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Diesel-Affäre und Kartell-Vorwürfe : Die große Verunsicherung

vom
Aus der Onlineredaktion

Die Autobranche produziert reihenweise Skandale. Autohändler vor Ort dürfen es ausbaden.

svz.de von
erstellt am 29.Jul.2017 | 05:00 Uhr

Andreas Schmitz ist sauer auf die Industrie und die Politik. Der Diesel-Skandal nimmt kein Ende. Bis Mittwoch konnte der Geschäftsführer des Autohauses Hugo Pfohe in Schwerin seinen Kunden noch sagen, dass sie auf die neue Euro-6-Abgasnorm vertrauen können. Doch einen Tag später verbreitete sich eine neue Hiobs-Botschaft aus der Automobilbranche: Auch bei der Edelmarke Porsche wurde eine illegale Abgas-Software entdeckt. Autohaus Pfohe verkauft seinen Kunden zwar Modelle von Ford, BMW und Volvo – „doch der Image-Schaden färbt auf alle Dieselfahrzeuge ab. Wir spüren die Verunsicherung bei unseren Kunden“, sagt Schmitz.

Autoverkäufer wie Schmitz machen gerade schwere Zeiten durch. Die Automobilbranche produziert derzeit gefühlt Skandale wie am Fließband. „Dieselgate“ mit dem Hauptakteur Volkswagen ist noch gar nicht ausgestanden – da platzt bereits der nächste Vorwurf vom sogenannten Auto-Kartell herein. Ein weit verzweigtes Netzwerk deutscher Autobauer soll sich zum Schaden von Kunden und Lieferanten in verschiedenen Fragen abgesprochen haben.

Die Aufklärung der Machenschaften zwischen den großen Automobilkonzernen steckt noch in den Anfängen. Eine entscheidende Frage wird sein, ob die Fahrzeuge durch die Kartellabsprachen auf einem schlechteren technischen Stand verkauft wurden, als sie hätten sein können. „Das ist alles noch schwer zu bewerten. Es liegen erst wenige Fakten auf dem Tisch“, sagt Christian Hieff, Sprecher des ADAC Hansa. Anders fällt seine Bewertung für den Skandal um die manipulierte Abgas-Software bei Volkswagen aus: „Das ist katastrophal. Die Branche hat durch massives Unrechtsbewusstsein ihren guten Ruf verspielt“, sagt der ADAC-Sprecher. Die Besitzer von Dieselfahrzeugen seien hochgradig verunsichert. Und auch die an Volkswagen gebundenen Vertragshändler hadern offenbar mit der Situation. Für Autohändler eigentlich untypisch sind viele VW-Händler sehr schweigsam geworden. Das Thema sei viel zu komplex, um darüber mit Journalisten zu reden, heißt es von einem VW-Autohaus in Schwerin. Ein anderer Vertragshändler aus der Landeshauptstadt ist noch kürzer angebunden: „kein Interesse“.

Bundesweit muss Volkswagen im Skandal um manipulierte Motor-Software rund 2,6 Millionen Dieselmodelle zurückholen. „Die Umrüstungen machen uns wenig Sorgen. Das ist alles im Fluss“, beschreibt Norbert Stark vom Landesverband des KfZ-Gewerbes die Situation in Mecklenburg-Vorpommern. Der Autohaus-Inhaber Wolfgang Muslow in Parchim hat dagegen einen etwas anderen Blick auf die große Umrüstaktion. „Uns ärgert, dass die Kosten der Nachrüstung von Dieselfahrzeugen zum Großteil an den Werkstätten hängen bleibt“, kritisiert Muslow.

Doch es gibt auch noch halbwegs gute Nachrichten aus der Branche: Von einem starken Verkaufseinbruch spürt der Autohändler derzeit noch nichts. „Wir verkaufen immer noch genug Dieselfahrzeuge – aber die Käufer überdenken ihre Entscheidung deutlich länger als früher.“ Kurzentschlossene Kunden würden sich aber eher für junge, gebrauchte Benzinfahrzeuge interessieren. Dass Dieselautos immer unattraktiver werden, liegt aber nicht nur am Abgasskandal. Auch drohende Fahrverbote in den Innenstädten und die Diskussion um die blaue Plakette haben die Nachfrage nach den Selbstzündern sinken lassen.

