Die Geister vom Herthasee

Ein Naturschauspiel: Die Oberfläche des Wassers  kräuselt sich plötzlich, als würde ein Helikopter über dem Wasser stehen, und eine  spiegelglatte Fläche bewegt sich in der Mitte des Sees. Foto: Volgmann
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Ein Naturschauspiel: Die Oberfläche des Wassers kräuselt sich plötzlich, als würde ein Helikopter über dem Wasser stehen, und eine spiegelglatte Fläche bewegt sich in der Mitte des Sees. Foto: Volgmann

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06. Juli 2012, 08:29 Uhr

Sassnitz | Karsten Klaene ist Nationalpark-Ranger aus Leidenschaft. Früher war er Werftarbeiter und Holzfäller, was man heute noch am Händedruck spüren kann. Seit 1996 wacht er als Ranger im Nationalpark Jasmund über Buchenwälder, Hünengräber und über den Herthasee - Norddeutschlands wohl geheimnisvollsten und sagenumwobensten Weiher.

Der See schaffte es mit zwei Gruselgeschichten sogar in die "Deutschen Sagen" der Gebrüder Grimm. Eltern erzählten es den Kindern, und Großeltern den Enkeln, und die wieder ihren Kindern: Viel Blut sei an seinen Ufern geflossen. Menschen wurden enthauptet und ertränkt. Als Untote steigen sie heute noch aus dem Wasser. Mit dem See stimmt etwas nicht.

Ranger Karsten Klaene lacht. Gibt es Geister am Herthasee? "Ich habe sie nachts gesehen", sagte der 52-Jährige. Aber er glaube nicht an den Spuk und liefert gleich eine naturwissenschaftliche Erklärung für seine Beobachtungen. Doch dazu später.

Zunächst nähern wir uns von der historischen Seite den Gespenstern: So wie die alten Griechen den Olymp für den Sitz ihrer Götter hielten, verehrten vor etwa 2000 Jahren Germanenstämme den Herthasee als Wohnort der Nerthus, Mutter Erde und erste Ehefrau Odins, die Fruchtbarkeit und Frieden brachte.

Doch während die alten Griechen ihr Ideengut fein säuberlich auf Papyrusrollen schrieben und für die Nachfahren erhielten, hackten Rugier und Langobarden ihre Runen in Bäume, die irgendwann vergammelten oder zu Brennholz wurden. Damit blieb der Nachwelt viel Raum für Deutungen und Spekulationen.

Doch es gibt von den Römern zeitgenössische Aufzeichnungen, die zum Herthasee passen. Tacitus, Entdecker, Historiker und Politiker, schrieb im Jahre 98 in seiner zweibändigen Germania sinngemäß, hoch über der Ostsee gebe es auf einer Insel einen Hain an einem schwarzen See, der von Germanen als heiliger Wohnort der Nerthus verehrt wurde. Einmal im Jahr sei die Gottheit mit einem von Kühen gezogenen Wagen durchs Land gereist, um den Menschen Frieden und Fruchtbarkeit zu bringen.

Zu Hause am See wieder angekommen wurden die Göttin und ihr Wagen am Ufer gewaschen, und die Knechte und Dienerinnen anschließend im See ertränkt, schreibt Tacitus weiter. Kein Lebender sollte von der keuschen göttlichen Schönheit berichten. So weit der römische Historiker.

Geheimnisvolle Frau in weißen Gewändern

Schon im 16. Jahrhundert glaubten Gelehrte, den von Tacitus beschriebenen See auf Rügen in den dichten Wäldern der Stubbnitz gefunden zu haben. Zweifel daran gibt es bis heute.

Aus Nerthus wurde Herthus und schließlich Hertha. Die Romantiker des ausgehenden 19. Jahrhunderts waren bezaubert von dem See und seiner Geschichte und machten den Herthasee so berühmt, dass auch in Berlin ein künstliches Gewässer und ein Dampfer nach der Göttin benannt wurden. Vom Dampfer kupferte ein Fußballverein den Namen ab, der noch heute Hertha heißt und im vergangenen Jahr in der ersten Bundesliga kickte.

