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Kriminalität MV : Die krummen Geschäfte der Dachhaie

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Sie werden nicht angerufen und auch nicht bestellt – unangemeldet tauchen vermeintliche Handwerker auf und zocken ihre Opfer mit Haustürgeschäften ab

svz.de von
erstellt am 09.Sep.2016 | 12:00 Uhr

Die vermeintlichen Dachdecker tauchten unangekündigt auf und klingelten an der Wohnungstür von Marion K. Das Dach müsse begutachtet werden, erklärten die Männer. Einen Grund für die überraschende Inspektion gab es eigentlich nicht. Das Dach auf der Doppelhaushälfte in Grevesmühlen war erst vor zwei Jahren saniert worden.

Doch die Männer ließen nicht locker. Einer der beiden verwickelte die Bauherrin in ein Gespräch - der Kumpane kletterte aufs Haus und kam mit einem Stück Schweißbahn zurück. Die Schornsteineinfassung sei defekt und müsse repariert werden, erklärte er der Frau. Die Kosten für die Reparatur veranschlagte er auf 600 Euro. Doch Marion K. zahlte nicht und informierte stattdessen einen seriösen Dachdecker. Und der ist über die angeblichen Kollegen mächtig wütend: „Über diese Abzocke kann jeder gestandene Handwerksmeister nur mit dem Kopf schütteln“, sagt Dachdeckermeister Kai Wendtland. Den angeblichen Dachschaden hatten die beiden Männer selber angerichtet. „Sie haben eine intakte Dachfläche mutwillig zerstört“, sagt Wendtland. Er hat Beweisfotos. Die Schweißbahnstücke waren mit einem Messer herausgeschnitten worden. Am Haus von Marion K. hatten sich sogenannte Dachhaie zu schaffen gemacht. Die Frau sollte übers Ohr gehauen werden.

„Das ist eine Schweinerei und ramponiert unser Image“, schimpft Torsten Gebhard, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Schwerin, über die Betrüger. Die dreisten Maschen der reisenden Gauner sind den Handwerkerschaften seit Jahren bekannt. „Fälle von unseriösen Haustürgeschäften treten immer wieder auf. Oft wellenweise“, weiß Gebhard. Er erinnert sich noch an die Scherenschleifer, die von Haustür zu Haustür tingelten und ihre Dienste anboten. „Die Messer waren danach allerdings stumpfer als vorher“, so Gebhardt. Und er kennt die Asphalt-Kolonnen (siehe unten), die durch die Lande rollen und Hausbesitzern viel Geld für minderwertige Arbeit aus der Tasche ziehen. „Wir können vor solchen Geschäften am Gartentor nur warnen“, sagt Gebhardt. Bei den Reisehandwerkern handele es sich auf keinen Fall um eingetragene Betriebe. Seriöse Handwerker würden auch niemals ungefragt Angebote unterbreiten oder sich den Kunden aufdrängen.

10 000 Euro für eine Dachrinne

Wie massiv die Opfer von angeblichen Handwerkern teilweise unter Druck gesetzt werden, weiß Polizeisprecherin Katrin Kleedehn aus dem Polizeipräsidium in Neubrandenburg. In der Region hatten sich drei Dachhaie ein Ehepaar als Opfer ausgesucht. „Ein Mann hat das Paar in ein Gespräch verwickelt und sein Komplize ist gleich ran an die Dachrinne und hat daran rumgewerkelt“, schildert die Sprecherin den Vorfall vom März 2015. Später seien noch zwei weitere falsche Handwerker dazugestoßen. 150 Euro verlangte der Trupp anfangs für die Reparatur - „am Ende wollten sie dann auf einmal 10 000 Euro haben. Für eine völlig unprofessionelle und fehlerhafte Arbeit“, so Kleedehn. Das Paar alarmierte daraufhin die Polizei. Die Gauner machten sich aus dem Staub.

Wie viele Menschen von Dachhaien und anderen Betrügern in Handwerkskluft reingelegt werden, ist nicht bekannt und auch nur schwer zu ermitteln. Die Polizei spricht von Einzelfällen. Experten gehen davon aus, dass einige Betroffene aus Scham erst gar keine Anzeige erstatten. Wer gibt schon gerne zu, dass er aus Schnäppchengier oder Gutgläubigkeit viel Geld an Betrüger verloren hat. Die reisenden Trickser sind zudem nur schwer zu fassen. Hinter dem Fall aus Neubrandenburg steht nach wie vor ein Fragezeichen. Auch die Ermittlungen zu den Dachhaien in Grevesmühlen dauern noch an. „Oft gibt es nur eine Täterbeschreibung mehr nicht“, weiß Torsten Gebhard. Die Geschäfte würden häufig in bar abgewickelt. „Da gibt es keine Firmen-Adressen oder Anschriften.“

Tipps der Polizei

Seriöse Handwerker bedrängen ihre Kunden nicht und kreuzen erst recht nicht ungefragt am Gartenzaun auf. Wenn jemand an der Haustür ein Geschäft abwickeln will, ist also Vorsicht angesagt. „Vor allem sollte man die vermeintlichen Handwerker auf keinen Fall in seine Wohnung lassen“, rät Kriminalhauptkommissar Axel Köppen. Allerdings können die Gauner richtig lästig und aufdringlich werden. „Nicht unter Druck setzen lassen“, sagt der Kripo-Beamte. Betrüger hätten es häufig auf ältere Menschen abgesehen, um ihre Gutmütigkeit auszunutzen. „Oft hilft es, eine Vertrauensperson wie einen Verwandten oder den Nachbarn hinzuzurufen“, so Köppen.

Um abzuklären, ob es sich um seriöse Handwerker oder Gauner handele, reicht oft schon ein Anruf bei der Handwerkskammer. „Die Innungen können Auskunft geben, ob der Betrieb in der Handwerksrolle eingetragen ist und ob er aus der Region stammt“, weiß der Beamte.

Der sichere Weg bei anstehenden Reparaturen ist aus Sicht des Polizisten, sich mehrere Angebote von bekannten Betrieben aus der Umgebung zu holen. „Die Kostenvoranschläge kann man dann in Ruhe vergleichen und über die Angebote auch noch einmal eine Nacht schlafen“, erklärt Köppen.

Gauner würden sich auf so etwas kaum einlassen. Das würde viel zu viel Zeit kosten.

 

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