Große Gesundheitsstudie : Die magische 20 000-er Marke

Deutschlands größte Gesundheitsstudie, die Nationale Kohorte, muss im Nordosten erst noch richtig in Fahrt kommen, um ihr ehrgeiziges Ziel zu erreichen.

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02. Dezember 2014, 11:45 Uhr

Es ist ein mehr als ehrgeiziges Ziel: 20 000 Frauen und Männer im Alter zwischen 20 und 69 Jahren sollen in Mecklenburg-Vorpommern für Deutschlands größte Gesundheitsstudie, die Nationale Kohorte (NAKO), untersucht werden. Das sind zehn Prozent der deutschlandweit anvisierten Probandenzahl. Nur noch ein weiteres von bundesweit 18 Studienzentren, das in Augsburg, wird ebenfalls so viele Probanden untersuchen, betont Prof. Dr. Henry Völzke vom Greifswalder Institut für Community Medicine, der das Nordostdeutsche Studienzentrum mit Standorten in Neubrandenburg und Neustrelitz leitet.

Ziel der Nationalen Kohorte ist es, Risikofaktoren für häufige Volkskrankheiten wie Diabetes, Krebs, Demenz und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, aber auch für weniger häufige, aber doch bedeutsame Erkrankungen wie Parkinson, Bauchspeicheldrüsenentzündung oder Multiple Sklerose in Abhängigkeit von der Lebenssituation und dem Lebensalter der Probanden zu erfassen, so Prof. Völzke. Aus diesen Erkenntnissen sollen Strategien zur wirksamen Vorbeugung und Behandlung dieser Krankheiten entwickelt werden. Doch das klappt nur, wenn möglichst viele Menschen mitmachen – und auch Jahre später zu den geplanten Folgeuntersuchungen kommen.

Aber bekommt man hier dafür 20 000 Menschen zusammen? 20 000, das entspricht der Einwohnerzahl von Neustrelitz, Kinder und Hochbetagte inklusive. Ludwigslust und Grabow kommen zusammen nicht auf so viele Einwohner. In Güstrow (28 000 gemeldete Einwohner) könnten vielleicht 20 000 Menschen in der gesuchten Altersgruppe erreicht werden – wenn denn jeder, der zur Studienteilnahme eingeladen wird, auch tatsächlich kommt.

Doch das anzunehmen, ist illusorisch. Auch Prof Völzke weiß das. An der vor 17 Jahren gestarteten SHIP-Studie (SHIP - Study of Health in Pomerania), die er ebenfalls leitet, nahmen seinerzeit rekordverdächtige 68,8 Prozent der zufällig ausgewählten Erwachsenen teil. Insgesamt konnten so 4308 Frauen und Männer für die Studie gewonnen werden.

Doch der Aufwand, mit dem das erreicht wurde, war enorm und ist bei der Nationalen Kohorte mit einem sehr viel größeren Teilnehmerfeld und einem festgeschriebenen Budget nicht wiederholbar. „Auf die schriftliche Einladung hin kamen bei SHIP 17 bis 20 Prozent der Angeschriebenen, durch Anrufe haben wir weitere zehn Prozent mobilisiert. Und schließlich haben wir dann wirklich an den Haustüren geklingelt und die Leute überzeugen können, an der Studie teilzunehmen.“

Jetzt bleibt es bei zwei Einladungsschreiben, die zufällig aus den Einwohnermeldedaten ausgewählten Adressaten per Post zugeschickt werden. Wenn Telefonnummern in öffentlich zugänglichen Datenquellen gespeichert sind, werden auch diese für ein Einladungsgespräch genutzt. Dann heißt es für die Projektmitarbeiter abzuwarten, ob die Angeschriebenen sich zur Terminabsprache im Studienzentrum melden. Denn jeder Proband zählt. Wenn sich abzeichne, dass die angestrebte Teilnehmerzahl nicht erreicht wird, müsse es zusätzliche Einladungsrunden mit neuen Adressaten geben, so Prof. Völzke.

Momentan sind es täglich fünf bis sechs Probanden, die im Anfang Mai eröffneten Neustrelitzer Untersuchungszentrum auf Herz und Nieren durchgecheckt werden. Noch in diesem Jahr soll auch in Neubrandenburg mit den Untersuchungen begonnen werden.

Auf die Region um die beiden Städte herum soll sich die Studie in Mecklenburg-Vorpommern zunächst konzentrieren. Allerdings wird bereits darüber nachgedacht, das Neustrelitzer Untersuchungszentrum nach anderthalb Jahren beispielsweise nach Waren umziehen zu lassen, so die Projektmanagerin Sabine Schipf. Das würde für viele Probanden die Wege verkürzen –und so manchen die Teilnahme an der Studie erleichtern, hofft Völzke. Denn: „Wenn wir unser Ziel erreichen wollen, müssen wir binnen vier Jahren an jedem unserer Standorte 10 000 Patienten untersuchen – das wären also etwa 15 pro Tag“, weiß er.

