Die gestohlene Kindheit

Torsten Nagel  hat die Schulzeugnisse  aus dem Spezialkinderheim  aufgehoben. Er war  Klassenbester – doch auch das reichte nicht, um wieder nach Hause zu  dürfen.   privat
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Torsten Nagel hat die Schulzeugnisse aus dem Spezialkinderheim aufgehoben. Er war Klassenbester – doch auch das reichte nicht, um wieder nach Hause zu dürfen. privat

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04. September 2012, 09:38 Uhr

Rostock/Dithmarschen | Für Torsten Nagel ist es selbst auferlegte Therapie, über die Dinge zu sprechen, die er vor 35 Jahren erlebt hat. "Lange hatte ich das alles in mir verschlossen", gesteht der 47-Jährige. Schwere Depressionen bis hin zu Selbstmordgedanken waren die Folge. Dann fiel ihm ein Buch über eine Frau in die Hände, die in der DDR im Jugendwerkhof war. "Ein mutiges Buch. Ein Buch, das auch mir Mut machte, über das zu sprechen, was ich erlebt habe - im Spezialkinderheim in Bad Blankenburg."

Viele Menschen, die in der DDR gelebt haben, wüssten gar nicht, dass es damals solche Einrichtungen gab, so Nagel. Und viele, die in der DDR selbst in einem Kinderheim gelebt oder auch gearbeitet hätten, fühlten sich angegriffen, wenn er von seinen Erlebnissen erzählt. "Dabei weiß ich auch, dass es ganz normale Heime gab, in denen Erzieher versuchten, den Kindern die Liebe zu geben, die sie zu Hause nicht bekamen. Aber es gab eben auch andere Heime, in denen Kinder mit Härte, militärischem Drill und Arbeit diszipliniert werden sollten." In solch ein Lager wurde der Junge von der Küste gesteckt - ohne dass er, wie andere Kinder, mit denen er dort zusammenlebte, zuvor kriminell geworden war.

Jugendamt reagierte bei "Scheiß DDR"

"In den ersten Lebensjahren bin ich ziemlich glücklich aufgewachsen", erinnert sich der gebürtige Rostocker, der seit einem Jahr in Dithmarschen wohnt. "In Biestow, wo wir damals lebten, war es sehr ländlich. Das gefiel mir." Doch als er vier Jahre alt war, nahm sich sein Vater das Leben. Wohl eine Kurzschlussreaktion, mutmaßt der Sohn. Einen Abschiedsbrief gab es nicht.

Da die Wohnung der Familie von der Firma des Vaters zur Verfügung gestellt worden war, mussten Mutter, Tochter und Sohn umziehen - nach Lichtenhagen. "Die Platte war nie mein Ding", erinnert sich Nagel. Und auch mit anderen Dingen tat er sich schon in den ersten Schuljahren schwer. "Wir wurden zu Hause total westlich erzogen", erklärt er. Die Mutter hätte schon in jungen Jahren geplant, "nach drüben" zu gehen - doch der Mauerbau machte ihr in letzter Minute einen Strich durch die Rechnung. Ihre Einstellung zum ungeliebten Staat, in dem sie nun gefangen war, übertrug sie auf die Kinder. "Ich bin deshalb schon früh aufgefallen. Zum Beispiel wollte ich kein Pionier werden, ich wollte dieses System nicht", erinnert sich Torsten Nagel. Erst, als er von allen Seiten unter Druck gesetzt wurde, gab er nach.

Die schulischen Leistungen stimmten, das kann Torsten Nagel mit Zeugnissen belegen. Doch seine Lehrer beschrieben den Jungen als verhaltensauffällig. Er habe geschwänzt, auch mal ein paar Streiche gemacht und nicht immer den Mund gehalten, wenn das ratsam gewesen wäre, gibt Nagel zu. Ja, auch Worte wie "Scheiß DDR" seien gefallen. Vermutlich deshalb schaltete sich schließlich das Jugendamt ein und übte so viel Druck auf die alleinerziehende Mutter aus, dass diese "einsah", dass sie mit der Erziehung ihres Sohnes überfordert war. In einem Heim, so hieß es, sei er besser aufgehoben.

"Eigentlich sollte ich nicht gleich in ein Spezialheim. Aber in einem Normalkinderheim war kein Platz frei, und im Norden gab es auch nichts. So kam ich nach Thüringen." Elfeinhalb war Torsten Nagel da - und damit in seiner Klasse der Jüngste. "Die anderen Jungs waren alle schon mal sitzengeblieben." Einige, so erinnert er sich, hatten schon Etliches auf dem Kerbholz: "Einer hatte mit einem Messer auf seinen Bruder eingestochen und ihn schwer verletzt. Ein anderer Junge hatte reihenweise Autos geknackt."

Mit diesen Jungs musste der sensible Torsten zwei Jahre zusammenleben. "Die Sprache, das Essen, alles war anders dort. Vor allem aber fehlte mir meine geliebte Ostsee." Als Fischkopp verspotteten ihn die Älteren. Nur einmal im Jahr, in den Sommerferien, durfte er für drei Wochen nach Hause. "Wer aus der Nähe kam, durfte häufiger zu seiner Familie. Und diese Jungs bekamen auch öfter Besuch. Meine Mutter konnte nur einmal im Jahr kommen."

Der Tagesablauf im Heim war ebenso durchorganisiert wie hart, erinnert sich Torsten Nagel. "Morgens nach dem Aufstehen mussten wir von April bis Oktober jeden Morgen barfuß und nur mit einer Sporthose bekleidet drei Runden auf dem Wirtschaftshof laufen. Dann ging es unter die kalte Dusche. Ein Erzieher kontrollierte anschließend, ob wir wirklich am ganzen Köper kalt waren. Wenn nicht, ging es zurück unter die Dusche."

