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Mecklenburg-Vorpommern

21. Oktober 2017 | 18:08 Uhr

Die große Sorge um das Bungalow-Idyll

vom

svz.de von
erstellt am 23.Okt.2012 | 08:47 Uhr

Schwaan | Wenn ihm der Lärm, die Staus und die Hektik in der Großstadt zu viel werden, flieht Thomas Ber narsch auf seine Schutzinsel mit Hollywoodschaukel, gepflasterter Terrasse und einem weißen Spanplatten-Bungalow vom Typ B 28. "Das ist ein Stück Freiheit", sagt der Rostocker Rechtsanwalt. Im Sommer hört er vor seinem Bungalow die Blaumeisen und Buchfinken zwitschern. Bis zur nächsten Badestelle in der Warnow sind es 300 Meter.

Die Ruhe und die Natur in der Bungalow-Siedlung am Sandgarten bei Schwaan genießen neben Rechtsanwalt Bernarsch auch Polizisten, Ärzte, Krankenschwestern und Senioren. Die ersten Pächter haben ihre Claims bereits vor 45 Jahren dort abgesteckt und ihre Bungalows hochgezogen. Das könnte ab dem 3. Oktober 2015 zu einem Problem werden. Zehntausenden Datschenbesitzern droht dann nämlich der Verlust ihrer Häuschen, weil der Kündigungsschutz für zu DDR-Zeiten geschlossenen Pachtverträgen ausläuft.

Grundstückseigentümer können den Pachtvertrag dann ohne besondere Voraussetzungen kündigen - die Bauten würden dem Grundstückseigentümer zufallen. Allerdings müsste er eine Entschädigung nach dem Zeitwert zahlen.

Das Szenario sorgt auch auf den 110 Parzellen bei Schwaan für Gesprächsstoff. Die Bungalows gehören den Ärzten und, Polizisten - das Land auf dem sie stehen der Stadt. "Da machen sich einige Bewohner natürlich Sorgen, dass die Verträge vielleicht gekündigt werden", erzählt Bernarsch, der auch der Vereinsvorsitzende der Bungalow-Gemeinschaft ist. Über Jahrzehnte haben die Datschenbesitzer im Sandgarten in ihre kleinen Häuschen investiert: Sie haben die Küchen ausgebaut, die Bäder gefliest, Terrassen gepflastert. Mehrere tausend Ostmark, später D-Mark und Euro steckten die Besitzer in den Ausbau ihrer Parzellen. "Viele Ältere sagen, dass ist unser Urlaubsort", erzählt Bernarsch.

In der Siedlung macht man sich Gedanken, was nach dem Stichtag im Oktober 2015 passieren wird. Mit einer flächendeckenden Kündigungswelle in ostdeutschen Bungalowsiedlungen rechnen Experten derzeit aber noch nicht. Im Idealfall bleibt auch in der Bungalowsiedlung am Sandgarten alles beim Alten. Die Deutschland-Fähnchen auf den Bungalows würden weiter flattern. Niemand müsste sein Vogelhäuschen, die Finnhütte oder den Bungalow abreißen. Die Datschenbesitzer würden einfach weiter ihre Pacht an die Stadt zahlen. "Aber man weiß ja nie, wie sich so etwas entwickelt", gibt Bernarsch zu bedenken. Derzeit ist der Sandgarten als Erholungsgebiet ausgewiesen. Doch was passiert, wenn sich das einmal ändern sollte?

Der Rechtsanwalt aus Rostock ist deshalb auf Nummer sicher gegangen. Er hat das Grundstück, auf dem sein Bungalow steht, gekauft. Bernarsch ist jetzt also auch Grundstückseigentümer. Doch ein Kauf des Grundstückes ist längst nicht für alle Pächter eine akzeptable Lösung. Bei einem Quadratmeter-Preis von rund 25 Euro kommen für ein Grundstück schnell 10 000 Euro zusammen. "Eine Menge Holz. Das kann sich nicht jeder leisten", erklärt der Datschenbesitzer.

Die Bungalow-Eigentümer im Schwaaner Sandgarten müssen also vorerst abwarten. Bislang gebe es noch keine Anzeichen aus der Stadtverwaltung, am bisherigen Zustand der Pachtverträge etwas ändern zu wollen.

Seinen Bungalow auf der Parzelle Nr. 91 hat Thomas Bernarsch winterfest gemacht. Die weißen Plastikstühle hat er ins Wohnzimmer gestellt. An der Hollywoodschaukel baumeln noch ein paar blaue und gelbe Luftballonfetzen von der letzten Party. Der Grill ist mit Folie abgedeckt. Die Saison am Sandgarten ist vorbei. "Ab April juckts wieder in den Fingern", erzählt Bernarsch. Dann wird er wieder regelmäßig auf seine Schutzinsel im idyllischen Waldgebiet fliehen.

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