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Wie rechts ist der Osten? : Die Generation Einheit nicht pauschalisieren

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Eine Entgegnung der Politikwissenschaftler Martin Koschkar und Christian Nestler* auf den Beitrag „Wie rechts ist der Osten“

svz.de von
erstellt am 23.Feb.2016 | 21:00 Uhr

Die Jubiläen zu 25 Jahre Mauerfall und Wiedervereinigung sind gefeiert. 2014/15 waren von positiven Bilanzierungen geprägt: Trotz bestehender Unterschiede sei die Einheit nahezu vollzogen, der Wanderungssaldo zwischen Ost und West war ausgeglichen, die sozioökonomische Entwicklung im Vergleich zu den 1990er-Jahren auf einem guten Weg.

Unter Einfluss der „Flüchtlingskrise“ scheint sich dies innerhalb kurzer Zeit ins Gegenteil verkehrt zu haben. Die anhaltenden Pegida-Demonstrationen und die Erfolge der AfD, verstärkt durch die gesellschaftliche Polarisierung am Thema Zuwanderung, prägen das Bild eines „rechten Ostens“. In der Frage nach Gründen für dieses Phänomen fanden sich in dem gestrigen Beitrag „ Wie rechts ist der Osten“ weitreichende Aussagen: Eine ganze Generation sei durch die Brüche der Wiedervereinigung in die Enttäuschung geführt worden, wäre von rechtsextremistischen Kräften manipuliert worden. Die Politik hätte junge Ostdeutsche außer Acht gelassen, enttäuschte Hoffnungen kennzeichneten diese Generation Einheit.

Wie Flüchtlinge der Schande von Clausnitz erlebten

Selbstredend spricht die Statistik für sich und in der politischen Kultur im Vergleich von „alten“ und „neuen“ Ländern sind signifikante Unterschiede erkennbar. Die Ausprägung zeigt sich im Osten unter anderem durch ein wechselhaftes Wahlverhalten, eine geringere Wahlbeteiligung und Mediendichte sowie eine schwach ausgebildete Zivilgesellschaft. Diese Faktoren finden in der aktuellen Situation ihren traurigen Höhepunkt im menschenverachtenden und kriminellen Verhalten gegenüber Geflüchteten. Orte wie Heidenau, Clausnitz und Bautzen wurden zu Symbolen für „Dunkeldeutschland“.

In der Auseinandersetzung mit diesen Vorfällen und bei der Frage „Wie rechts ist der Osten?“ helfen Pauschalisierungen wie die verlorene Generation Einheit dennoch nicht. Hierfür sprechen drei Aspekte. Erstens wird mit der Negativzeichnung einer gesamten Altersgruppe der klar nachweisbaren Diversität widersprochen. Junge Ostdeutsche übernehmen Verantwortung in Politik und Gesellschaft und können Vorbilder sein. Beispiele sind Manuela Schwesig, Matthias Schweighöfer oder Marten Laciny (Materia). Sie finden sich im Kleinen tausendfach auf kommunaler Ebene, im Ehrenamt und im Alltag.

Zweitens wird das Phänomen unzulässig auf diese Altersgruppe reduziert. Studien und Wahlen zeigen, der Zulauf für Pegida oder AfD speist sich aus allen Altersschichten. Insbesondere die Dresdener „Spaziergänger“ sind den 40- bis 59-Jährigen zuzuordnen und damit nicht zur Jugend der Einheit zu zählen.

Drittens kann der Stempel als „rechter Osten“ zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden. Der Rückfall in stereotype Zuschreibungen der 1990er-Jahre wird weder Ostdeutschland noch der gesamten Bundesrepublik gerecht. In einer offenen Debatte und der Auseinandersetzung um Fragen der Zuwanderung und Integration muss der Osten mehr wert sein als ein Pauschalurteil.

Reaktionen aus dem Netz auf den Beitrag „Wie rechts ist der Osten“

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"Das passiert nicht im Osten, sondern in Deutschland. Wir sind Deutsche und keine Ossis oder Wessis." (Nils Jünger)
"40 Jahre komplett unterschiedlicher Sozialisierung sollen keinerlei Spuren hinterlassen haben? Klingt mir nicht plausibel! Ich war zur Wende zehn Jahre alt - trotzdem kenne ich vieles nicht, von dem meine Freunde aus ihrer Kindheit erzählen. Umgekehrt kennen sie vieles nicht, was ich erlebt habe. Bei unseren Eltern, die immerhin 40 Jahre lang in unterschiedlichen Systemen mit unterschiedlichen Werten gelebt haben, sind die Unterschiede noch viel größer. Und das können und wollen die auch nicht ganz einfach plötzlich abstellen." (Leonie Umbach)
"Ich bin aus München und nach Schwerin gezogen. Ich bin glücklich, dass es hier noch nicht so ist wie in Westdeutschland. Ich  fühle mich in Mecklenburg bei den Einheimischen genauso wohl wie in Bayern. Da gibt es keine Unterschiede." (Florian Stangl)
"Schwerin und Umgebung sind wunderschön. Ich bin aus Sachsen hier hochgezogen, aber auch München ist toll! Das Ossi-Wessi-Gelaber finde ich nervend. Wir sind alles Menschen!" (Elisee Gramee)
"Hinter der Mauer bin ich auch aufgewachsen, hab aber im Westen meine Lehre gemacht und was ich dort die erste Zeit an Hohn, Spott und anderen Dingen erlebt habe, wenn man erfuhr, woher ich kam....Das hab ich hier oder in anderen Gebieten Ost-und Westdeutschlands nicht mal annäherungsweise erlebt. Es hängt immer vom Umfeld ab." (Karina Schlee)


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