Festspiele MV gastieren in Redefin : Die Klanglust der Romantiker

Minutenlanger Applaus für Gustavo Dudamel (M.) und die Berliner Philharmoniker
Minutenlanger Applaus für Gustavo Dudamel (M.) und die Berliner Philharmoniker

Die Berliner Philharmoniker bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern im Landgestüt Redefin

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27. Juni 2017, 12:00 Uhr

Es ist nicht selbstverständlich, dass eines der besten Orchester der Welt auch in einer Reithalle spielt. Es darf vielleicht als Kompliment für die Atmosphäre der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern verstanden werden, dass die Berliner Philharmoniker unter Gustavo Dudamel wiederholt in Redefin gastieren. Mit zwei Komponisten aus Sachsen, zwei Romantikern, die beide musikalisch am Rhein unterwegs sind und doch in gegensätzlicher Verfassung: Robert Schumann mit heiteren Empfindungen mitten im Leben, Richard Wagner dramatisch tief im Mythos.

Die himmlische Ouvertüre am Sonntag mal wieder in Mies-Moll. Kutten-Wetter. Der Regenschirm dirigiert. Wenige trotzige Picknicker im Niesel unter Bäumen, einige Damen, die hochhackig das Geläuf des Landgestüts mit der Promenade verwechselt haben. Die Petrus-Dissonanzen schaden aber dem Temperament paradierender Pferde kein bisschen. Und wann sieht man schon mal, wie sich ein Fohlen nach dem Auftritt an seine Mutter klemmt? Der Stadtmensch atmet durch.

Ein sächsisches Bier noch, ein Pasta-Snack, ein regionales Eis. Dann beginnt endlich die Kunst im Trocknen. Mit musikalischen Wellen, die der Venezolaner Gustavo Dudamel in Schumanns 3., der „Rheinischen“, Sinfonie ins Schwingen bringt. Er balanciert, fordert, lockt die Philharmoniker mit ihrem golden strömenden Blech, berührend sonorem Holz und mit tänzerischen Streichern zu Sanftheit oder Wucht. Er lässt sie frohlocken im Scherzo, kammermusikalisch gleichsam sinnieren im dritten Satz und feierlich tönen im vierten. Dann intensiviert der Südländer das Orchester zu sprühender Klanglust im Karnevals-Finale. Robert Schumann meinte: „Licht senden in die Tiefe des menschlichen Herzens – des Künstlers Beruf.“ Musikalisch ist es sonnenhell geworden.

Danach Edelsteine aus Wagners „Ring des Nibelungen“. Dudamels früher überschäumende Leidenschaft ist längst zu magischer Eleganz gereift. Mit Präzision wie mit dosierter Emotion lässt sein Feinsinn die polyphonen Schmuckstücke glänzen, strahlen, funkeln. Wenn in der Oper „Rheingold“ der „Einzug der Götter“ in Walhall über eine Regenbogenbrücke erfolgt, dann geht er hier über einen Klangteppich, in den die Instrumentengruppen prächtige Muster weben. In „Siegfrieds Rheinfahrt“ aus der „Götterdämmerung“ lassen samtweiche Hörner, delikate Holzbläser, seidige Streicher und Tutti-Stürme die Heldenstimmungen wehen und wechseln. Was dann im „Trauermarsch“ zu monumentaler Endzeit-Bedrückung mutiert. Im virtuos gespielten Idyll „Waldweben“ aus „Siegfried“ vermeint man, wie der Opernheld die Sprache der Vögel zu verstehen, wenn man den Flöten lauscht. Beim finalen „Walkürenritt“ unter furiosen Blech-Attacken wird das Orchester zum Klangvulkan. Dann explodiert auch der Beifall in der vollbesetzten Halle zum Jubel, der die Zugabe herausfordert. Es klingt ein Akkord auf, der in die Musikgeschichte einging, und die „Tristan“-Seligkeit lässt den nüchternen Raum vergessen. Man mag an Thomas Mann denken, der zu Richard Wagner befand: „Er ist ein Musiker von der Art, dass er auch die Unmusikalischen zur Musik überredet.“ Vorausgesetzt, Musiker von Weltformat spielen ihn.

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