So müssen etwa Besitzer älterer Dieselwagen nach einer Entscheidung des Stuttgarter Verwaltungsgerichts weiter mit Fahrverboten rechnen. Das Land Baden-Württemberg dürfte kaum um die unpopuläre Maßnahme, die bereits ab Anfang 2018 in Kraft tritt, herumkommen. Die geplanten Software-Updates, die beim nationalen Diesel-Gipfel am 2. August festgeklopft werden sollen, seien kein adäquates Mittel zur Verbesserung der Luft, argumentierte Verwaltungsrichter Wolfgang Kern am Freitag. Er machte klar: Der Gesundheitsschutz in der Stadt sei höher zu bewerten als die Interessen der Diesel-Fahrer. Es sind solche Entscheidungen, die Dieselfahrer und potentielle Käufer massiv verunsichern.

Das spürt auch Horst Gläß, der ein Autohaus in Wittenberge betreibt. „Wir merken, dass Privatkunden umdenken. Sie fragen vermehrt nach Benzinern“, erklärt Gläß. Für Geschäftskunden, die mehr als 25 000 Kilometer im Jahr fahren, gebe es dagegen noch keine echte Alternative zum Diesel. „Das Elektroauto ist noch nicht so weit. Sie sind nur eine Alternative für den Nahverkehr“, findet Gläß. Ähnlich sieht das auch sein Kollege Maik Osterloh aus Güstrow. „Dieselautos sind für Vielfahrer immer noch effizienter“, sagt der 41-jährige. Und der Markt ist offenbar noch stabil.

Die Wiederverkaufspreise für Dieselfahrzeuge sind laut Osterloh bisher nur unwesentlich gesunken, stellt Osterloh fest. Fragt sich nur wie lange noch. Experten gehen bereits davon davon aus, dass die Tage des Diesels langfristig gesehen längst gezählt sind. Vorteile durch einen Dieselmotor – etwa durch einen niedrigen Kraftstoffverbrauch – seien ohnehin auch nur dann gegeben, wenn jährlich mehr als 20 000 Fahrkilometer zurückgelegt werden, rechnet Wolfgang Muslow vor. „Darunter ist ein aktueller Benziner inzwischen insgesamt deutlich günstiger und umweltfreundlicher“, sagt der Autohändler. Er habe nie nachvollziehen können, warum der Dieselmotor in Deutschland derart favorisiert wurde. „In keinem anderen führenden Industrieland der Welt spielt die Dieseltechnologie beim Pkw eine so große Rolle“, sagt er.

Doch was wären die Alternativen? Lieber auf Benzin oder Gas wechseln oder doch gleich ein Elektroauto nehmen – das wird wohl ein Spagat zwischen Geldbeutel und Gewissen werden. Autohändler Muslow plädiert jedenfalls dafür, dass Deutschland ähnlich wie viele Nachbarländer ein Tempolimit von 130 Stundenkilometern einführt. „Erst darüber sind die Schadstoffwerte deutlich höher.“ Kein Mensch brauche ein Auto, „das mit 170 oder gar mehr als 200 Sachen durch die Gegend rast“, findet er. Doch zunächst einmal müssen die aktuellen Vorwürfe und Skandale in der Automobilbranche aufgearbeitet werden. Andreas Schmitz vom Autohaus Pfohe hat konkrete Forderungen: „Wir brauchen eindeutige Regularien für die Zukunft.“ Es dürfe nicht sein, dass Kunden oder Händler den Schaden bezahlen, den andere angerichtet haben. Dies abzusichern sei jetzt Aufgabe der Regierung. Der nächste Autogipfel kommt bestimmt.

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