Streitbar : Die Invasion der Sendemasten

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Windräder, Stromtrassen oder Antennen für Mobilfunk: Das Landschaftsbild wird zerstört, meint unser Autor.

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09. Februar 2019, 16:00 Uhr

Es ist, als ob die närrischen Menschen den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen könnten“, schrieb einst der Dichter Christoph Martin Wieland. Aus dem Vorwurf, etwas Offensichtliches zu übersehen, ist in manchen Regionen bitterer Ernst geworden. Wir sehen oft vor lauter Windrädern, Stromtrassen und Sendemasten die Landschaft nicht mehr. Ein Ende der Landschaftsverschandelung ist nicht in Sicht. Im Gegenteil. Ist dies der Tribut, den der moderne Mensch an den Fortschritt zu zahlen hat? Oder ist dies sichtbares Zeichen menschlicher Hybris?

Über die Belastung des Wassers durch Nitrate wird geklagt. Gegen die Luftverschmutzung durch Diesel-Feinstaub geht der Gesetzgeber vor. Der Plastikmüll in den Meeren ruft Entsetzen hervor, die Abholzung des Regenwaldes führt zu Protesten. Die Ökobewegung gilt hier als Gewissen und Korrektiv: Rettet den Planeten.

Die Zerstörung freier Blickachsen

Anders bei der Zerstörung freier Blickachsen. Schriftsteller Wieland warf „närrischen Menschen“ einen Mangel an Überblick vor. Heute geht die Einsicht verloren, dass der freie Blick über Wiesen, Wälder, Täler oder Anhöhen auch etwas mit Durchblick zu tun haben könnte. Im Kessel drehender, blinkender und sendender Masten verliert sich die Spur von Heimat.

Solche Erkenntnis – und sei sie nur im Unterbewusstsein aufgenommen – ist in einem Zeitalter, da der Mensch in noch nie dagewesener Weise in praktisch alle biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf Erden eingreift, alles andere als ein Nachtrauern der Vergangenheit oder die romantisierende Sehnsucht nach dem (verlorenen) Paradies. Es geht darum, beim technologischen oder medizinischen Fortschritt das menschliche Maß nicht aus den Augen zu verlieren. Das Kreieren perfekter Menschen durch Eingriffe in die Keimbahn geschieht in Laboren und bleibt der breiten Öffentlichkeit verborgen. Auch das hemmungslose Speichern unglaublicher Datenmengen und die daraus resultierende Gefahr totaler Kontrolle und des Verlustes von Privatheit geschieht unsichtbar.

Das Menschenbild verändert sich schleichend

Anders als frühere technologische Revolutionen, kommt die Innovation der Neuzeit unscheinbar daher. Bei der Dampfmaschine ging es um die Substitution menschlicher Muskelkraft. Das spürt man. Die Digitalisierung zielt unbemerkt auf das Denken, Fühlen und das Bewusstsein. Schleichend verändert sich das Menschenbild.

Vor den Schlüsseltechnologien des 21. Jahrhunderts die Augen zu verschließen oder sich ihnen verweigern zu wollen, hilft nicht. Fortschritt bringt die Menschheit voran. Aber ähnlich wie bei der friedlichen Nutzung der Atomkraft, die anfangs auch von allen Seiten mit Begeisterung vorangetrieben wurde, muss der Folgenabschätzung mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Das gilt auch für die massiven Landschaftseingriffe.

Nachdem die Windräder dank staatlicher Förderung in brutaler Wucht den Horizont verändert haben, steht jetzt die Invasion der Antennen-Masten bevor.

