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Mecklenburg-Vorpommern

19. November 2017 | 00:39 Uhr

Die Nacht, in der das Schloss brannte

vom

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erstellt am 01.Mär.2012 | 09:07 Uhr

Schwerin | Dicht gedrängt standen die Schweriner beieinander und schauten gebannt auf die die Flammen, die hell aus den Fenstern und aus dem Dachstuhl des Großherzoglichen Schlosses in den schwarzen Himmel hinaufloderten. Polizisten und Soldaten mussten den Feuerwehrmännern mit ihren Löschfahrzeugen immer wieder eine Gasse durch die Menge bahnen. "Dat prasselte un krachte un wir rein gräsig antauseihn", berichtete ein Augenzeuge Jahre später dem Schweriner Autor Jürgen Borchert über das Spektakel in der Nacht des 14. Dezembers 1913.

Es war kaum 55 Jahre her, dass Großherzog Friedrich Franz II. das märchenhafte Schloss nach jahrelangen Um- und Neubauten bezogen hatte. Gleichzeitig verlegte er seine Residenz von Ludwigslust zurück nach Schwerin, wodurch manche Bürger zu Ansehen und Wohlstand gelangten. Darum fürchteten einige Schweriner in jener Nacht wohl auch, mit dem Schloss könnte sein Einkommen verloren gehen.

Gegen 21.30 Uhr kamen die Zuschauer aus dem gegenüberliegenden Hoftheater, wo sie sich die Oper "Der Wildschütz" angeschaut hatten. Da brannte es bereits im Burgsee-Flügel. Wenig später waren die städtische Feuerwehr und Soldaten aus der Garnison am Brandort und nahmen den Kampf gegen die Flammen auf. Ein Diener alarmierte Großherzog Friedrich Franz IV., der mit einigen Gästen auf der gegenüberliegenden Seite Billard spielte.

Heftiger Wind trieb das Feuer von Zimmer zu Zimmer. Auch die eisernen Schutztüren konnten nicht verhindern, dass die Flammen auf den Schlossgartenflügel übergriffen. Da die Schweriner glaubten, der Katastrophe nicht Herr zu werden, telefonierten sie Feuerwehren aus Rostock und Hamburg herbei.

Dabei hatten die Bauherren versucht, das für damalige Zeiten moderne Schloss auf einen Brand vorzubereiten. Im Hauptturm, in zwei weiteren Ecktürmen und unter einem Dachstuhl waren große Wasserbassins untergebracht. Im Notfall konnten an 31 Hydranten Schläuche angeschlossen werden. In vielen Nischen waren Handlöschgeräte platziert.

Kurz nach Mitternacht geriet im Südturm gelagerte Jagdmunition in Brand, wodurch es über die Stadt lärmte wie bei einem Schützengefecht.

Unterdessen versuchte der Großherzog, möglichst viel seiner Kostbarkeiten zu retten. Diener und Soldaten trugen, Möbel, Teppiche, Bilder und Porzellan in den Burggarten oder hinüber ins Regierungsgebäude, der heutigen Staatskanzlei. Später vermisste der Landesfürst eine wertvolle Standuhr. "Auch andere Dinge sollen weggekommen sein", schreibt der Schweriner Historiker Klaus-Ulrich Keubke in seinem Buch über den Brand.

Am nächsten Morgens zeigte sich das Ausmaß der Katas trophe. Von zwei Schlossflügeln waren kaum mehr als die Mauern stehen geblieben. Zahlreiche Räume waren von Rauch und Löschwasser verwüstet. Der prunkvolle Goldene Saal, an dessen Stelle der neue Plenarsaal des Landtags entstehen soll, lag in Schutt und Asche.

Die Brandursache konnte nie ermittelt werden. Offenbar war das Feuer im Elisabeth-Zimmer im zweiten Stock ausgebrochen. Es hatte seinen Namen nach der Königin Elisabeth von Preußen, die im Gästetrakt als erste Besucherin übernachtet hatte. Auch am Tag vor dem Brand erwartete der Großherzog Besuch, weshalb ein Diener die Marmoröfen angeheizt hatte. So hielt sich lange die Vermutung, ein defekter Ofen oder leicht brennbare Gegenstände in seiner Nähe hätten das Schloss in Brand gesetzt. Als Ursache ausgeschlossen werden konnte ein "kinematischer Edisonsprechapparat". Das Filmvorführgerät wurde im Goldenen Saal Opfer der Flammen.

Die Brandexperten stritten später, warum das Feuer nicht schneller gelöscht wurde. Hauptschuldig soll die städtische Feuerwehr gewesen sein. Sie schloss ihre moderne Motorspritze an einem Hydranten im Schlossvorhof an, wodurch an den anderen Hydranten mangels Druck kaum noch Wasser herauskam.

Nach dem Feuer nahm der Großherzog den Wiederaufbau in Angriff. Im September 1915 wurde Richtfest gefeiert. Bis zu seiner Abdankung 1918 wurden aber nur die Fassaden und Dächer wieder hergestellt. Der Weltkrieg und die leeren Kassen des Herzogs stoppten offenbar weitere Ausbauten. Wo einst Seidentapeten, Marmorböden und vergoldete Decken protzten, prägte über Jahre unverputzter Backstein das Innere des Märchenschlosses.

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