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Wolhynien-Umsiedler-Museum : „Die kleinen Russen“

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Aus der Onlineredaktion

Ein altes Holzhaus erzählt die Umsiedler-Schicksale der Wolhynier

svz.de von
erstellt am 27.Aug.2017 | 21:00 Uhr

Noch wird gehämmert und gesägt, die Zimmerleute bauen Podeste ein, in der Küche wird für das Jubiläumsfest Schmalz ausgelassen. Am 1. September muss alles fertig sein. Dann feiert das Wolhynien-Umsiedler-Museum in Linstow sein 25-jähriges Bestehen. Für insgesamt 40 000 Euro wird das 70 Jahre alte Holzhaus umgebaut.

Bislang haben die Linstower Wolhynier hier Originalgegenstände, Fotos und Dokumente aufbewahrt, die sie auf der Flucht retten konnten: einen Ziehwagen, Spielzeug, Werkzeuge, Dreschflegel, Küchenutensilien, Handgemachtes. Das Bundesministerium für Kultur und Medien, das Justizministerium des Landes MV, die Landeszentrale für politische Bildung und die Ehrenamts-Stiftung unterstützen das Projekt im Nordosten.

Wolhynien? Wo ist das denn? Diese Frage ist immer noch oft zu hören. Das ist auch kein Wunder, denn die Aufarbeitung der Geschichte der Wolhynien-Deutschen begann erst vor 25 Jahren. Johannes Herbst ist damals Bürgermeister in Linstow, als ihm eine Nachbarin ihre Fluchtgeschichte erzählt. Seitdem lässt ihn das Schicksal der „kleinen Russen“, wie sie im Dorf genannt wurden, nicht mehr los. „Alle haben geschwiegen in der DDR“, sagt Herbst. „Die Sowjetunion war der Bruderstaat, Angst vor der ruhmreichen Sowjetarmee war ein Tabu-Thema. Man hat den Wolhyniern mit Sibirien gedroht. Also blieben die Schicksale gedeckelt.“

1993 gründet Johannes Herbst einen Verein. Heute hat der 80 Mitglieder, unter ihnen die letzten inzwischen hochbetagten Wolhynier und deren Nachfahren. Einige von ihnen leben auch in den USA, Neuseeland und Schweden. Deren Leben und Geschichte bekannt zu machen, hat sich der Verein zur Aufgabe gemacht. Es waren vor allem Bauern und Handwerker, die mit der Aufhebung der Leibeigenschaft ab 1861 nach Osten zogen, um das Land zu besiedeln. Doch infolge der beiden Weltkriege mussten sie wieder weg, zuerst „heim ins Reich“ in den Warthegau im heutigen Polen, wo sie nichts ahnend die Höfe der vertriebenen polnischen Bauern übernehmen sollten. Doch als die Front näher rückte, mussten sie wieder fort.

Für Kunsthistoriker Wolf Karge, der das Museumskonzept erstellte, hat die Arbeit in Linstow ein Alleinstellungsmerkmal: „Es ist das einzige Museum im Nordosten, das das Thema Flucht, Vertreibung und Ankunft thematisiert und damit Geschichte mit einem hochaktuellen Thema, nämlich der Fluchtthematik heute verbindet.“

 

 

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