Die Hölle vor Rügen

Erschütternde Bilder zeigte das Fernsehen am 14. Januar 1993: Die polnische Fähre „Jan Heweliusz“ trieb kieloben in der aufgewühlten Ostsee etwa 19 Seemeilen vor Rügen.dpa
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Erschütternde Bilder zeigte das Fernsehen am 14. Januar 1993: Die polnische Fähre „Jan Heweliusz“ trieb kieloben in der aufgewühlten Ostsee etwa 19 Seemeilen vor Rügen.dpa

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14. Januar 2013, 08:32 Uhr

Rügen | Die Ostsee kocht in jener Orkannacht vor 20 Jahren. Zwischen den vier bis sechs Meter hohen Wellen treibt die polnische Fähre "Jan Heweliusz" am frühen Morgen des 14. Januar 1993 kieloben im Wasser. "Orangefarbene Rettungsinseln taumelten im aufgepeitschten Wasser. Dazwischen trieben Tote, teilweise noch im Pyjama, teilweise halbbekleidet mit Rettungsanzügen. Es war erschreckend." Die junge Militärärztin Andrea Wiesel kann den Anblick, der sich ihr beim Anflug mit dem Hubschrauber "SAR Kiel" auf die Unglücksstelle rund 27 Kilometer östlich von Sassnitz bot, bis heute nicht vergessen. "Es war, als ob ein Quirl die Ostsee aufgewühlt hätte", erinnert sich die heute 52-Jährige.

Das Unglück der "Jan Heweliusz" zählt neben dem Untergang der Fähre "Estonia" mit 852 Todesopfern im September 1994 zu den schlimmsten Nachkriegs-Schiffskatastrophen auf der Ostsee. Nach offiziellen Angaben erfrieren 55 Menschen im zwei Grad kalten Wasser oder werden beim Kentern von herumschleudernden Gegenständen erschlagen. Nur neun Menschen überleben.

Die Fähre hatte erhebliche Sicherheitsmängel

Allen Warnungen zum Trotz gibt Kapitän Andrzej Ulasiewicz in der Sturmnacht kurz vor Mitternacht das Signal zum Auslaufen der RoRo-Fähre aus dem Swinemünder Hafen. Die Fähre der Reederei "Euroafrica Shipping Lines" nimmt Kurs auf das schwedische Ystad. "Um 4.45 Uhr des folgenden Morgens schreckte ein Mayday-Hilferuf die Mannschaft und die wachhabenden Funker von Radio Rügen hoch", erinnert sich der frühere Funker Lothar Schirrmacher. "Mayday, Polish ferry Jan Hewelisuz - 15 miles northeast of Kollicker Ort lighthouse - heavy list - 70 degrees". Die Fähre muss innerhalb weniger Minuten in schwere Schlagseite geraten sein, mutmaßt Schirrmacher.

Eine Einschätzung, die sechs Jahre nach dem Unglück vom polnischen Seegericht in Gdynia bestätigt wird. Demnach hat Kapitän Ulasiewicz ab 2.10 Uhr Ballastwasser in die Ausgleichstanks auf der linken Seite des Schiffes pumpen lassen, um die Fähre in der Gischt gepeitschten See zu stabilisieren. Als sich die Fähre im Sturm gegen 4.25 Uhr gefährlich auf die Backbordseite neigt, will der Kapitän das Ballastwasser umpumpen. Doch hat sich das Schiff bereits so stark geneigt, dass die Pumpen völlig unwirksam sind. Um 5.12 Uhr treibt die "Jan Heweliusz" kieloben im Wasser.

