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In Wahljahren ist die Mitte der Gesellschaft umworben : Die Mitte - das umkämpfte Idyll

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Wer in Deutschland Wahlen gewinnen will, der ist überzeugt: Der Weg zum Sieg führt über die Mitte. Ja, aber wo liegt sie? Und: Ist sie heute noch, was sie einmal war? In der Mitte ist Ruhe, wo an den Rändern Sturm ist.

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erstellt am 06.Sep.2013 | 04:43 Uhr

Rostock | Wer in Deutschland Wahlen gewinnen will, der ist überzeugt: Der Weg zum Sieg führt über die Mitte. Ja, aber wo liegt sie? Und: Ist sie heute noch, was sie einmal war, oder hat die gesamtgesellschaftliche Entwicklung der letzten zwanzig Jahre - die schrittweise Entsolidarisierung infolge von Globalisierung und Entfesselung der Märkte, die Preisgabe sozialer Standards in der Hoffnung auf internationale Wettbewerbsfähigkeit der nationalen Wirtschaft -, sie längst eingeebnet?

Die Mitte ist Halt. In der Mitte ist Ruhe, wo an den Rändern Sturm ist. Wer in der Mitte lebt, lebt angenehm in einem auskömmlichen Wohlstand: Mein Auto, mein Haus, mein Garten, meine Familie, mein Urlaub. Ihren etwas betulichen Charme schöpft die Mitte aber vor allem auch aus ihrer Offenheit: Die Mitte gilt - galt? - als Ort der Perspektiven: für nahezu Jedermann erreichbar durch ein gewisses Maß an Bildung und Ausbildung und durch Fleiß im Beruf; Aufsteiger jederzeit willkommen. Wenn man also will: Die Mitte - ein deutsches Idyll; ein Ort der Behaglichkeit, in dem man sich einrichtet, um ihn nie wieder zu verlassen. Das hat nicht unbedingt etwas mit Spießertum zu tun, aber es führt zu einer ausgeprägten Mentalität der Beharrung - und damit ist die gesellschaftliche Mitte auch tragende Säule der Gesellschaft; ein Stabilitätsfaktor. Dabei war die Stabilität der Verhältnisse einer der wichtigsten Entwicklungsfaktoren der westdeutschen Republik - historisch betrachtet war die Sehnsucht nach Ruhe und Kontinuität in einer Gesellschaft geradezu zwangsläufignimmanent, die im letzten Jahrhundert Systembrüche durchleben und erdulden musste, wie keine andere europäische Gesellschaft.

Die Mittelschicht ist eine heterogene Angelegenheit. Nach Definition des "Instituts der Deutschen Wirtschaft" (IW) in Köln gehört - ökonomisch betrachtet - dazu, wer "mindestens einen Berufsabschluss hat und dessen Job ein gewisses Maß an Eigenverantwortlichkeit bietet", was bei einem Facharbeiter bis hin zum Gymnasiallehrer der Fall sein kann - egal ob er abhängig beschäftigt, verbeamtet oder selbstständig ist. Auf jeden Fall aber sollte laut der IW-Studie "jeder Mittelständler auf Dauer unabhängig von staatlichen Transfers leben." Diesen Kriterien zufolge gehört knapp die Hälfte der Bevölkerung in die gesellschaftliche Mitte, deren Einkommen sich in der Spanne zwischen 80 und 150 Prozent der in Deutschland als Einkommensmitte geltenden 44 000 Euro befindet. Das Kölner Institut kommt in seiner Studie zu dem Ergebnis, dass die Mitte sich als relativ stabil erweist.

