54. Jahrestag des Mauerbaus : Die Güstrower Stasi-Bluttat

August 1961: Arbeiter erhöhen die „Sektorensperre“ an der  Bernauer Straße in Berlin.
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August 1961: Arbeiter erhöhen die „Sektorensperre“ an der Bernauer Straße in Berlin.

DDR-Geheimdienst diktierte Berichterstattung in der Heimatzeitung / Nach der Wende beim Prozess in Berlin Wiedergutmachung versucht

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13. August 2015, 12:00 Uhr

Es müsste in jeder Güstrower Schule auf dem Lehrplan stehen, wenn es um Güstrower Stadtgeschichte in der DDR geht, weil es eines der dunkelsten Kapitel ist: die Schüsse des angetrunkenen Stasi-Wachmannes Werner Funk, die zwei Güstrowern am 21. Dezember 1984 vor der Stasi-Zentrale in der – wie paradox – damaligen Straße der Befreiung (heute wieder Neukruger Straße) das Leben nahmen. Denn dieser Tag bzw. diese Nacht zum 22. Dezember liefert ein Beispiel, wie SED, Staat und Regierung im Schulterschluss mit der Justiz eine furchtbare Bluttat unter den Tisch kehrten. Der Stasi-Unterleutnant tötete mit seiner Dienstpistole mit fünf Schüssen Uwe Siatkowski (30) und Wolf-Dieter Runge (30). Siatkowski starb wenige Stunden später im Krankenhaus, Runge erlag seinen Unterleibsverletzungen am 24. Dezember. Ein Dritter, Frank Nitsch, wurde schwer verletzt. Ihm wurde ein Oberschenkel zerschmettert. Er leidet bis heute darunter, weil er ein verkürztes Bein hat.

Notwehr-Legende für die Todesschüsse

Eine unrühmliche Rolle spielte unmittelbar nach der Tat bei der aktuellen Berichterstattung in den DDR-Medien auch die „Schweriner Volkszeitung“. Was und wie über das tragische Ereignis in der Güstrower Lokalausgabe veröffentlicht werden sollte, entschied die Stasi. Sie versuchte alles, um die Gewalttat herunterzuspielen. „Betrunkene Raufbolde“, so ihre Vorgabe an die Redaktion, hätten auf das Gelände der Stasi-Kreisdienststelle eindringen wollen und dabei den Wachmann angegriffen. Der habe in „Notwehr“ gehandelt, ließ die Stasi über das SED-Parteiorgan verlauten. Es gab keine nur annähernd wahrheitsgemäßen Erklärungen darüber, was in dieser Nacht wirklich geschehen war. Die Todesschüsse fielen in der Nacht von einem Freitag auf einen Sonnabend. Informiert wurde nur der damalige Lokalchef. Stasi-Leute suchten ihn in den Redaktionsräumen auf und besprachen mit ihm hinter verschlossenen Türen ihre Version der Bluttat.

In Gesprächen in der Redaktion versuchte der Redaktionsleiter danach sogar, die Tat zu rechtfertigen. Kein Wort davon, dass man ja vielleicht doch mal recherchieren könnte, was wirklich passiert sei. Der Gedanke lag damals völlig fern und wäre wohl auch keinem Redakteur der SED-Zeitung gut bekommen. Was uns junge Mitarbeiter durchaus mit Unbehagen erfüllte. Doch dabei blieb es eben auch.

Kein Wunder, dass damit die Zeitung dazu beitrug, dass die Gerüchteküche brodelte. Nur hinter vorgehaltener Hand wurde über das Geschehen gesprochen und nur wenige wussten, was in der Nacht wirklich vor sich gegangen war.

Der Militärstaatsanwalt sprach von einem „bedauerlichen Unfall“ und streute die Notwehr-Legende. Freunde und Bekannte der Opfer wurden außerdem mit Drohungen zum Schweigen gebracht. Wie auch die Sanitäter, die mit zwei Krankenwagen zum Tatort gekommen waren. Ebenso die Ärzte, die Wolf-Dieter Runge und Frank Nitsch operierten, sie mussten sich verpflichten zu schweigen.

