hause in Syrien habe sie, wenn die Flugzeuge kamen, die Kinder immer ganz fest an sich gedrückt, erzählt Miriam. Auch ihre beiden älteren Söhne, sechs und neun Jahre alt, erinnern sich noch heute an den Motorenlärm, an die Bombenexplosionen, an das Klirren der zerberstenden Fensterscheiben – und an ihre Angst. „Viele unserer Bekannten und Nachbarn in Syrien wurden getötet“, erzählt Miriam. „In diesem Krieg haben so viele Menschen plötzlich ihre Masken fallen lassen, nichts war mehr wie zuvor…“

Dass die Familie dort weg wollte, bevor sie selbst Schaden nahm, ist nur zu verständlich. Dass Deutschland ihr Ziel war, auch. Denn Miriam und ihr früherer Mann haben – mit einem syrischen Stipendium – in Rostock studiert und promoviert. Drei ihrer vier Kinder sind in der Hansestadt zur Welt gekommen.

Als sie Anfang 2011 ihre Doktorarbeiten verteidigt hatten, hätten Freunde sie bereits davor gewarnt, in die Heimat zurückzukehren, erzählt die Frau, die aus Sorge um ihre noch immer in Syrien lebenden Angehörigen ihren richtigen Namen nicht genannt haben möchte. Auch sie selbst hätte damals gerne die noch bis zum Herbst geltende Aufenthaltserlaubnis voll ausgenutzt, doch ihr Mann wollte zurück nach Hause. Schon wenige Tage, nachdem sie dort ankamen, brach der Bürgerkrieg aus.

Auch deshalb kam die Familie dort nie wieder richtig an. Die beiden großen Kinder waren durch die Zeit in Deutschland geprägt. Der älteste Sohn sei von anderen Kindern immer nur „Deutscher“ gerufen worden, denn arabisch konnte er sich anfangs überhaupt nicht verständigen, erzählt die Mutter. „Aber Kinder lernen ja zum Glück schnell.“

Im Oktober 2011 sei die Situation in Syrien „richtig schlimm“ geworden, erinnert sich Miriam, „wir wollten nur noch weg.“ Während sie selbst wieder nach Deutschland wollte – ihre Professorin hatte versprochen, sich um Arbeit für sie zu kümmern –, hätte ihr Mann versucht, in Libyen oder Saudi Arabien eine Anstellung zu bekommen. Ein erster Visaantrag für Deutschland wurde abgelehnt, weil nur Miriam einen Arbeitsvertrag vorweisen konnte. „Man sagte uns, der reiche nicht aus, um unsere mittlerweile sechsköpfige Familie abzusichern“, erinnert sie sich. Deutsche Freundinnen hätten daraufhin auch für den Ehemann eine Beschäftigung organisiert, im Mai 2013 konnte die Familie erneut Visaanträge stellen. Erst ein Jahr später wurden sie bewilligt.

Doch da wollte ihr Mann plötzlich nicht mehr – nicht mehr mit ihr nach Deutschland reisen, nach zehn gemeinsamen Jahren nicht mehr mit ihr leben. Miriam möchte an diese Zeit am liebsten nicht zurückdenken, denn zu diesem Kapitel ihres Lebens gehört auch ein kräfte- und nervenzehrender Streit um die Kinder, der sich über mehrere Monate hinzog. Letztlich habe sie auf alles verzichtet, alles zurückgelassen – aber die Tochter und die drei Söhne mit sich genommen, erzählt sie. „Was zählt ist, dass wir leben, dass wir in Sicherheit sind.“

Allerdings: Als sie im September vergangenen Jahres drei Monate später als ursprünglich geplant endlich in Rostock ankamen, hatte die Professorin die für Miriam reservierte Stelle anderweitig vergeben müssen. Und auch andere Dinge klappten nicht so reibungslos, wie die nun alleinerziehende Mutter es sich erhofft hatte. So konnte sie zwar den Großen sofort in der Schule und die beiden Mittleren im Kindergarten anmelden. Ein Krippenplatz für den Jüngsten aber wurde erst ab März frei. Und auch mit einer Wohnung klappte es nicht sofort. So wurde die Gartenlaube einer Freundin das erste Rostocker Domizil der kleinen Familie.

Mittlerweile hat sich das Meiste gefügt: Miriam hat Arbeit, zwar nicht an der Universität, sondern in der Flüchtlingsbetreuung – „aber das macht mir Spaß, und ich habe das Gefühl, dass die Syrer und Afghanen, die ich bei ihren ersten Schritten hier in Rostock begleite, für die Unterstützung sehr dankbar sind“. Vorerst ist die Anstellung zwar bis Ende Januar befristet, aber Miriam hofft, dass sie angesichts des aktuellen Flüchtlingszustroms verlängert wird. Schließlich würden Sprachmittler, die deutsch und arabisch beherrschen, überall händeringend gesucht.

Seit letztem Oktober bewohnt die Familie eine Drei-Zimmer-Wohnung. Bis heute ist sie nur spärlich möbliert. Immerhin vermittelte ihr der Vermieter, die Wiro, einige gespendete Möbelstücke. Doch auf die Frage, ob sie Unterstützung braucht, antwortet Miriam mit einem entschiedenen Nein. „Andere brauchen Hilfe wirklich nötiger als wir.“

Ihre Kinder sprechen inzwischen so gut deutsch, dass Miriam fürchtet, sie könnten ihre Muttersprache vergessen. An jedem Sonntag nutzt sie deshalb das Angebot der Rostocker Moschee, die Großen in Arabisch unterrichten zu lassen. Denn auch wenn im Moment eine Lösung der Konflikte in Syrien nicht absehbar ist – die Hoffnung, irgendwann wieder dorthin zurückkehren zu können, möchte Miriam nicht aufgeben.

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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