Andere Politologen, Soziologen und Historiker sehen das anders: Der gesellschaftliche Mittelbau sei eine bedrängte Gesellschaftsschicht ist; heißt: Nichts ist mehr so wie es war. In der Mitte grassiert Angst. Die Aufsteiger von einst fürchten den Abstieg. Im krassen Widerspruch zur Studie des Kölner Instituts steht denn auch eine ähnliche Erhebung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), wonach die deutsche Gesellschaft im ersten Jahrzehnt des dritten Jahrtausends rapide auseinander gedriftet ist und die Mitte einen klar erkennbaren Schwund erleidet. Als Gründe nennt das DIW die Folgen der Globalisierung, die fortschreitenden Technologisierung, höhere Hürden beim beruflichen Aufstieg und schließlich Hartz IV, weil durch die Agenda 2010 ein Arbeitsplatzverlust meistens den Absturz aus der Mittelschicht bedeutet. Rudolf Hickel, Ökonom an der Bremer Uni: "Die gesellschaftliche Polarisierung ist in anderen Ländern größer als in Deutschland. Aber die Geschwindigkeit, mit der die deutsche Mittelschicht wegbröckelt, hat bedenklich zugenommen." Und laut einer Erhebung der Unternehmensberatung McKinsey könnten bis 2020 zehn Millionen Deutsche aus der Mittelschicht abgestiegen sein. "Das zerstörerische Potential gesellschaftlicher Polarisierung ist enorm", sagt Hickel.

Die Mitte - ein Mythos?

Wenn sie anhält, wäre das eine Entwicklung mit unabsehbaren Folgen für den Zusammenhalt der Gesellschaft. Die Struktur der Städte würde sich verändern und Elendsquartiere sich ausweiten, in denen Resignation und Zukunftspessimismus vorherrschen. Und wer gesellschaftlichen Abstieg fürchtet, macht dafür gerne schon mal andere Bevölkerungsschichten verantwortlich - schwächere. Naheliegende Folge: Sich weiter ausbreitende Ausländer- und Fremdenfeindlichkeit und soziale Unruhen, die in Gewaltexzessen explodieren. Brennende Barrikaden im Wohlstandsland Deutschland?

Gesellschaftliche Mitte wie sie sich bislang verstand, ist freilich mehr als ökonomische Absicherung; die Mitte funktionierte auch als Hort gemeinsamer Werte - die der westlichen Kultur - und als Ort der Verständigung auf einen politischen Grundkonsens, den Regeln der parlamentarischen Demokratie und dem Respekt vor dem Grundgesetz. Wenn nun die Pessimisten unter den Wissenschaftlern recht behalten und die Mitte zerbröselt: Wer füllt das Vakuum? Es wird sich alles regeln, meint der Publizist Richard Herzinger in einem Beitrag ("Angst vor der leeren Mitte") für "Zeit-online". "Wo das Kraftzentrum" - die Mitte - "vermutet wird, von dem aus sich die politisch-moralische Einheit der Gesellschaft steuern" lasse, befinde sich - Nichts. Die Berliner Republik mache nun die Erfahrung, dass offene Gesellschaften ohne substanzielle Mitte auskommen müssen. Auch die deutsche Gesellschaft, deren soziales und politisches Konsensmodell ihr lange Zeit eine ungewöhnliche Homogenität verliehen hatte, lerne jetzt, dass die einzige verlässliche normative Grundlage einer freiheitlichen Ordnung der geregelte, diskursiv und gewaltfrei ausgetragene Konflikt ist. Das Vertrauen in den allgegenwärtigen Staat und seine Fähigkeit, für alle Probleme gesellschaftlichen Zusammenlebens eine autoritative Lösung zu finden, sei jedenfalls im Schwinden begriffen.

Die Mitte also - ein Mythos - ein Nichts? Herzingers Vision von einer diskursiven Gesellschaft, die sich von überkommenen Strukturen, auch der imaginären Mitte, emanzipiert und ihre Konflikte in liberalem Dauerstreit löst, ist sicher in jedem politischen Salon herzlich willkommen; als Debattenthema. Politik und Gesellschaft müssten freilich noch überzeugt werden von der Praktikabilität derlei Vorstellungen. Vor allem die Politik ist noch nicht so weit und sie buhlt nach wie vor unverdrossen um die Liebe der Mitte, die in den letzten Jahren von den Damen und Herren aus Parteien, Regierung und Parlamenten eher lieblos behandelt worden ist. Das beschleunigt die Schwindsucht der Mitte.