Friedensgebet für die Toten in der Kirche

Werner Funk kam zwar in Untersuchungshaft, aber vor einem DDR-Gericht musste er sich nie verantworten. Er zog mit seiner Familie nach Berlin.

Nach der friedlichen Revolution wurde ihm 1990 vor dem Landgericht Berlin der Prozess gemacht. Er wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt. Sieben davon musste er absitzen.

Einen großen Anteil daran, dass es zum Prozess kam, hatte der Güstrower Theologe und Bürgerrechtler Heiko Lietz. Er nutzte im Wende-Herbst, als er in Berlin am Runden Tisch saß, seine Kontakte zum DDR-Innenministerium, um den Fall neu aufrollen zu lassen. Denn Lietz hatte der Fall Funk nie ruhen lassen. Auch, weil er 1984 selbst von der Stasi ins Visier genommen wurde. Heiko Lietz ließ es sich nicht nehmen, die Trauerfeier zu besuchen, bei der der Friedhof mit Stasi-Spitzeln besetzt gewesen sei, wie er nach der Wende erzählte. Die Zeitung berichtete über das alles nicht. Auch über das Friedensgebet am 2. Januar 1985 in der Pfarrkirche, bei dem Lietz der Opfer und der Familien gedachte, war kein Wort zu lesen.

Interessant ist noch, wie die westdeutschen Medien über die Stasi-Tat in Güstrow berichteten. Das geschah nicht aktuell. Die entscheidenden Informationen initiierte erst der Bürgerrechtler Lietz. Er ließ die Fakten drei Monate später, im März 1985 im 3. Friedensseminar „Konkret für den Frieden“ in Schwerin in einem Podiumsgespräch durch einen Vertreter des Oberkirchenrates öffentlich machen. Daraufhin wurde im Westen einen Tag später sowohl im Deutschlandfunk als auch in verschiedenen überregionalen Zeitungen darüber berichtet. Die Quelle war der Evangelische Pressedienst (epd), dessen Redakteur in Schwerin anwesend war. Heiko Lietz: „Das war ein sehr ausgetüfteltes Frage- und Antwortspiel über mehrere Banden, um dann am Ende den eindeutigen Tatbestand veröffentlichen zu können. Die Stasi-Schüsse mit ihren verheerenden Folgen wurden so endlich auch im Westen bekannt.“

Vor diesem Hintergrund hat die Stasi dann zwei Spitzel auf Lietz auf unbestimmte Zeit angesetzt. Die Akte bekam den Namen „Zersetzer“. Mitstreiter von Lietz wussten, dass ihn danach die Stasi in Verhören in die Knie zwingen wollte, was ihnen aber nicht gelang. Geschrieben werden aber konnte das alles erst nach der Wende.

Zeitung berichtete nach der Wende in einer Serie

Dazu gehörte auch die Berichterstattung in der Heimatzeitung über den Funk-Prozess, der im Herbst 1990 in Berlin vor dem Landgericht begann. Die Lokalredaktion Güstrow begleitete den Bürgerrechtler und Vertreter des Neuen Forum, Heiko Lietz, der auch als gesellschaftlicher Nebenkläger auftrat, und berichtete über die Verhandlung gegen Stasi-Funk. Die Artikelserie – die später von der Konrad-Adenauer-Stiftung mit einer Anerkennung bedacht wurde – war aber weitaus mehr als nur ein Gerichtsbericht. Für die Lokalredaktion war es eine Art Wiedergutmachung für das einstige Schweigen.

