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Mecklenburg-Vorpommern

19. November 2017 | 09:55 Uhr

Die Mutter aus Klasse 10

vom

svz.de von
erstellt am 24.Aug.2012 | 07:32 Uhr

Lübtheen | Für diesen Moment findet Mandy Winter keine Worte. Als die Mutter von ihrer 14-jährigen Tochter Lisa erfährt, dass sie schwanger ist, kann sie keinen klaren Gedanken fassen. "Ich war geschockt und sprachlos", sagt sie. Noch heute füllen sich ihre Augen mit Tränen, wenn sie an jenen Novemberabend 2010 denkt. Wie ein Kartenhaus bricht die Zukunft ihrer Tochter in diesen Sekunden vor ihren Augen zusammen. "Ich habe Lisa in den Arm genommen und ihr gesagt: ,Kind, das musst du abtreiben.’"

Doch Lisa will das Kind. Von Anfang an. Das macht sie ihrem Freund klar, ihren Eltern und auch den Lehrern an ihrer Schule. "Eine Abtreibung kam für mich nie in Frage", sagt sie. "Ich wollte zeigen, dass ich das schaffen kann. Wenn man es wirklich will, so richtig, dann kriegt man das auch gebacken."

Lisa ist heute 15 Jahre alt, besucht die zehnte Klasse. Ihr blondes Haar fällt schulterlang. Wenn sie lacht, blitzt eine Zahnspange in ihrem Gesicht. Sie sitzt auf ihrem Bett, wippt Ben auf dem Schoß. Der Kleine hat Durst. Draußen scheint die Sonne, es ist einer der letzten Hochsommertage in diesem Jahr. Lisas Freunde haben sich nach der Schule zum Baden im Waldsee verabredet. "Mich fragen sie schon gar nicht mehr, weil sie wissen, dass ich nicht mit kann", sagt sie und lächelt. Ihr Weg nach der Schule führt sie direkt zur Kinderkrippe. Mit Ben auf dem Kindersitz radelt sie jeden Tag nach Hause. Ben ist jetzt 13 Monate alt. Bis zu seinem ersten Geburtstag war Lisas Mutter für ihn zu Hause geblieben. Weil Lisa minderjährig ist, kann ihre Mutter das Erziehungsjahr nehmen. "So konnte ich acht Wochen nach der Geburt gleich wieder in die Schule gehen", erzählt Lisa. Auch Uroma Vera, die mit im Haus wohnt, ist immer für Ben da. "Ich habe großes, großes Glück, dass meine Familie mir hilft", sagt Lisa. "Ohne die Unterstützung von meinen Eltern, den beiden Omas, der Schule und meinen Freunden würde das alles nicht so gut laufen." Sie weiß, dass das längst nicht selbstverständlich ist. "Ich kenne auch andere Fälle", erzählt sie. "Im Fernsehen sieht man ja genug davon." Aber alle minderjährigen Mütter über einen Kamm zu scheren, sei nicht fair, findet sie. "Das sind nicht alles Asoziale oder Schulabbrecher."

Lisa will es schaffen, auch ohne Bens Vater. Die Beziehung zu ihrem Freund, der zwei Klassen über ihr war, ging nach der Geburt in die Brüche. "Wir sind eben noch sehr jung", sagt sie. Zu jung für eine dauerhafte Beziehung, aber nicht zu jung für ein Kind? "Das Kind braucht mich", sagt sie. Für den kleinen Ben Sebastian steht sie nachts mehrmals auf, wickelt ihn um 6 Uhr, füttert ihn, zieht ihn an und bringt ihn in die Kita. Zeit zum Lernen und für die Hausaufgaben findet sie erst, wenn Ben abends im Bett ist. Und trotzdem: Ihre Leistungen in der Schule haben sich nach Bens Geburt verbessert. Auch mit den Lehrern versteht sie sich besser. Sie engagiert sich in der Schülerredaktion, schreibt Beiträge für die SVZ, meldet sich freiwillig für Projekte. Lisa, die forsche, oft aufmüpfige Schülerin. Die immer gegen die Erwachsenen anredete - so kannten sie ihre Lehrer vor der Schwangerschaft. "Seit Ben da ist, kommen wir gut miteinander aus", sagt ihre Biologielehrerin As-trid Kulschewski. "Lisa weiß, was sie will. Sie bemüht sich um gute Zensuren, weil sie ihrem Sohn etwas bieten will." Natürlich habe die Nachricht von Lisas Schwangerschaft im Kollegium für Entsetzen gesorgt. "Wie konnte das passieren? Wir klären die Schüler schon früh auf. Mit Lisas Klasse waren wir sogar beim Frauenarzt." Doch Lisas Entscheidung hätten alle akzeptiert und sie darin bestärkt.

Auch zu Hause ist Lisa eine andere geworden. Keine Wortgefechte, keine Streitereien, kein pubertäres Gehabe gegenüber den Eltern. Als Lisas Entschluss feststeht, hat sich Mandy Winter gemeinsam mit ihrer Tochter Hilfe von außen geholt. Andrea Milkau von der Schwangerschaftsberatungsstelle in Hagenow ist die erste, die Mandy Winter anruft. Die DRK-Mitarbeiterin kann sich gut an die erste Begegnung erinnern. "Lisa wirkte sehr stark. Hier war nicht die Frage, ob sie das Kind bekommt, sondern wie sie die Situation bewältigt." Wo kann was beantragt werden, wo gibt es Beihilfen für die Erstlingsausstattung, welche Stiftungen helfen? "Am Ende hat man uns für Lisa sogar noch einen Kinderwagen gesponsert."

Heute kann sich auch Lisas Mutter ein Leben ohne Ben nicht vorstellen. "Er ist unser ganzes Glück und Lisa unser Stolz." Ihre Tochter wird auch nach der Schule in Lübtheen bleiben, bei der Familie. Ohne Ben wäre sie vielleicht ins Ausland gegangen oder hätte ein freiwilliges Jahr absolviert. Ihren Traum, Journalistik zu studieren, hat sie mit Bens Geburt fallen lassen. Jetzt will sie Kinderkrankenschwester oder Bankkauffrau werden. Die ersten Bewerbungen sind verschickt. "Du musst darin nicht schreiben, dass du ein Kind hast", haben ihr die Freunde geraten. Doch Lisa hat nichts zu verheimlichen. "Ben steht in meinem Lebenslauf ganz oben. Es sollen alle wissen, dass ich Mutter bin und dass ich das gut hinbekomme."

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