Die Polit-Matadore wird das nicht hindern, weiter vehement um die Mitte, das kränkelnde Wesen, zu kämpfen. Dabei sind sie ausgesprochen einfallsreich. Gerhard Schröder entdeckte für sich die "Neue Mitte", ohne zu sagen, wo eigentlich die "Alte Mitte" abgeblieben ist. Und Franz Müntefering überraschte alle mit einer eigenwilligen Standortbeschreibung: "Die Mitte ist da, wo die linke Volkspartei SPD ist." Aha. Mitte also gleich links - ein politischer Spagat der Extraklasse; und Kanzlerkandidat Steinbrück versprach auf dem Parteitag in Hannover, er wolle für die SPD die "Deutungshohheitin der politischen Mitte" zurückgewinnen, woraus man schließen konnte, dass die SPD sie verloren hatte - was immer sie auch ist.Angela Merkel, Kanzlerin, CDU-Chefin und coole Physikern, stellte dem Geschwurbel lapidar - weniger originell aber auch weniger zweifelhaft - entgegen: "Die Mitte ist rechts von links" und postulierte auf ihrem Krönungsparteitag im Dezember 2012: "Wir sind die Volkspartei der Mitte". Na bitte. Und die anderen? Die FDP glaubt ohnehin, dass sie die einzig wahre Mitte verkörpert und auch die Grünen fühlen sich inzwischen sehr wohl an diesem Ort, zumal sich die meisten ihrer Anhänger schon lange in den oberen Bereich der Einkommensmitte tummeln.

Mehrheitsbeschaffer

Wer also die Mitte hat, hat die Mehrheit? Einerseits scheint diese Rechnung der Parteistrategen noch aufzugehen. Noch. Wenn sich allerdings so gut wie jede Partei an diesem Ort tummelt, dann ist die Frage zulässig, ob das Bekenntnis zu einer heterogenen und noch dazu mit Existenzsorgen befrachteten Schicht reicht, um Urnengänge für sich zu entscheiden. Im Übrigen gibt es Mitte nur, wenn es auch Ränder gibt. Aber wie viel Platz lassen die zur Mitte strebenden Parteien, bei sich selbst für links- oder rechtsabweichende Millieus? Die Sozialdemokraten haben in den zurückliegenden Jahrzehnten, jedenfalls bis in die 70er Jahre des 20.Jahrhunderts die linken Ränder weitgehend absorbiert;zumindest so lange, bis die Grünen das Gefüge aufbrachen; gleiches gilt für die Union und den rechten Rand. Diese innere Bindungsfähigkeit ist den beiden großen Parteien verloren gegangen.

Darüber hinaus lässt das große Gedränge der Parteien in der Mitte die Frage zu, ob sie wegen dieses vermeintlichen Standortvorteils nicht allzu viel Originäres aufgegeben haben. Konkreter gefragt: Wie sozialdemokratisch ist Angela Merkels CDU, wie stark verbürgerlicht ist die SPD? Und wie reagieren die Wähler der Mitte, wenn sie auf Dauer der Angleichung der parteilichen Vorstellungen - weichgespült bis zur Unkenntlichkeit - überdrüssig werden? Spätestens wenn die Mitte merkt, dass ihre Vereinnahmung durch Parteien jedweder Couleur ihre galoppierend Erosion nicht stoppt, ihnen ihre Exsistenzängste also nicht nimmt, wird sich das Parteiengefüge in Deutschland dramatisch verändern. Aber dann? Noch sind sie schicksalhaft verbunden - die noch existente gesellschaftliche Mitte und die Parteien, die um sie buhlen. Noch ist die Mitte ein politisches Ballungsgebiet. Und die Parteien rangeln um die Lufthoheit. Wie`s darunter aussieht, geht niemanden was an.

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