Als Lietz der Redaktion den Vorschlag unterbreitete, zögerte man dort keine Sekunde. Und so konnten wir Güstrower Journalisten aufdecken, dass den Angehörigen damals nicht einmal an den Gräbern ihrer Männer, Väter und Söhne in ihrem Schmerz das Recht zugestanden wurde, die Wahrheit über den Tod des geliebten Menschen zu erfahren. Wir konnten mitteilen, dass Funk schon mit Wodka in der Tasche zu seinem Wachdienst gekommen war, um mit dem Vorgesetzten seinen Geburtstag nachzufeiern. Wir konnten berichten, dass er aus dem neben der Stasi befindlichen Haus des Handwerks Alkohol-Nachschub geholt hatte und bereits dort auf die Weihnachtsfeier-Truppe der drei jungen Männer traf. Wir konnten das schildern, was die Richter herausfanden, nämlich, dass Funk an den Dreien, die die Idee hatten, in ausgelassener Stimmung auf die Stasi-Mauer zu steigen, seine Wut auslassen wollte. Er wollte endlich einmal Randalierer fassen, „die uns nachts ständig ärgern“, wie er aussagte. Mit der Pistole im Halfter rannte er in jener Nacht auf die Straße, wollte Papiere sehen, die ihm verweigert wurden. Funk blieb bei der Notwehr-Lüge, die die Stasi erfunden hatte. „Sie haben sich über mich lustig gemacht. Und sie haben mich bedroht“, erklärte Funk wenig glaubwürdig, hatte er doch in acht Vernehmungsprotokollen den Tathergang jedes Mal anders geschildert.

Das Schwurgericht verurteilte den Stasi-Wachmann Funk am 11. Dezember 1990 wegen zweifachen Totschlags in Tateinheit mit versuchtem Totschlag an einem weiteren Bürger zu einer Freiheitsstrafe von zehn Jahren. Das Gericht schätzte ein, dass Funk nicht geschossen hatte, weil er sich in jener Nacht wirklich bedroht fühlte, wie er behauptet hatte. Er hatte geschossen, weil er berauscht war. Nicht nur vom Alkohol und zwei Promille im Blut, sondern auch von dem Gefühl der Macht, die er als Uniformträger und Angehöriger der Stasi hatte. Zwei Staatsanwälte mussten außerdem wegen Rechtsbeugung büßen.

Die Geschichte des Gedenksteins

Der Gedenkstein, der gleich nach der Wende am Tatort in der Neukruger Straße mit der Inschrift „Für die Opfer der Gewalt 1949-1989“ aufgestellt wurde, fristete schnell ein armseliges Dasein, versteckt zwischen Bäumen und begrenzt von einer Hecke. Eine Holztafel mit den Namen der Getöteten verschwand im Laufe der Zeit und wurde auch nicht wieder aufgestellt. Die Zeitung hakte mehrmals nach, sorgte mit dafür, dass die Umgebung des Steins zumindest gepflegt wurde. 2011 wurde dann endlich die Politik aktiv. Die Stadtvertretung bekannte sich zu einem neuen Gedenkstein mit einer Inschrift, die auch die Opfer benennt. Bürgermeister Arne Schuldt suchte daraufhin den Kontakt zu den Familien der Getöteten. Die stimmten dem Vorhaben zu. Aber wieder hakte es. Der Kulturausschuss, der u.a. auch eine Inschrift entwerfen sollte, kam lange nicht in Gang. Am 23. Oktober 2013 fasste die Stadtvertretung den Beschluss, einen neuen Gedenkstein aufzustellen.

30 Jahre nach der Tat Gedenkstein am Tatort

Trotzdem: Es dauerte fast ein Vierteljahrhundert, ehe der Opfer des DDR-Unrechts und besonders der zwei getöteten jungen Männer gedacht wurde. Am 21. Dezember 2014 wurde auf Beschluss der Stadtvertretung und nach langen, auch kontroversen Diskussionen vor der Ex-Stasi-Zentrale in der Neukruger Straße die neu gestaltete Gedenkstätte eingeweiht. Sie besteht aus einem Sühnestein und einer eisernen Stele mit einer Inschrift, die die Gewalttat erläutert.

Den ersten Kranz legten Anne Drescher, Stasi-Beauftragte des Landes, und Frank Nitsch nieder. Erst 30 Jahre, nachdem die tödlichen Schüsse fielen und Frank Nitsch schwer verletzt wurde, wurde damit diesem dunklen Kapitel Güstrower Geschichte in der Stadt Rechnung getragen. Für die Familien der Betroffenen wird dies allerdings nie beendet sein.

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