Die letzte Hoffnung zerstört

<strong>Angst, die letzten</strong> Arbeitstage zu erleben: Astrid Wollschläger, Verkäuferin im Schlecker-XL-Markt. Fotos: Ilja Baatz
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Angst, die letzten Arbeitstage zu erleben: Astrid Wollschläger, Verkäuferin im Schlecker-XL-Markt. Fotos: Ilja Baatz

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13. Juni 2012, 02:06 Uhr

lübz | Noch trägt Roswitha Schwaß jeden Tag ihre weiße Arbeitskleidung mit der kleinen Aufschrift "Schlecker - For you vor Ort". Nicht mehr lange, glaubt sie. Nach der Mitteilung, dass letztlich auch der als praktisch gelungen angekündigte Verkauf der Schlecker-XL-Märkte und von "Ihr Platz" gescheitert ist, zeigt sich die Leiterin der Lübzer Filiale hoffnungslos: "Ich habe mich damit abgefunden, dass auch ich ab nächstem Monat arbeitslos bin und dann wird diese Schürze ganz weit weg von mir abgelegt. Man hat uns als Beschäftigte hingehalten, was unzählige Nerven gekostet hat, und - so sehe zumindest ich es - um ein paar Euro gefeilscht, was im Nichts geendet hat."

Ständig das Fax-Gerät im Auge, ob es eine neue Mitteilung schickt, Kollegen in anderen Orten angerufen, um zu erfahren, ob die schon etwas Neues gehört haben, und Kontakt zum Betriebsrat gehalten, der aber auch nichts sagen konnte, was Klarheit hätte verschaffen können. So oder ähnlich sah für viele Schlecker-Beschäftigte der Freitagnachmittag aus. Das traurige Ergebnis: Niemand in einer großen Runde wusste etwas, die Ungewissheit blieb hartnäckig. "Eigentlich hätte es uns klar sein müssen, denn schon aus den Wochen zuvor wussten wir, dass niemand mit uns spricht", sagt Roswitha Schwaß. "Hoffnung war zunächst noch da, aber damit ist jetzt weitestgehend Schluss. Vielleicht ist irgendwo ganz tief unten noch ein Fünkchen übrig und es wäre schön, wenn es doch noch weitergeht, aber ich muss irgendwann mit dem Thema abschließen. Sonst werde ich verrückt."

In der Tat war es wie beim ersten Mal, als es um die Zukunft von Schlecker insgesamt ging. Die Beschäftigten erfuhren nichts schneller und nicht mehr als die Öffentlichkeit - im Gegenteil: Am Sonnabendmorgen sprachen Kunden die Frauen auf den gescheiterten Verkauf an. Das diese Information an die Beschäftigten übermittelnde Fax-Gerät sprang im Lübzer Schlecker-Markt erst am Sonnabendmittag an. "Was wir wissen, ist, dass es um die Arbeitsverträge gehen soll", so Roswitha Schwaß. "Es ging und geht auch weiterhin offensichtlich nur noch ums Geld. Dass die Menschen niemanden wirklich interessieren, ist mir klar, aber ich kann zum Beispiel trotzdem nicht verstehen, dass allein für zwei Werften schwindelerregende Summen ausgegeben werden, um sie zu retten, obwohl es bei ihnen nicht einmal annähernd um so viele Arbeitsplätze wie bei uns geht. Hier heißt es lapidar, dass der Staat nicht für Managementfehler aufkommen dürfe und Mitbewerber das ausfallende Angebot ausgleichen werden." Und wenn die Rede davon sei, dass die Entlassung der Schlecker-Beschäftigten unter anderem durch Weiterbildungs- und Umschulungsmaßnahmen abgemildert werde, habe dies keine Bedeutung für Frauen wie Roswitha Schwaß: "Ich bin 54 und für den Arbeitsmarkt abgeschrieben - egal, wie fit ich mich fühle und bin."

Noch vor acht Tagen hatte sich die Marktleiterin vorsichtig optimistisch gezeigt. Unsicher war sie allerdings auch schon da nicht nur wegen des zwar angekündigten, aber noch nicht hundertprozentig festgezurrten Verkaufs, sondern auch wegen des unmitelbar bevorstehenden Mittwochs, seit Jahren der Liefertag. Heute ist sie ebenfalls diesbezüglich aufgeklärt: "Es kam vielleicht noch die Hälfte der von uns bestellten Artikel. ,Nicht lieferbar’ - also nicht mehr auf Lager - hieß es bei den anderen Sachen. Jetzt sind viele Regale leer. Was wirklich wichtig ist, was sich zu unseren Stärken entwickelt hat, ist weg." Dabei handele es sich zum Beispiel um Tier- und Babynahrung sowie Putzmittel.

"Schlecker - Dein freundlicher Drogerie-Discounter". Keine der in Lübz arbeitenden Frauen glaubt wirklich daran, noch lange unter den von der Decke hängenden Schildern mit dieser Aufschrift arbeiten zu dürfen. Als am Sonn-abend vermutlich wegen der Meldung bezüglich der gescheiterten Übernahme deutlich mehr Kunden als sonst den XL-Markt betraten, wies Astrid Wollschläger viele darauf hin, dass hier kein Ausverkauf wie im EKZ stattfindet. "Trotzdem wurde genommen, was das Zeug hält", berichtet sie. An der Kasse stellte sich dann mehrfach heraus, dass zwischen den kleinen und großen Schlecker-Märkten oft nicht unterschieden wird: "Mehrfach bekamen wir zum Beispiel die Frage zu hören, ob die 30 Prozent Preisnachlass - die es bei uns gar nicht gibt - gleich oder später abgezogen werden." Der am Freitag begonnene Ausverkauf der Schlecker-Filiale im EKZ sorgte über längere Zeit für solch einen Ansturm, dass die Warteschlangen bis weit auf den Flur reichten.

"Hauptsache, Sie bleiben hier", bemerkte eine ältere, in der näheren Umgebung wohnende Kundin gestern gegenüber Roswitha Schwaß. Ihre Antwort: "Das steht in den Sternen. Die können wir bei gutem Wetter zwar sehen, aber weder lesen noch deuten."


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