Die Luftbild- Detektive

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15. Mai 2013, 10:06 Uhr

Die Rostocker Marienkirche in einem Trümmerfeld, die Neptun-Werft nur noch ein Gerippe, Explosionsblitze über der Heeresversuchsanstalt in Peenemünde - amerikanische und britische Luftaufklärer haben alles gesehen, fotografiert, dokumentiert. Selbst gestochen scharfe Aufnahmen von den Vernichtungslagern. Mehr als 50 000 Aufklärungseinsätze flogen die Alliierten zwischen 1940 und 1945 und schossen dabei Millionen von hochauflösenden Fotos. Ein Glücksfall für die Nachwelt und unverzichtbare Hilfe bei der Suche nach den Altlasten des Krieges. "In zwei von drei Fällen", so NRW-Innenminister Ralf Jäger, "führen Kriegsluftbilder zu den Fundorten."

Die Apokalypse des Krieges sieht Bertram Götzelmann in Stuttgart jeden Tag: Ausgebrannte Häuser, gezackte Schutzgräben, kahl rasierte Bäume, Schiffsrümpfe, die aus dem Wasser ragen. Für den Stuttgarter Vermessungsingenieur ist die Welt von oben gesehen ganz klein. Das ist gut für den Überblick, aber schlecht, wenn man unten winzige Details erkennen soll. Götzelmann ist Luftbildauswerter bei der Kampfmittelbeseitigung Baden-Württemberg. Auf alten Aufklärungs-Fotos der Alliierten sucht er nach dem berühmten Nadelstich, den eine Bombe hinterlässt, wenn sie, ohne zu explodieren, in den Boden eintaucht: Götzelmann entlarvt Blindgänger. Dabei bleibt er schön am Boden: in einem einsamen, streng bewachten Waldgelände bei Stuttgart. Hier lagern in Stahlschränken rund 110 000 Luftbilder der Engländer und Amerikaner. "Da schlummert noch viel unter der Erde."

10 bis 20 Prozent der Bomben nicht explodiert

Geht es nach Robert Mollitor, dem Leiter des Munitionsbergungsdienstes Mecklenburg-Vorpommern, ist die Gefahr auf viele Jahrzehnte nicht gebannt. Knapp 200 Jahre werde es noch dauern, hat er ausgerechnet. Dann sei Deutschland wohl "entmunitioniert".

Ein Blick durch die Vergrößerungslinsen des Spiegelstereoskops - und Mollitors schwäbischer Kollege Götzelmann taucht in die Stuttgarter Kriegszeit ein. Ein dreidimensionales Bild entsteht. Zerstörte Gebäude werden plastisch sichtbar. Bäume kommen hoch. Ein Park ist übersät von Bombentrichtern. Niemand weiß genau, wie viele Bomben über diesem Areal aus den Schächten der viermotorigen Lancaster-Bomber und Fliegenden Festungen fielen. Nur so viel steht fest: "Wir haben hier 400 große Krater von explodierten Bomben entdeckt." Die Gefahr ist nicht gebannt. "40 bis 60 Blindgänger könnten hier noch im Boden stecken."

Zwei Millionen Tonnen Bomben hagelten auf Nazi-Deutschland nieder. "Zwischen zehn und 20 Prozent" sind nicht explodiert, schätzen Chef-Sprengmeister Mollitor und seine Experten-Kollegen in den anderen Bundesländern. 100 000 Bomben sind stumm geblieben. 3 000 Blindgänger lauern in Hamburger und Berliner Böden. 300 000 Tonnen Munition ruhen noch auf dem Grund der Ostsee. Besonders betroffen sind laut Kampfmittelbeseitigung Mecklenburg-Vorpommern zudem Peenemünde sowie das Gebiet der ehemaligen Militär-Flugplätze in Anklam, Barth und Tutow. Wenigstens Schwerin und Wismar sollen inzwischen weitgehend sauber sein.

"Baltisches Gold" könnte Phosphor sein

Doch die Zünder unzähliger Monster haben das Tausendjährige Reich unbeschadet überstanden. Ob Bomben und Artilleriegranaten, Gewehrmunition oder Panzerfäuste - die an Stränden, in Baugruben, Flüssen, Feldern, Wäldern und Deichen lauernde Erbschaft des Nazi-Reichs rottet vor sich hin. Und wird dabei immer gefährlicher: 591 Opfer durch versenkte Munition bilanziert eine Umweltstudie der Aktionskonferenz Nordsee. Wer auf Usedom Bernstein sammelt, sollte vorsichtig sein: Das vermeintliche Baltische Gold könnte sich als Phosphor entpuppen - mit verheerenden Folgen. Mindestens 120 Strandbesucher erlitten seit 1979 auf Usedom nachweislich durch Weißen Phosphor teils schwere Verbrennungen, zuletzt 2011 und 2012.

Und es kann knallen, jederzeit, wie zum Beispiel in Bielefeld: Glassplitter flogen durch die gute Stube eines Rentner-Ehepaares. Eine Weltkriegs-Granate, die in einem verfeuerten Holzscheit steckte, war im Kamin explodiert. In Göttingen hob es einen Rentner fast aus dem Sessel. Fenster schepperten. Noch im 30 Kilometer entfernten Clausthal-Zellerfeld registrierte der Seismograph ein Beben der Stärke 1,7. Unter dem nahegelegenen Schützenplatz war eine englische Fliegerbombe detoniert - nach Jahrzehnten, von ganz allein. Zum Glück kam in beiden Fällen kein Mensch ernsthaft zu Schaden. "Statistisch kommt es einmal pro Jahr zu einer solchen Selbstdetonation", sagt Kiels erster Sprengmeister Oliver Kinast.