Traum vom autonomen Autofahren rückt näher

Der Staat hält dabei kräftig die Hand auf. Der Luftraum ist staatliches Hoheitsgebiet. Fünf Milliarden Euro erhofft sich Finanzminister Olaf Scholz an zusätzlichen Einnahmen aus der Versteigerung der 5G-Frequenzen durch die Bundesnetzagentur. Mit den neuen Frequenzen werden alle Smartphone- oder PC-Nutzer mit schnelleren Datenraten versorgt und – was noch wichtiger ist – der Traum vom autonomen Autofahren rückt näher. Denn ohne „Funkkontakt“ geht nichts. Anders als der jahrzehntelange Kampf der Grünen gegen Autos und Straßenbau, steht der von der Bundesregierung versprochenen „hundertprozentigen Versorgung mit Mobilfunk“ nichts im Wege. Denn autonom fahrende E-Autos sind als Abnehmer des Ökostroms wichtig. Da darf man beim Bau von Masten nicht kleinlich sein – egal, ob es nun weitere Nord-Süd-Stromtrassen sind oder eben Sendemasten.

78 000 solcher Leuchttürme im Funkzellen-Meer gibt es heute schon in Deutschland für den aktuellen 4G-Standard. Mit den 5G-Frequenzen verzehnfacht sich diese Zahl nach Berechnungen des Wissenschaftlichen Instituts für Infrastruktur und Kommunikationsdienste auf rund 750 000. Der Bundesverband Glasfaseranschluss spricht sogar von 1,2 Millionen Antennen, die für den 5G-Mobilfunk neu aufgestellt werden müssten. Natürlich, die Digitalisierung muss vorangetrieben werden, um Wohlstand und Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Deutschland hinkt schon heute beim Ausbau der digitalen Infrastruktur hinterher. Die Sendemasten sind der Preis, der für den vermeintlichen oder tatsächlichen Fortschritt zu zahlen ist. Gleiches gilt für die Windräder. Wer die Klimawende will und Atomstrom als zu riskant ablehnt, wird die Mühlen als kleineres Übel hinnehmen.

Die Frage nach den Grenzen bleibt

Bis heute stehen die Grünen dafür, Fortschritt und Wachstum kritisch zu hinterfragen: Auch wenn die Krebsgefahren durch das Pflanzenschutzmittel Glyphosat nicht eindeutig belegt sind, wird lieber heute als morgen ein Verbot gefordert. In der Landwirtschaft wird gegen Massentierhaltung oder den Austrag von Gülle mobil gemacht, obwohl die Herausforderungen der industriellen Landwirtschaft weitaus vielschichtiger zu betrachten wären. Im Kampf gegen den Dieselmotor entdecken die Öko-Ritter schließlich die armen Anwohner, die sich keine anderen Wohnungen leisten können als jene an feinstaubbelasteten Großstadtkreuzungen. Klingt sozial, wobei dieselben Grünen gleichzeitig keine Bedenken haben, dass dieselbe schwächere Schicht, die auf den alten Diesel angewiesen ist, kalt enteignet wird. Und obendrein über die Stromkosten besonders unter der Energiewende zu leiden hat.

Wo ist die Umweltbewegung, wenn es um den Schutz der Landschaft geht? Klar, wo Bürger unmittelbar vom Bau neuer Windkraftanlagen, Stromtrassen oder Sendemasten betroffen sind, regt sich Widerstand. Ansonsten hat der technologische Fortschritt Vorrang. Dabei müsste mehr über die massiven Eingriffe ins Landschaftsbild diskutiert werden – gerade so, wie in Kommunen leidenschaftlich über den Bau eines Hochhauses gestritten wird oder wie Bauämter in Wohngebieten die Dachneigung eines Einfamilienhauses vorgeben, damit ein stimmiges Bild entsteht.

Invasion von Masten interessiert nur wenige

Es geht um den Abstand der Masten zum nächsten Haus, um die Frage nach Lärm, Schlagschatten, Elektro-Smog. Es geht darum, die Kollateralschäden des Fortschritts nicht abzutun als Marginalie oder als Querulantentum Betroffener. Um den Erhalt eines kleinen Waldstückchen im Hambacher Forst werden sogar Menschenleben aufs Spiel gesetzt. Die Invasion von Masten interessiert nur wenige. Wahrscheinlich sind zu wenig rote Milane oder Fledermäuse in Gefahr, um ein breites Nachdenken darüber anzustoßen, wie Landschaftsbilder erhalten werden können, ohne dem technologischen Fortschritt zu schaden.

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