Für Historiker des 19.-Jahrhunderts war Nerthus als Mutter Erde auch die Herrscherin der Unterwelt und der See, so vermuteten sie, war für die Germanen der Eingang zum Hades.

Viele der später entstandenen Sagen sind mehr als 200 Jahre alt. Nationalpark-Ranger Karsten Klaene kennt sie fast alle und in verschiedenen Erzählarten. Eine Geschichte berichtet von einer Frau, die in weißen Gewändern nachts aus dem Wasser steigt, und wer sie erblickt wird von ihr magisch in den See gezogen. Eine andere Geschichte berichtet über die Dienerinnen, die ebenfalls nachts dem See entsteigen, um einen geheimnisvollen Reigen zu tanzen. Auch vom Teufel und einem gewissen Bruder Nickel ist die Rede: Zwei Fischer von der Halbinsel Jasmund wollten auf dem Weiher angeln. Über Nacht ließen sie ihr Fischerboot auf dem See zurück. Als sie am Morgen kamen, hing das Boot in den Kronen der Buchen und aus dem See dröhnte der Teufel mit mächtiger Stimme: "Ich und mein Bruder Nickel waren es." Die Fischer liefen weg und fischten nie wieder im Herthasee.

Dabei soll es im See Karpfen so groß wie Kälber mit Moos auf dem Rücken geben, wird in einer anderen Geschichte berichtet.

Sinneswahrnehmungen werden viel intensiver

In der Nähe des Sees steht ein Opferstein, an dem laut Sage einmal im Jahr die Jungfrauen Rügens antreten mussten. Die Schönste wurde enthauptet und so der Göttin Hertha geopfert. Mehrere hundert Male hat Ranger Klaene diese Geschichten schon vor Reisegruppen erzählt, da lag es nahe den Wahrheitsgehalt einiger Sagen selbst zu testen. Darum habe er sich manche Nacht selbst an den See gesetzt, erzählt der Ranger. Und wenn in Spätsommer nächten der Wind die Nebelschwaden leicht bewegt und das Mondlicht eigenartige Schatten von den Baumkronen auf das Wasser wirft, entstehe eine ganz eigene Atmosphäre. "Dann braucht man nur ein wenig Phantasie, um Gestalten in weißen Gewändern zu vermuten", berichtet Klaene. Außerdem schlucken die dichten Buchenwälder alle fernen Geräusche, die Sinneswahrnehmungen von Bewegungen am und auf dem See seien dadurch viel intensiver. "Ein Erlebnis", schwärmt Klaene.

Wir stehen in der Herthaburg, einer alten Fluchtburg aus der Slawenzeit vor etwa 1200 Jahren, knapp 20 Meter über dem Seeufer. Es ist warm und windig - ideale Bedingungen für ein anderes Naturschauspiel: Die Oberfläche des Sees kräuselt sich plötzlich, als würde ein Helikopter über dem Wasser stehen. Dann bildet sich eine spiegelglatte Fläche - etwa zehn Meter lang und drei Meter breit - die sich von der Mitte zum Ufer bewegt, als würde sich etwas Größeres dicht unter der Oberfläche befinden.

Ranger Klaene hat wieder eine naturwissenschaftliche Erklärung für das Phänomen. Durch steile Ufer und hohe dichte Buchen gelangt der Wind fast senkrecht und verwirbelt auf das Wasser und erzeugt bizarre Verformungen auf der Oberfläche.

Die glatte Fläche verschwindet im Schilf. Das wäre es doch: Ein unbekanntes Wesen im Herthasee so groß wie das Ungeheuer von Loch Ness und mit Foto. Leider ist es nur eine Illusion und ein Schauspiel der Natur.

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