Auf knapp 9000 englische und amerikanische Kriegsluftbilder, Flug-Vermessungsfotos der Sowjetunion von 1953 sowie Luftaufnahmen des Landesvermessungsamtes kann Robert Mollitor, Leiter des Munitionsbergungsdienstes Mecklenburg-Vorpommern, zurückgreifen. Auch alte Spionage-Bilder von sowjetischen Militäreinrichtungen durch die Amerikaner ziehen die Spezialisten zu Rate.

Mittlerweile gestaltet sich die Suche immer aufwändiger: In den letzten eineinhalb Jahren erlebte die Bundesrepublik nach Bombenfunden die größten Massenevakuierungen der Nachkriegszeit: 45 000 Menschen mussten in Koblenz ihre Wohnungen verlassen, 25 000 in Hannover, 1100 in der Schweriner Feldstadt.

Seit 1949 ist jeder Bauherr verpflichtet, sein Gelände auf Blindgänger untersuchen zu lassen. Bevor die Bagger anrücken, landen alle Anträge bei der Luftbildauswertung der Länder.

Auf dem Tisch von Vermessungstechnikerin Christiane Schlenker bei der Kampfmittelbeseitigung Mecklenburg-Vorpommern türmen sich die Auftragsmappen. "Wir bekommen pro Jahr etwa 1200 Anfragen von Bauherren, die wissen wollen, ob auf ihren Grundstücken noch Bomben ruhen könnten." Die Luftbildauswerter der staatlichen Kampfmittel-Räumdienste und privaten Spezialfirmen können die Flut der Anträge kaum noch bewältigen. "Wir werden nur dann aktiv, wenn gebaut werden soll", sagt Baden-Württembergs Chef Peer Müller.

1100 Evakuierte in der Schweriner Feldstadt

Kurz nach Kriegsende herrschte Chaos: Bombentrichter waren vielfach sorglos zugeschüttet worden. Geschätzte 1,6 Millionen Tonnen Munition wurden in Nord- und Ostsee verenkt. Millionen Wehrmachtsangehörige entsorgten ihre Waffen im Ostsee-Raum vor den nachrückenden alliierten und russischen Verbänden eilig in Bächen, Dorfweihern und Seen. "Wir finden laufend ganze Munitionsdepots", bestätigt Kiels Chef-Sprengmeiser Oliver Kinast.

Vor allem bei Niedrigwasser an den Ostseestränden, auf Usedom, im Raum Peenemünde und an den Deichen von Elbe, Rhein und Donau, werden die Räumdienste beklemmend oft fündig. "Früher wurde blind gesucht", sagt Oliver Kinast. Es gab kein satellitengestütztes Positionssystem, keine Computer, keine photogrammetrischen Spezialgeräte - vor allem keine Luftbilder. Jahrzehntelang hatten die Alliierten die Kriegsaufnahmen unter Verschluss gehalten. Erst 1983, nachdem ein Blindgänger in einer Kaserne der britischen Rhein-Armee hochgegangen war, und nach zähen Verhandlungen gaben die Briten die Fotos frei.

Mittlerweile arbeiten in jedem Bundesland Luftbildauswerter, denn jede Region ist betroffen. Mit 600 Stundenkilometern schlichen sich die fliegenden Spione durch die deutsche Abwehr und hielten aus 7000 bis 9000 Metern Höhe und verschiedenen Blickwinkeln die Wirkungen ihrer Angriffe fest. Dank dieser Flieger können die Luftbild-Detektive heute metergenau festlegen, wo Blindgänger runtergegangen sind. Doch das sind nur erste Anhaltspunkte. Wo die Bombenkörper exakt liegen, muss mit Oberflächen sonden vor Ort untersucht werden. "Die Bombenkörper werden im Erdreich bis zu sieben Metern vom Aufschlagspunkt abgelenkt", erklärt Baden-Württembergs Räumdienst-Chef Peer Müller.

Womöglich Blindgänger! Lebensgefahr!

Bis zu fünf Kameras hatten die Flieger an Bord. Bei der Suche nach Blindgängern kombiniert die Luftbildauswertung die in Serie und aus unterschiedlichen Perspektiven geschossenen Aufnahmen unter einem Stereoskop. So entsteht ein dreidimensionales Bild. Selbst die Größe einer Bombe kann aus der Vogelperspektive ermittelt werden.

An diesem Tag gibt das Stereoskop von Bertram Götzelmann statt der großen Trichter nur winzige nadelstichartige Löcher preis: Keine Explosion! Womöglich Blindgänger! Lebensgefahr! Jetzt bloß keine Hektik: In aller Ruhe überträgt Götzelmann seine Entdeckung auf eine heutige Luftbildkarte. Dann passiert das, was fast täglich irgendwo in Deutschland die Menschen in Atem hält: Evakuierungen, Absperrungen, Notunterkünfte, Die Männer vom Kampfmittelräumdienst rücken aus.

Die Kriegsluftbild-Fotos stellen in absehbarer Zeit die einzige Informationsquelle dar, um die Monster des Krieges aufzuspüren. Die Zeitzeugen sterben aus, und die Vergangenheit will nicht vergehen. Sie kehrt immer wieder aus dem Dunkel ins Leben zurück...

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