Das Gericht registrierte erhebliche Sicherheitsmängel an der Fähre, die seit der Indienststellung im Jahr 1977 immer wieder von Pannen betroffen war. Nur wenige Tage vor dem Unglück in der Ostsee war die Heckklappe bei einem Anlegemanöver in Ystad beschädigt worden. Das Schiff galt als seeuntauglich. Zudem waren die Eisenbahnwaggons und Lastwagen unzureichend vertäut. Neben der Reederei und den Polnischen Hochseelinien (POL) werden das Seeamt Stettin und der bei dem Unglück ums Leben gekommene Kapitän für die bislang schlimmste Schiffskatastrophe Polens verantwortlich gemacht.

Rettungskräfte kämpfen gegen das kalte Wasser

Die meisten der 35 Passagiere überrascht das Unglück im Schlaf.

Funker Schirrmacher und seine Kollegen auf Rügen verfolgen von der sicheren Funkstation aus das dramatische Geschehen, das sich nur wenige Kilometer von ihnen entfernt vor der Küste abspielt. "Es muss die Hölle gewesen sein", sagt Schirrmacher. Der Seenotkreuzer "Arkona", "SAR Kiel", ein weiterer Marine-Rettungshubschrauber und Kollegen aus Dänemark eilen zu Hilfe. Später wird den Einsatzkräften vorgeworfen, zu spät reagiert zu haben.

Im Hubschrauber "SAR Kiel" kämpfen die junge Ärztin Andrea Wiesel und ihre Kollegen um das Leben der Opfer. Mit Winschen werden die Überlebenden an Bord des Hubschraubers gezogen. Der polnische Steward Edward Kurpiel hat zwei Stunden im eiskalten Wasser gegen den Tod gekämpft - und gewonnen. "Das muss reiner Überlebenswille gewesen sein", sagt Andrea Wiesel heute. "Normalerweise hält es ein Mensch nur zwanzig Minuten in dem kalten Wasser aus." Nach dem Rettungseinsatz mit dem Hubschrauber folgt für die damals 32-jährige Stabsärztin der schwerste Einsatz auf der Basis in Parow bei Stralsund. Unterstützt von Sanitätshelfern muss sie als einzige Ärztin 20 Leichen identifizieren. "Der Anblick war grausam." Viele der Toten hatten schlimme Verletzungen, ihnen fehlten Arme oder Teile des Kopfes, auch des Gesichtes.

Schiffe sind sicherer geworden

Nach den Katastrophen mit der "Jan Heweliusz" 1993 und der "Estonia" 1994 verschärften acht nordeuropäische Staaten die Sicherheitsanforderungen für sogenannte RoPax-Fähren. "Die Sicherheit hat sich maßgeblich verbessert", sagt Wolfgang Hintzsche, Sicherheitsexperte beim Verband Deutscher Reeder. Das am 28. Februar 1996 beschlossene Stockholm-Abkommen machte zusätzliche Schiebeschotten auf den Fahrzeugdecks verbindlich und erhöhte die Anforderungen an die Stabilität bei einem Leck. Mit den Sicherheitsvorschriften können zwar technische Unzulänglichkeiten verringert werden, der Risikofaktor Mensch bleibt - wie das Unglück des Kreuzfahrtriesen "Costa Concordia" vor der italienischen Küste am 13. Januar 2012 zeigt.

Eine psychologische Betreuung für die Helfer gab es nicht. Zwei Tage nach dem mehr als 36-stündigen Einsatz geht Andrea Wiesel wieder zum Dienst. Die Innenräume von Fähren meidet die 52-Jährige bis heute. Kreuzfahrten? "Das ist überhaupt nicht mein Ding." Auch Lothar Schirrmacher hat sich gegen Kreuzfahrten entschieden, nachdem er erlebte, wie bei einer Rettungsübung ein Boot nicht zu Wasser gelassen werden konnte.

Das Wrack der "Jan Heweliusz" hat heute den Status eines Seegrabes. 37 Leichen konnten nicht geborgen werden. Andrea Wiesel wird ein Jahr nach dem Unglück zusammen mit den anderen Rettern nach Polen eingeladen und dort als "Polnischer Volksheld" geehrt.

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