25 Jahre Start der Währungsunion : Die Nacht, in der die D-Mark kam

Riesenandrang auf die Ost-Berliner Deutsche Bank: Es gab am 1. Juli Verletzte, als die Scheiben barsten. In den ersten Stunden der Währungsunion wurden über 2,6 Milliarden D-Mark ausbezahlt.
1 von 13
Riesenandrang auf die Ost-Berliner Deutsche Bank: Es gab am 1. Juli Verletzte, als die Scheiben barsten. In den ersten Stunden der Währungsunion wurden über 2,6 Milliarden D-Mark ausbezahlt.

Jubel, Hupkonzerte und die Hoffnung auf blühende Landschaften

svz.de von
01. Juli 2015, 07:52 Uhr

Auf dem Berliner Alexanderplatz öffnet die erste Bankfiliale bereits um Mitternacht. Die D-Mark ist da, und in der DDR tanzen die Menschen auf der Straße, bejubeln die Währungsunion und das Ende der Kontrollen an der innerdeutschen Grenze. „Die Nacht, in der die D-Mark kommt, wird eine lange Nacht“, berichtet ARD-Reporter Claus Richter aus Ost-Berlin, wo in diesen Stunden Zehntausende fröhlich feiern. Mit Böllern, Autokorsos, Hupkonzerten und großen Hoffnungen wird das West-Geld begrüßt. Lastwagen transportieren im Auftrag der Bundesbank massenhaft D-Mark-Scheine gen Osten. Die Währungsunion – ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Wiedervereinigung, der helfen sollte, die Massenabwanderung in die Bundesrepublik zu stoppen.

Niemandem soll es schlechter gehen als vorher, dafür aber vielen besser. Am Abend des 1. Juli 1990 richtet der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) in einer TV-Ansprache das Wort an die Deutschen. „Nur die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion bieten die Chance und die Gewähr dafür, dass sich die Lebensbedingungen rasch und durchgreifend bessern“, so Kohl. Durch gemeinsame Anstrengung werde es gelingen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen und Thüringen bald wieder „in blühende Landschaften“ zu verwandeln.

Doch erst einmal beschleunigt die D-Mark, deren Einführung Bonn und Ost-Berlin im Mai per Staatsvertrag unter Dach und Fach gebracht hatten, den Niedergang der Wirtschaft im Osten. Sofort stellt sich der erwartete Aufwertungsschock ein. DDR-Produkte werden teurer und in den Regalen schnell von begehrten West-Waren verdrängt.

Auf die Umtauschkurse hatten sich Kohl und DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière (ebenfalls CDU) bereits im April 1990 geeinigt: 1:1 für Preise, Löhne, Gehälter. Für größere Guthaben über 4000 DDR-Mark war eine Umstellung zum Kurs von 1:2 vorgesehen. Eindringliche Warnungen der Wirtschaftsweisen und der Bundesbank, die Wiedervereinigung „über die Notenpresse“ zu bezahlen, hatten Kohl und de Maizière damit in den Wind geschlagen. Die Grünen kritisieren damals, die Währungsunion sei „ein Gewaltakt, bei dem den DDR-Bürgern fast das gesamte Risiko aufgebürdet wird“.

Kanzler Kohl räumte später ein, das Wachstumspotenzial der DDR-Wirtschaft überschätzt zu haben. Und doch hielt man die Währungsunion für alternativlos. „Natürlich wäre mir ein sanfter Übergang lieber gewesen. Aber die Abwanderung aus der DDR war nach dem Mauerfall so stark, dass wir von der Entwicklung überrollt wurden“, erklärte Theo Waigel (CSU), damals Bundesfinanzminister, im Gespräch mit unserer Redaktion. „Bei der Ost-Mark zu bleiben, hätte in kurzer Zeit gewaltige Anpassungsmaßnahmen erfordert. Man hätte quasi die Mauer wieder schließen müssen, um die Abwanderung in den Westen zu stoppen.“ „Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, gehn wir zu ihr“, hatte bereits Ende 1989 auf den Plakaten der Demonstranten in der DDR gestanden.

Doch als die D-Mark da ist, folgt zunächst ein Konsumrausch. Viele Ostdeutsche erfüllen sich lang gehegte Wünsche, doch bald stellt sich Ernüchterung ein. Schnell steigt die Arbeitslosigkeit im Osten an. Der Traum von den blühenden Landschaften erfüllt sich zumindest nicht sofort. Der Aufbau Ost erfordert einen langen Atem. In den ersten zwei Jahrzehnten nach der Einheit werden mehr als 1,3 Billionen Euro in den Osten transferiert. Theo Waigel, einer der Väter der Währungsunion, zieht 25 Jahre danach dennoch eine positive Bilanz: „Heute liegt die Wirtschaftsleistung im Osten bei 80 Prozent und das verfügbare Einkommen bei knapp 90 Prozent. Das ist eine großartige Leistung.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen