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Video: Glasbläserei in Waren : Die Kunst des Zerbrechlichen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Seit 60 Jahren fertigt Herbert Müller-Sachs Figuren und Gefäße aus Glas und achtet dabei auf Nachhaltigkeit und Tradition

„Entweder es stimmt oder es stimmt nicht – ich habe selten die Möglichkeit, einen Fehler zu korrigieren“, erzählt Herbert Müller-Sachs. Der 73-Jährige ist Kunstglasbläser – in 16. Generation. Seine Arbeit ist ebenso filigran wie zerbrechlich. Müller-Sachs weiß: Wenn ihm im Entstehungsprozess ein Fehler unterläuft, ruiniert er möglicherweise die Arbeit von Stunden.

Seit etwa 60 Jahren ist er in seinem Handwerk tätig. „Ich war als Baby schon beim Vater in der Werkstatt und habe das praktisch von der Wiege auf mitgekriegt.“ Und das nicht nur durch die Familientradition. Der 73-Jährige ist in Lauscha geboren. Die Landstadt im thüringischen Kreis Sonneberg ist geprägt von der Glasindustrie. Die Stadt wurde durch den Bau einer Glashütte im späten 16. Jahrhundert gegründet und ist unter anderem weltberühmt für ihren dort produzierten Christbaumschmuck.

 

Auch Müller-Sachs hat dort in den verschiedenen Werkstätten seiner Familie den Umgang und das Arbeiten mit Glas erlernt. Ab seinem 14. Lebensjahr hat der Kunstglasbläser das Handwerk praktiziert, die Glasfachschule, die Meisterschule und die Fachschule für angewandte Kunst in Schneeberg abgeschlossen. „Um das Handwerk des Glasbläsers erlernen zu können, braucht man sehr viel innere Ruhe, ein wenig Gleichgültigkeit und sehr viel Konzentration“, sagt der Lauschaer. „Man muss sehr genau arbeiten können. Mein Vater hat immer gesagt: Auch wenn draußen die Welt untergeht, machst du erst deine Sache fertig. Dann kann die Welt untergehen.“ Von seinem Vater hat Herbert Müller-Sachs viel lernen können. Auch wenn diese Schule eine harte gewesen sei. Jedoch habe er ihm unter anderem eine Technik zur Regulierung der Flamme beigebracht, die Müller-Sachs bis heute kultiviert und weitergeführt hat. „Mein Vater hat seine Flamme reguliert, indem er den Gasschlauch mit dem Ellbogen an der Tischkante abgeklemmt hat“, erklärt der Kunstglasbläser. „Das habe ich weitergeführt und verbessert, indem ich die Flamme über ein Pedal reguliere.“ Bei seinen Kollegen habe sich diese Technik jedoch leider nicht durchgesetzt. „Jeder Glasbläser hat seine eigene Handschrift und hat gleichzeitig auch seine eigene Entwicklung an Werkzeugen“, sagt Müller-Sachs.

Der 73-Jährige würde durch diese Technik jedoch eine Menge Gas sparen und nachhaltiger arbeiten können. „Früher war es so, dass man als Handwerker nichts weggeworfen und alles wiederverwertet hat“, sagt der Lauschaer und erzählt, dass er es auch heute noch so handhabt. Aus Glasresten würde er beispielsweise kleine Figuren wie Flaschenteufel herstellen.

Das sei vor allem wichtig, da der Glaspreis seit der Wende stetig gestiegen ist. Das Kilo Glas, das Herbert Müller-Sachs und seine Kollegen von regionalen Glashütten beziehen, hätte vor der Wende etwa vier DDR-Mark gekostet. Heute läge der Preis bereits bei 30 Euro. Der 73-Jährige habe in weiser Voraussicht jedoch vorgesorgt. „Ich habe erfahren, dass eine Glashütte geschlossen werden sollte und habe zentnerweise deren Restbestände an Glas aufgekauft. Für weniger als vier Mark“, erzählt er stolz. Obwohl er diese Bestände bereits zur Wende gekauft hat, können er und seine Tochter Grit noch heute damit arbeiten. Diese hat den Betrieb ihres Vaters bereits übernommen, doch der 73-Jährige möchte den Fuß noch nicht vom Pedal nehmen. Dabei ist der Lauschaer nicht nur in seiner heimischen Werkstatt tätig, sondern auch für den Thüringischen Kristallhof, der in Waren die „Mecklenburgische Glaswerkstatt“ betreibt.

„Die Mecklenburgische Glaswerkstatt hat das Ziel, an die Glastradition in Mecklenburg zu erinnern“, sagt Geschäftsführer Ralf Hünniger. Mitte des 18. Jahrhunderts hätte es hier beispielsweise 30 Glashütten gegeben, die nach und nach jedoch verschwunden seien. „Wir wollen den Kunden das Glasbläserhandwerk erlebbar machen.“ Aus diesem Grund arbeiten sie mit mehreren Glasbläsern zusammen und stellen ihnen einen öffentlichen Arbeitsplatz zur Verfügung. Dort, inmitten von gläsernen Figuren und Dekorationen, arbeitet auch Herbert Müller-Sachs von Zeit zu Zeit. Tochter Grit Müller-Sachs wird die Fertigkeiten und Techniken ihres Vaters weiterführen. Sie ist eine Glasbläserin der 17. Generation. „Und sie hat mich schon jetzt in ihrem Können übertrumpft“, gesteht Herbert Müller-Sachs stolz.

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erstellt am 16.Apr.2017 | 08:00 Uhr

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