Manege frei für Deutschlands Clowns : Die kleinste Maske ist eine rote Nase

Herzensprojekt: Andreas Hartmann und Tanja-Marie Streller übernehmen die Organisation der Clown Convention. Auch die fünfjährige Paula steht auf der Bühne.  Fotos: joro
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Herzensprojekt: Andreas Hartmann und Tanja-Marie Streller übernehmen die Organisation der Clown Convention. Auch die fünfjährige Paula steht auf der Bühne. Fotos: joro

Im Circus Fantasia in Rostock wird derzeit viel gelacht. Der Grund ist ein Zusammentreffen großer Spaßvögel

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26. Mai 2017, 12:00 Uhr

„Stellt euch vor, ihr seid Pinguine und der schönste Platz ist in der Mitte.“ Gackern im Publikum, gefolgt von lautem Lachen. Aufmerksame Augen mustern das Schauspiel auf der Bühne. Im Hintergrund geben sanfte Akustik-Klänge den Takt vor – Geige, Gitarre, Klavier. Der rote Teppich ist schon ausgerollt. Im Circus Fantasia gehört er zum Inventar. Am Zelthimmel leuchten die Sterne. Andreas Hartmanns Anweisung fordert die 25 Clowns auf dem Podest zur Interaktion auf. Alles ist improvisiert, außer die roten Nasen in ihrem Gesicht. „Stellt euch vor, ihr seid verliebt. Und die Mitte ist immer noch der schönste Platz.“ Hartmann setzt auf Emotionen: „Jetzt seid ihr gelangweilt. Jetzt braucht ihr Abstand.“ Die rund 25 weiteren Clowns im Zuschauerraum verfolgen detailliert die Bewegungen ihrer Kollegen. Bis zur großen Gala morgen Abend ist noch viel zu tun.

Seit 2007 ist Rostock ein Ort der Clown-Zusammenkunft. Einmal im Jahr treffen sich Spaßmacher aus ganz Deutschland, um gemeinsam innerhalb von zwei Tagen eine Show auf die Beine zu stellen. Mittlerweile ist das Treffen das größte in Norddeutschland und das viertgrößte in der gesamten Republik. „Die Teilnehmerzahl wächst kontinuierlich. Mittlerweile gibt es vielerorts Clownschulen, oder Theater bieten Kurse an“, weiß Tanja-Marie Streller, Organisatorin der Rostocker Convention. Sie vermutet, dass hinter dieser Entwicklung die Sehnsucht des Einzelnen nach Freiheit steckt, nach Kreativität und kindlicher Naivität. „Die Sehnsucht nach dem Sein-Zustand. Wir werden von unserem Alltag und den gesellschaftlichen Zwängen so erdrückt, dass wir unsere Leichtigkeit verlieren“, ergänzt ihr Partner und Kollege Andreas Hartmann.

Auch Angela Recklin ist zu „Jacky Paff“ geworden, weil sie dem Leben hinterhergerannt ist, anstatt daran teilzunehmen. Als junge Frau erhielt sie die Diagnose Burnout. „Bevor ich mich zum Clown gemacht habe, war ich Ergotherapeutin“, erzählt sie. Das Fingerspitzengefühl im Umgang mit Menschen hat sie sich für ihre neue Rolle bewahrt. „In jedem von uns steckt ein Clown. Oft liegt der Zugang nur verschüttet, weil wir zu viel von dem ,das macht man so und das macht man nicht‘ in uns aufgenommen haben. Es ist sehr befreiend, das Närrische auszuspielen.“

Angela Recklin gastiert vornehmlich in Altersheimen in und um Leipzig. Ein festes Programm hat sie nicht. Jeder Auftritt ist eine neue Herausforderung, hinter jeder Tür wartet ein neues Publikum. „Mein Material ist der Mensch, der mir gegenübersitzt.“ Ein- bis zweimal pro Woche fährt Angela Recklin in die Seniorenresidenzen. „Wir setzen mit der roten Nase die kleinste Maske der Welt auf, um alle anderen Masken fallen zu lassen. Wenn ich Traurigkeit zeigen soll, muss ich die Traurigkeit in mir finden.“ Authentizität spiele in der Clownerie die größte Rolle, gefolgt von Offenheit und einem großen Herzen. „Der Rest ist Handwerk, und das kann man üben“ – zum Beispiel beim Clown-Treffen in Rostock.

Das Gros der Teilnehmer arbeitet laut den Veranstaltern in Kliniken, vornehmlich auf Kinderstationen. „Das oberste Ziel ist nicht, unsere kleinen Zuschauer zum Lachen zu bringen, sondern die Klinik-Atmosphäre zu verändern“, erklärt Andreas Hartmann, der selbst seit 20 Jahren als Klinik-Clown „Spagl“ Herzen erobert.

„Clown zu sein, ist zum Bestandteil meines Lebens geworden. Ich bin immer wieder tief berührt und lerne stets weiter im Kontakt mit Menschen. Wir sind alle so vielfältig anders und doch gleich, wenn wir einfach so sein dürfen, wie wir sind“, verdeutlicht er. Clowns sollten mitfühlen, aber nicht mitleiden, sie sollten Teil der Fantasiewelt des Publikums werden. „Als Clown bin ich nur der Gast. Ein Gast, der ein wenig Sonnenschein mitbringt.“

Das Schöne am Clown-Sein sei das bewusste Brechen von Normen. „Regeln werden über den Haufen geworfen. Die historische Figur des Clowns nennt man deshalb auch Grenzreiter. Clowns dürfen Grenzen verschieben und überschreiten“, erklärt Tanja-Marie Streller alias „Flitzi“. „Früher trat der Clown als bauernhafter Tölpel in den Pausen von Veranstaltungen auf, um für Unterhaltung zu sorgen, beispielsweise bei Pferde-Shows.“

Das Bild habe sich gewandelt. Vorgefertigte Regeln, wie ein guter Clown auszusehen habe und sich geben sollte, gäbe es aber keine. „Wahrscheinlich liegt der Schlüssel bei 50 Prozent Mitgefühl und bei 50 Prozent Technik“, sagt Andreas Hartmann, bevor er die Musik aufdreht, das Scheinwerferlicht einschaltet und wieder alle auf die Bühne bittet. Berührungsängste darf hier keiner haben, zu sehr zählt das Miteinander. Hartmann setzt seine Nase auf, sein kleines Versteck, wie er sagt. Die Show kann beginnen.

Der große Gala-Abend

Das Ergebnis des Clown-Treffens wird morgen um 18.30 Uhr auf der Bühne im Circus Fantasia präsentiert. Unter dem Motto  „Jede Menge Clowns und ihre Geschichten, Lieder, Träume, Späße“  bekommt das Publikum ein abwechslungsreiches Programm aus Jonglage, Hula Hoop Tanz und  Akrobatik  zu sehen. Auch die Musik kommt nicht zu kurz: Auf der Bühne wird gesungen, es werden Märchen erzählt und Instrumente gespielt. Achtung: Lachen ist erlaubt!
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