Sein Team versucht nun, auch über die Arbeitgeber potenzielle Probanden zu motivieren. Unternehmen in der Region wurden angeschrieben und gebeten, ihre Mitarbeiter für die Studienteilnahme freizustellen. „So eine Freistellung durch den Arbeitgeber erhöht erfahrungsgemäß die Teilnahmebereitschaft der zufällig ausgewählten Probanden“, weiß Prof. Völzke. Die Untersuchungen nehmen immerhin zwischen zweieinhalb und fünf Stunden in Anspruch. Kein Pappenstiel, zumal in einer Region, in der Arbeit – und erst recht annehmbar bezahlte – noch immer rar ist.

Doch genau das ist einer der Gründe, warum diese Region für die Studie ausgewählt wurde: Denn hier geht eine besonders hohe Erkrankungsrate – Fachleute sprechen von Morbidität – mit der bundesweit niedrigsten Beschäftigungsquote und der höchsten Arbeitslosigkeit einher. Dazu kommt, dass besonders viele ältere Menschen in der Region zwischen Müritz und Haff leben.

Von den Ergebnissen der Studie, so betont Prof. Völzke, sollen auch die Probanden direkt profitieren: „Wir werden innerhalb kurzer Zeit viele Untersuchungen durchführen und unseren Probanden qualitätsgesicherte Ergebnisse zurückgeben – wenn dies gewünscht wird.“ Und vorausgesetzt, studienmethodische und ethische Aspekte sprechen nicht dagegen.

Insbesondere die Untersuchungen im Magnetresonanz-Tomographen (MRT) weisen solche Besonderheiten auf. Das Neubrandenburger Untersuchungszentrum ist eins von bundesweit nur fünf Standorten, die auch Ganzkörper-Untersuchungen im MRT durchführen werden: 6000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollen im Laufe der nächsten vier Jahre in die „Röhre“ geschoben werden, die derzeit eigens für das Projekt in Neubrandenburg installiert wird. „Hier wägen wir genau ab, was wir den Probanden sagen. Faktisch sind bei jedem über 30 zumindest kleinere Bandscheibenveränderungen zu erkennen – aber viele wissen gar nichts davon“, nennt Prof. Völzke ein Beispiel. Teile man ihnen das Ergebnis der MRT-Untersuchung mit, würden sie sich unter Umständen erst dadurch zu einer Arztkonsultation, möglicherweise sogar zu einer Operation entschließen. Das aber könne zu verzerrten Aussagen über Behandlungshäufigkeit und -erfolg bei bestimmten Erkrankungen führen – und muss Völzke zufolge nicht unbedingt zu Vorteilen für die Studienteilnehmer führen. „Vor diesem Hintergrund würden wir den Probanden bestimmte Ergebnisse nicht mitteilen. Darüber werden sie im Vorfeld aber unterrichtet“, so der Leiter des Studienzentrums. Dieses Vorgehen sei selbstverständlich mit der Ethikkommission abgestimmt und von ihr genehmigt worden.

Hintergrund:

Ein Netzwerk deutscher Forschungseinrichtungen aus Universitäten, der Helmholtz-Gemeinschaft, der Leibniz-Gemeinschaft und der Ressortforschung hat deutschlandweit die Initiative für den Aufbau einer groß angelegten Langzeit-Bevölkerungsstudie ergriffen, um die Ursachen von Volkskrankheiten wie z.B. Herz-Kreislauferkrankungen, Krebs, Diabetes, Demenzerkrankungen und Infektionskrankheiten aufzuklären, Risikofaktoren zu identifizieren, Wege einer wirksamen Vorbeugung aufzuzeigen sowie Möglichkeiten der Früherkennung von Krankheiten zu identifizieren. In der Studie werden in  ganz Deutschland 200 000 Menschen im Alter von 20 bis 69 Jahren  medizinisch untersucht und nach Lebensgewohnheiten (z.B. körperliche Aktivität, Rauchen, Ernährung, Beruf) befragt. Darüber hinaus werden allen Studienteilnehmern Blut-,  Urin-  und  Stuhlproben entnommen und für spätere Forschungsprojekte in einer zentralen Bioprobenbank gelagert.

Nach fünf Jahren werden alle Teilnehmer erneut zu einer Untersuchung und zweiten Befragung  eingeladen. Im Laufe der Nachbeobachtung über 10 bis 20 Jahre werden bei einigen Teilnehmern naturgemäß bestimmte Erkrankungen auftreten, die dann mit den erhobenen Daten in Verbindung gebracht werden können. Die Studie bietet damit ein einzigartiges Potential für eine Vielzahl von wissenschaftlichen Untersuchungen.

Aus alledem werden die Forscher wertvolle Erkenntnisse darüber gewinnen, wie genetische Faktoren, Umweltbedingungen, soziales Umfeld und Lebensstil  bei der Entstehung von Krankheiten zusammenwirken. Aus den Erkenntnissen sollen Strategien für eine bessere Vorbeugung und Behandlung der wichtigsten Volkskrankheiten abgeleitet werden.

http://www.nationale-kohorte.de/


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