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Unerwünschter Beifang : Die Flucht gelingt durchs Gitterfenster

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

EU will mit gemeinsamer Fischereipolitik unerwünschten Beifang reduzieren/ Biologen vom Thünen-Institut für Ostseefischerei entwickeln innovatives Netz dafür

von
erstellt am 25.Feb.2015 | 11:55 Uhr

Die Idee ist simpel: Ein Schleppnetz mit einer eingebauten Leitplanke und Notausgängen verhindert, dass Fisch gefangen wird, der nicht gefangen werden soll. Die Wirkung ist enorm: Unerwünschter Beifang kann zu 66 Prozent reduziert werden. Das Freswind-Netz (Flatfish Rigid EScape WINDows, Starre Fluchtfenster für Plattfische) wurde von den Biologen des Thünen-Instituts für Ostseefischerei entwickelt und gleicht einer Innovation im Bereich der Fischfang-Technik – einer Innovation, die kommen musste. Im vergangenen Jahr einigte sich die Europäische Union auf eine Gemeinsame Fischereipolitik (GFP). Seitdem ist Nachhaltigkeit das wichtigste Prinzip in der Fischerei geworden. Fischbestände sollen auf ein dauerhaft beständiges Niveau gebracht und ressourcenschädigende Fischereimethoden beendet werden. Dabei gilt es unnötigen Beifang, auch Discard genannt, zu vermeiden. Fisch, der nicht den Fangrichtlinien entspricht, weil er zu klein oder nicht vermarktungsfähig ist, wurde bislang wieder über Bord geworfen. Mit der Verordnung ändert sich das. Seit dem 1. Januar diesen Jahres müssen Fischer in einigen Teilen der EU ihren kompletten Fang im Hafen anlanden. Der Discard wird auf die Fangquote des Fischers angerechnet – und das, obwohl der unerwünschte Beifang nicht verkauft werden darf und stattdessen zu Fischmehl, Fischöl oder Tierfutter verarbeitet wird.


Besonderer Schutz für Plattfische


„Bisher mussten nur unsere Schleppnetzkutter untermaßige Dorsche anlanden“, sagt Michael Schütt von der Fischereigenossenschaft Peenemündung. Weil die Dorschmaße zum Jahresbeginn von bisher 38 Zentimeter auf 35 Zentimeter herabgesetzt wurden, liege der Discard derzeit lediglich bei einem Prozent. „Die Reduktion des Mindestmaßes für Dorsche hat in diesem Zusammenhang viel bewirkt“, erklärt Schütt. Auch bei der Entsorgung des Discards sei die Fischereigenossenschaft in einer glücklichen Situation: „Wir haben eine eigene Fischverarbeitung. Dadurch fallen für die Fischer keine zusätzlichen Kosten an“, so Schütt.

Dass der unerwünschte Beifang nicht einfach weiter über Bord geworfen wird, wird derzeit durch Stichprobenkontrollen auf See überprüft, Anlandungen werden kontrolliert, Pilotprojekte mit Kameras an Bord ausprobiert. „Eine vollständige Kontrolle wird es nicht geben können. Sicherlich könnte man mit Kameras die größtmögliche Überwachung erreichen. Ich lehne Big Brother an Bord generell ab - das ist unwürdig“, erklärt Europa-Abgeordneter Werner Kuhn (CDU). In Brüssel wird derzeit über den Managementplan Ostsee diskutiert. „Dieser sieht mehrere Maßnahmen zum Schutz von Plattfischbeständen wie der Scholle vor“, sagt Kuhn. Darüber hinaus soll der Plan den Fischern die Arbeit erleichtern. „Zu Recht fühlen sie sich wie Verbrecher beaufsichtigt. Ihnen wird vorgeschrieben, wie viel Fisch von welcher Art sie an welchen Tagen fangen und welches Netz sie dafür an Bord haben dürfen“, so Kuhn. Als Mitglied des EU-Ausschusses für Fischerei hat er die GFP mit auf den Weg gebracht. „Viele praktische Fragen sind noch nicht bis ins Detail geklärt“, gesteht Kuhn. „Das Rückwurfverbot steht noch im Widerspruch zu einer Reihe derzeit geltender EU-Verordnungen. Bis also ein neues Umsetzungsgesetz steht, soll eine so genannte Omnibus-Verordnung alte und neue Regelungen zusammenbringen“, ergänzt er. Laut dem CDU-Politiker hätte im Fischereiausschuss eine Mehrheit dafür plädiert, das Jahr 2015 als Pilotprojekt laufen zu lassen. Was die Omnibus-Verordnung betrifft, so hätte es Anfang Februar eine Einigung zwischen EU-Parlament und Europa-Rat gegeben. „Die Verordnung kann bald in Kraft treten“, schlussfolgert Kuhn.

„Bei der Realisierung der Reform sind Fehler gemacht worden“ , kritisiert Wissenschaftler Dr. Daniel Stepputtis, der maßgeblich an der Entwicklung des Freswind-Netzes beteiligt war. „Das Ziel, Discard zu vermeiden, ist gut, die Kompromisse, die dafür gemacht wurden, hingegen nicht. Mit der Umsetzung wird zum Beispiel bei den Fischereien begonnen, die generell wenig Discard fangen“, ergänzt er. Darüber hinaus würden die Regelungen stufenweise umgesetzt. „Bisher gelten sie für Dorsch-, Herings- und Sprottenbestände“, so Stepputtis. Das selektive Fangen würde dennoch immer wichtiger. Stepputtis denkt an ein für die Fischer fatales Szenario: Bisher hätte nicht vermeiden werden können, dass Plattfische wie Schollen mit ins Netz gehen. Die Fangquote der deutschen Dorschfischer für Schollen ist aber relativ klein. „Versehentlich mitgefangene und angelandete Schollen könnten dazu führen, dass die Quote der Dorschfischer schnell ausgeschöpft ist. Die Dorschfischerei muss also stoppen, wenn die Schollen-Fangquote erreicht ist“, erklärt Stepputtis. „Derzeit wird diskutiert, ob die Schollenquote auf die Dorschquote angerechnet werden kann“, ergänzt der Biologe. Das wiederum würde die Quotenangaben verfälschen. „Dorsch ist eben keine Scholle“, so Stepputtis.


Zweistufiges Selektionsverfahren


Das mit dem Runner-up Preis ausgezeichnete Freswind-Netz könnte das Problem lösen. Der Preis wird alle zwei Jahre innerhalb des weltweiten Smart-Gear-Wettbewerbs in den USA vergeben. Prämiert werden innovative Ideen, die den unerwünschten Beifang in der Fischerei reduzieren können. In einem zweistufigen Selektionsverfahren sortiert Freswind nacheinander verschiedene Fischarten aus. Zu kleine Dorsche können am Netzende durch größere Maschen entkommen. Wenn Plattfische aber diese Maschen verstopfen, ist der Fluchtweg versperrt. Deshalb hat Freswind vor dem Netzende parallel angeordnete Gitter eingebaut, durch die die Plattfische entkommen können. Ein zusätzlich installiertes Hindernis zwingt die Fische zu dem Gitter zu schwimmen. Für das Netz sehen die Forscher noch weitere Anwendungen: Werden die Abstände der Gitterstäbe verändert, ließe sich das Netz leicht an eine andere Größenselektion der Zielart oder sogar an andere Fischereien anpassen.

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