Keine Gnade für den Klassenbesten

Nach dem Schulunterricht auf dem Gelände des Heims mussten die Jungen arbeiten - "Antennenstecker zusammenbauen, für ein Werk in Rudolstadt oder Saalfeld, so genau weiß ich das nicht mehr". Mehrmals in der Woche wurden die Jungs militärisch gedrillt - Torsten Nagel erinnert sich an stundenlanges Marschieren im Gleichschritt, ermüdende Kehrtwendungen und Strafen für diejenigen, die den Gehorsam verweigerten. Überhaupt wurde mit Strafen nicht gegeizt, sie reichten von Schlägen durch die Erzieher bis zu stundenlangem nächtlichem Stillstehen. An eine Strafaktion erinnert sich Torsten Nagel noch ganz besonders: Ein Junge aus seiner Klasse wurde für acht Stunden einer Gruppe Älterer "überlassen". "Sie haben ihn total zusammengeschlagen und wer weiß was noch mit ihm gemacht", erzählt er stockend.

Halbjährlich wurde eingeschätzt, wie sich die "schwer erziehbaren" Jungen entwickelt hatten. Bei schlechter Führung drohte der Jugendwerkhof. Bei guter Führung stellte man ihnen in Aussicht, dass sie wieder nach Hause dürften. Torsten Nagel strengte sich deshalb in der Schule besonders an, war Klassenbester - die wenigen Dreien auf dem Zeugnis konnte er verbessern, in der 7. Klasse standen schließlich nur noch Einsen und Zweien da. Klassenbester war er. "Trotzdem: In der ganzen Zeit, in der ich dort war, schaffte es nur ein einziger Junge, nach einem halben Jahr wieder nach Hause geschickt zu werden", erinnert sich Nagel. Er selbst musste zwei Jahre lang bleiben.

"Als ich endlich wieder zu Hause war, fiel es mir unheimlich schwer, mich wieder dem ,normalen Leben anzupassen", erinnert er sich. "Ich war schwer traumatisiert - und bin es genau genommen immer noch", fügt er hinzu.

Erst vor zwei Jahren machte er sich noch einmal auf den Weg nach Bad Blankenburg - ein Versuch, endlich seinen Frieden zu finden. "Aber das ist der Hammer: Da ist immer noch ein Kinderheim", erzählt er. Eine Frau, die er auf der Straße ansprach, hätte ihm das bestätigt. "Ja, ein Kinderheim, wie früher", hätte sie gesagt. Wie früher? "Offenbar wussten die Leute damals nicht, was in dem Heim vor sich ging - und heute wollen sie es erst recht nicht mehr wissen."

Diese Erfahrung war für Nagel ebenso niederschmetternd wie die Ablehnung seines Antrags auf strafrechtliche Rehabilitierung durch das Landgericht Rostock. Nur wenn die Unterbringung durch eine ganz besondere Härte und Menschenverachtung gekennzeichnet gewesen wäre, würde der Aufenthalt im Kinderheim als rechtsstaatswidrig eingestuft werden, hieß es in der Ablehnung. Und wörtlich: "Die Ausführungen lassen aber eine ganz besonders harte und menschenunwürdige Behandlung des Betroffenen nicht erkennen. Es genügt insoweit nicht, dass die erzieherischen Maßnahmen im Kinderheim nach heutigen Maßstäben als unangemessen, nicht kindgerecht oder gar als gewaltorientiert gewertet werden würden."

Ohne Rehabilitation keine Opferrente

Für Torsten Nagel ist diese Einschätzung doppelt niederschmetternd. Nicht nur, dass er sich nicht ernst genommen fühlt. Da ihm die Rehabilitierung verweigert bleibt, hat er auch keinen Anspruch auf eine Opferrente und eine Kapitalentschädigung. Bleibt noch der Antrag auf Leistungen aus dem Heimkinder-Entschädigungsfonds, den Nagel auch gestellt hat. "Aber ganz ehrlich, ich weiß nicht, was die mit dem Geld aus dem Fonds überhaupt anfangen. Für Therapien und Rehabilitationsmaßnahmen soll es ausgegeben werden, heißt es - aber die bezahlt doch meine Krankenkasse sowieso."

Nagel weiß das, weil er - nach einem abgebrochenen Versuch vor zehn Jahren - jetzt noch einmal mit einer Therapie begonnen hat. "Seit ich Tabletten gegen meine Depressionen nehme, geht es mir schon viel besser", sagt er. Weil ihm die Wartezeit auf eine ambulante Gesprächstherapie - auch in Dithmarschen anderthalb Jahre - zu lange ist, wird er sich in einer Klinik behandeln lassen. Und er hat sich vorgenommen, auch im Norden nach Leidensgefährten zu suchen. In Thüringen und Sachsen, wo die meisten Jungs herkamen, mit denen er 1977 bis 1979 in Bad Blankenburg war, hat er das schon versucht - bislang vergeblich.

Seit dem Frühsommer arbeitet der Ex-Rostocker im Verein "Heimkinder Ost, Mecklenburg-Vorpommern" mit - auch das ist für ihn eine Art Therapie. "Ich habe dort einen Mann kennengelernt, der als Junge im Heim ständig vergewaltigt wurde. Später wurde er zum Trinker. Eine Frau, die heute im Rollstuhl sitzt, hat selbst ihrem Mann verschwiegen, dass sie als Kind im Heim war. " Und nicht wenige können auch heute, nach 20, 30 oder noch mehr Jahren, nicht über das Erlebte reden. "Dagegen bin ich noch gut weggekommen", meint Torsten Nagel.

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