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Schönberg : Die fast vergessene Skandal-Deponie

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Noch immer werden auf dem Ihlenberg bei Schönberg jährlich eine Million Tonnen zum Teil gefährlicher Müll eingelagert. Seit 2012 gibt es ein Biomonitoring

svz.de von
erstellt am 03.Feb.2016 | 11:45 Uhr

Haat-Hedlef Uilderks lebt in Selmsdorf bei Schönberg. Er liebt die Landschaft, die Abgeschiedenheit und seinen Garten. Es ist idyllisch und ruhig hier. Seine Pflanzen jedoch gießt er nur mit Wasser aus dem Leitungshahn. „Ich würde hier nie einen Brunnen bohren“, so Uilderks. Das Grundwasser in Selmsdorf sei giftig. Verseucht, meint er. Die Ursache liege nicht einmal einen Kilometer von seinem Zuhause entfernt: die Ihlenberger Abfallentsorgungsgesellschaft.

Jahrelang sorgte die einstige Deponie Schönberg für Negativschlagzeilen. Anfang der 90er jagte hier ein Skandal den anderen. Ein Staatssekretär wurde gefeuert. Eine Umweltministerin nahm ihren Hut. Ein Untersuchungsausschuss des Landtages beschäftigte sich mit den Gesellschafterverträgen. Vor vier Jahren forderten die Landesfraktion der Bündnis90/Die Grünen die Schließung der Anlage bis 2016. Doch noch immer rollen täglich Lkw mit hochgiftigem Müll auf die Deponie.

 

Wie ein Mahnmal ragt die 110 Meter hohe Müllhalde über die Landschaft. Mit einer Standortfläche von 165 Hektar und einer Deponiefläche von 113 Hektar gehört sie zu den größten ihrer Art in Europa. 19 Millionen Kubikmeter Sonderabfälle schlummern unter der Erde. Zum Großteil sind sie gefährlich und überwachungsbedürftig. Jährlich kommen bis zu einer Million Tonnen Müll hinzu. Dabei sei ein Teil der Deponie nicht ordnungsgemäß abgedichtet, meint Uilderks „Ich finde es sehr beunruhigend. Es ist noch immer so, dass radioaktive Stoffe in die Umwelt gelangen“, behauptet der Deponie-Gegner.

Eigentlich war die Deponie Schönberg nie als Sondermüll-Deponie geplant. Zumindest nicht offiziell. Als die Anlage 1979 zwischen Selmsdorf und Schönberg – unweit des Grenzgebiets – errichtet wurde, gingen die damaligen Kreistagsabgeordneten davon aus, dass auf dem Gebiet Bauschutt, Schlacke, Flugasche und ähnliche Materialien gelagert werden sollten. In Wahrheit wurde hier Sondermüll aus ganz Europa angefahren. Eine Umweltverträglichkeitsprüfung hätte es für den Standort nie gegeben, kritisieren die Grünen.

Sondermüll statt Bauschutt

1991 stellte das Landesamt für Umwelt in MV erstmals fest, dass aus dem nördlichen Altteil der Deponie belastetes Sickerwasser in den Untergrund tritt. Da war die Deponie schon umbenannt in Ihlenberg – des Rufes wegen. 1996 dann wurde etwas abseits der Deponie ein Grundwasserschaden festgestellt. Nach Angaben der Behörden sei dieser räumlich zwar eingrenzbar. Dennoch trete hier Vinylchlorid, Benzol und Schwermetalle auf. Bei einer Studie der Universität Greifswald wurde 2005 festgestellt, dass für die Mitarbeiter der IAG eine 80 Prozent erhöhte Krebsgefahr besteht. Das größte Problem für die Umwelt sieht Uilderks in der fehlenden Basisabdeckung: „30 Hektar hat bis heute keine Abdeckung mit Folie.“

Die Deponie verfüge über einen naturgegebenen Schichtaufbau, der eine nahezu undurchlässige Barriere bilde, hält Deponie-Geschäftsführerin Beate Ibiß dagegen. „Wir stellen uns der Verantwortung für Menschen und Umwelt. Das ist die Richtschnur unseres Handelns.“ Viel habe sich getan. Seit 2012 führe man beispielsweise Biomonitoring in den jeweiligen Arbeitsbereichen durch, um mögliche Belastungen mit Gefahrstoffen frühzeitig zu erkennen. Zudem werde der Altteil der Deponie seit 2011 aufwendig versiegelt.

Uilderks bleibt skeptisch: Sobald das hochtoxische Sickerwasser den natürlichen Schichtaufbau durchdrungen hat, ist das Grundwasser der Region unrettbar vergiftet. „Wasser sucht sich seinen Weg. Die Frage ist nicht ob, sondern wann“, ist er sich sicher.

Aus dem gleichen Grund fordert auch die Grünen-Fraktion, die kürzlich einen Vor-Ort-Termin hatte, die baldige Schließung der Deponie, sowie eine umfassende Sanierung, Sicherung und Rekultivierung des Geländes. Der Deponiestandort solle zugunsten anderer nach heutigen Standards errichteter Deponieorte aufgegeben werden.

Die Betreiber sehen eine Schließung der Deponie jedoch noch in weiter Ferne. Noch sei Platz für weitere sieben Millionen Kubikmeter Müll. Dieser soll bis 2035 gefüllt werden. Ein Nachnutzungskonzept sieht vor, auf dem Gelände einen Park für die Erzeugung und Speicherung regenerativer Energien zu schaffen. 324 Millionen Euro habe der Deponiebetrieb angespart, erklärt Ibiß. Davon müssen 50 Jahre Nachsorge bezahlt werden.

Trotz aller Gefahren denkt Uilderks nicht ans Umziehen. „Es ist viel zu schön in Selmsdorf“, sagt er. „Außerdem haben wir eine Verantwortung. Man kann diese Gegend nicht der Müllindustrie überlassen.“

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