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Mecklenburg-Vorpommern

21. September 2017 | 07:12 Uhr

Die Menschlichkeit des Einzelnen

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erstellt am 25.Jun.2010 | 07:49 Uhr

Alt Schwerin | Bauern kommen in der Geschichtsschreibung oft zu kurz, ärgert sich der Rostocker Landwirt Gerhard Fischer. Seit 1996 erforscht er deshalb Biografien von Menschen auf dem Lande. Vier Ausstellungen sind bisher daraus entstanden.

Ein Melker bei Rostock ließ polnische Fremdarbeiter in seiner Stube polnischen Rundfunk hören und ging dafür ins Gefängnis. Ein ostpreußischer Landwirt nannte den Krieg 1944 verloren und kam ins KZ. In Baden-Württemberg hinderte ein Bauer Hitlerjungen an der Verteidigung des Dorfes gegen die Amerikaner und wurde kurz vor Kriegsende gehängt. Gerhard Fischer spürte den Schicksalen dieser und anderer Menschen vom Lande in Archiven und Bibliotheken nach, entdeckte Publikationen, Dokumente, Fotos und machte daraus eine Ausstellung. Am Freitag wurde sie im Agrarhistorischen Museum in Alt Schwerin (Müritzkreis) eröffnet. Zuerst waren die "Landwirte im Widerstand 1933-1945" im brandenburgischen Groß Behnitz zu sehen, im früheren Gut von Ernst von Borsig. Neben diesem seien weitere bekannte Widerständler in der Ausstellung vertreten, sagt der 74-jährige Fischer. Dazu gehören Ulrich Wilhelm Graf von Schwerin von Schwanenfeld, der ein Gut in Göhren (Mecklenburg-Strelitz) besaß und nach dem Hitler-Attentat 1944 hingerichtet wurde, oder der Theologe Dietrich Bonhoeffer und die Gutsbesitzerin und spätere Chefredakteurin und Herausgeberin der "Zeit", Marion Gräfin Dönhoff.

Die Ausstellung macht 36 Männern und Frauen bekannt, die auf ihre Art gegen die Nazis aufbegehrten. Weitere 36 Porträts enthält der Begleitkatalog. "Es sind oftmals nur kleine Dinge. Wenn Bauern Fremdarbeiter gut behandelten, war das schon eine Art des Widerstands", sagt Fischer. Auf dem Land habe es keinen organisierten Widerstand gegeben wie in industriellen Ballungsgebieten, "allein wegen der Verstreutheit der Höfe, wegen der Bindung an den Boden, an Tiere". Aber es habe die Menschlichkeit des Einzelnen gegeben. Der Historiker Michael Herms von der Linkspartei-nahen Rosa- Luxemburg-Stiftung bezeichnet die Ausstellung als populärwissenschaftlichen Versuch, die ganze Breite des Widerstandes auf dem Lande zu zeigen. Sie berichte von Menschen, die trotz oder wegen ihres konservativen Denkens erkannt haben, "dass der Nationalsozialismus zu nichts führt". Sie werfe einen neuen Blick auf diese Zeit, die in der DDR wie im Westen einseitig betrachtet worden sei.

Warum Fischer im Ruhestand begonnen hat, sich tief in die Arbeit eines Historikers zu knien, hat ebenfalls mit Widerstand zu tun. "Es war eine Protestreaktion", sagt er. Er habe das Personenlexikon "Wer war wer in Mecklenburg-Vorpommern" in die Hand bekommen. "Landwirte kamen darin fast gar nicht vor", moniert er. Als ihm jemand sagte: "Mecker nicht, mach es besser", habe er 1996 begonnen, 630 ostpreußische Biografien zusammenzutragen. Fischer stammt selbst aus Ostpreußen. 1945 floh seine Familie und fand bei Ribnitz-Damgarten eine Bleibe, wo der Vater einen Neubauernhof übernahm. Fischer studierte in Rostock Landwirtschaft und arbeitete in Volkseigenen Gütern, in einem Saatzuchtbetrieb und nach der Wende als Grundstücksverwalter in Rostock. Aus den 630 Biografien war die erste Ausstellung entstanden. Es folgten "Arzt und Landwirt" sowie "Landwirte in Not 1927-1932". Als die NPD in Mecklenburg-Vorpommern stärker wurde, kam der politische Akzent dazu, wie Fischer sagt. Eine erste Ausstellung zum Widerstand gab es 2005, die jetzige habe er überarbeitet und ergänzt. "Ich will damit aufmerksam machen auf eine Zeit, die den Menschen sehr geschadet hat. Es ist eine Reaktion auf den wiedererstehenden Faschismus in Deutschland."

Bei seiner Arbeit erhielt Fischer Hilfe und Spenden von der Luxemburg-Stiftung und der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung, von Bauernverbänden in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern und von Agrarbetrieben. In den nächsten Monaten soll die Schau unter anderem im Bundeslandwirtschaftsministerium in Berlin zu sehen sein.

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