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Letzte Videothek Rostocks schließt : Die Klassiker hatte nur Robert

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Aus der Onlineredaktion

Die Videotheken-Landschaft in MV ist vom Aussterben bedroht – nun macht auch der letzte Laden in Rostocks Innenstadt dicht

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erstellt am 25.Jan.2017 | 11:45 Uhr

„Räumungsverkauf“ steht in Großbuchstaben an der Tür zu Robert Grimms Videothek. „Alles muss raus.“ Damit schließt der letzte DVD-Verleih in der Rostocker Innenstadt. „Zu wenig Kunden, zu wenig Umsatz“, sagt der Inhaber schweren Herzens. Ende Februar soll kein Film mehr in den Regalen stehen. „Damit geht eine Ära zu Ende.“ Nachts noch hat er die DVD-Hüllen mit Markierungen beklebt. Wer sieben Filme kauft, bekommt den günstigsten umsonst. Schon vor Ladenöffnung bildet sich eine Traube vor dem Eingang. „Wären nur immer so viele Kunden gekommen“, bedauert Robert Grimm. Dennoch freut er sich über die Wahrnehmung, auch jetzt noch, wo fast alles vorbei ist. 2016 sei kein gutes Jahr gewesen. Die Einnahmen sind um 33 Prozent zurückgegangen. „Ich musste mir eingestehen, dass ich den Laden nicht mehr halten kann.“

<p>Eine Ära geht zu Ende: Vor zehn Jahren eröffnete Robert Grimm seinen DVD-Verleih. Der vier Monate alte Dackel Mogli gehört erst seit Kurzem zum Inventar.</p>

Eine Ära geht zu Ende: Vor zehn Jahren eröffnete Robert Grimm seinen DVD-Verleih. Der vier Monate alte Dackel Mogli gehört erst seit Kurzem zum Inventar.

 

Videotheken werden zunehmend zum Relikt vergangener Tage. Sie sind Raritäten, gehören zu einer aussterbenden Spezies. In Mecklenburg-Vorpommern existierten nach Angaben des Interessenverbandes des Video- und Medienfachhandels in Deutschland (IVD) bereits im Jahr 2015 nur noch 18 Videotheken. Deutschlandweit waren es noch 1186, die meisten davon in Nordrhein-Westfalen, Bayern und Niedersachsen. Zum Vergleich: 2007 waren es noch rund 4200. „Ich habe das Geschäft eröffnet, als die Branche bereits schwere Zeiten durchlebte“, so Grimm. Bereits Anfang der 2000er-Jahre jobbte der einstige Filmwissenschaft-Student in einer Videothek. Damals in Berlin. Er stieg zum Filialleiter auf. 2006 wollte er seinen eigenen Laden aufmachen und stieg ins Franchise-Unternehmen „World of Video“ ein. Die einzige Bedingung: „Ich musste mich außerhalb von Berlin selbstständig machen.“ Das Meer gefiel ihm besser als die Berge und so schlug er seine Zelte in Rostock auf. Vor Ort studierte er die Videotheken-Landschaft und fand eine Nische: „Neue Filme haben alle, doch die Klassiker gibt es nur hier.“ „Miss Marple“ reiht sich an „Rocky“ und findet Platz neben Hitchcocks „Die Vögel“. Noch während des Befüllens der Regale klingelte am 30. Dezember 2006 in Peter Grimms Videothek zum ersten Mal das Telefon. Eine Vorbestellung. „Ich weiß nicht, wo der Herr die Nummer herhatte, aber er wollte ,Singstar‘ für Silvester reservieren.“ Vier Tage später, gegen 16 Uhr, schloss der damals 37-Jährige zum ersten Mal die Tür seines eigenen Ladens auf. „15 Minuten später stand die erste Kundin im Geschäft. Es war ein tolles Gefühl, nach so harter Arbeit die ersten 50 Cent zu verdienen.“

 

Peter Grimm traf in den vergangenen zehn Jahren Menschen unterschiedlichster Couleur. Einige kamen, um zu quatschen, andere kauften lediglich Zigaretten. „Geschätzt wurde immer unsere Beratungskompetenz“, weiß der Chef, der von allen nur freundschaftlich Robert genannt wird.

Den ersten großen Umsatzeinbruch erlebte er im August 2014, als er bei sich im Unternehmen den Mindestlohn einführte. „Ich musste die Mehrkosten auf die Ausleihgebühr umlegen. Das hatte zur Folge, dass etwa 50 Prozent weniger Filme ausgeliehen wurden“, erinnert er sich. Auch die „Herrenunterhaltung“, die eine Zeitlang der Motor vieler Videotheken gewesen sei, hatte ihre Fan-Gemeinde verloren. Die steigende Anzahl von Video-on-demand-Angeboten im Internet habe ihr Übriges beigetragen. „Das Netz hat vieles getötet. Die Streaming-Dienste werden mächtiger. Wenn man genauer hinsieht, erkennt man aber, dass sie bei weitem nicht die Mannigfaltigkeit einer Videothek besitzen.“

<p>Voll gepackt: Carolin Gehrling gehörte zu den Stammkunden. An die Schließung muss sie sich erst gewöhnen.</p>

Voll gepackt: Carolin Gehrling gehörte zu den Stammkunden. An die Schließung muss sie sich erst gewöhnen.

 

Peter Grimm fing mit 3000 Titeln an, die meisten aus seiner eigenen Sammlung. Zuletzt standen knapp 10 000 Streifen in den Regalen. Darunter auch „Perlen“, die es nicht ins Kino schafften, „Independent-Movies“ oder auch Filmtipps, die von Kunden kamen.

Beim Abverkauf begegnet Peter Grimm bekannten Gesichtern, ehemaligen Mitarbeitern, treuen Kunden. Sie alle kramen in den Sonderangeboten, suchen nach dem Schnäppchen. Carolin Gehrling kann kaum glauben, dass auch die letzte Videothek in ihrer Umgebung schließt. „Wer kauft schon einen Film auf blauen Dunst?“ Für sie war es Gewohnheit, gar Tradition, sich auf Empfehlung DVDs auszuleihen. „Ich muss mich erst damit anfreunden, dass das bald nicht mehr geht.“

Wehmut schwingt auch bei Stephan Ebel mit. Fünfeinhalb Jahre hat der 32-Jährige in der Videothek gearbeitet. „Das Schöne an dem Job war, dass man so viele unbekanntere Filme kennengelernt hat. Online werden diese Filme untergehen“, prophezeit er.

Laut Jörg Weinrich hat das bundesweite Videotheken-Sterben bereits im Jahr 2003 eingesetzt. Die Ursache sieht der Geschäftsführende Vorstand des IVD bei illegalen Streaming-Diensten: „Die Filme, die wir nur gegen Geld anbieten können, können Filmliebhaber im Internet umsonst bekommen – und das zum Teil sogar, bevor die Titel überhaupt ins Kino kommen.“ Um dieser Entwicklung entgegen zu wirken, habe der Verband versucht, die Politik davon zu überzeugen, eine strengere Gesetzgebung einzuführen. Dies sei bisher nicht umgesetzt worden, bedauert Weinrich. „Wir warten auf die EU, die ein entsprechendes Maßnahmenpaket in Vorbereitung hat.“

Für Robert Grimm kommen mögliche Gesetzesänderungen zu spät. Wenn er Ende Februar seinen Laden zum letzten Mal abschließt, beginnt für ihn ein neuer Lebensabschnitt. Einen neuen Job hat er noch nicht, Zuversicht schon. „Ich kann gut mit Menschen und bin für alles offen.“ Er lächelt zum Abschied.

 

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