Geschichte : Die etwas andere Insel

Chronistin Marion Magas  führt Urlauber auf den Spuren der DDR-Geschichte über die Insel.
Chronistin Marion Magas führt Urlauber auf den Spuren der DDR-Geschichte über die Insel.

Hiddensee war der vergessene Teil der DDR – Marion Magas hat sich mit der Geschichte befasst

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05. Juli 2014, 16:00 Uhr

„In allen Dingen leuchtet hier der Himmel auf, windüberweht.“ Der DDR-Dichter Hanns Cibulka hat die Insel Hiddensee in zwei als Tagebücher angelegten Werken porträtiert – einmal 1972 in „Sanddornzeit“, dann 1985 in „Seedorn“. Die Insel erscheint als Fluchtpunkt, nicht nur bei ihm. Sie schuf Distanz zur Rest-DDR, zur offiziell propagierten Fortschrittsgläubigkeit auf dem Festland.

Hiddensee war Grenzgebiet wie die gesamte Ostseeküste und zugleich auch der vergessene Teil der DDR ohne Autos, meist spartanisch anmutenden Unterkünften und einer großen Geschichte als Intellektuellen- und Künstlerreservoir. Die Insel westlich von Rügen galt als Sommer-Rückzugsort zahlreicher DDR-Künstler. Staatsnahe – wie den Schauspieler und Thälmann-Darsteller Günther Simon – zog es ebenso nach Hiddensee wie auch Kritiker: Literaten wie der Biermann-Unterstützer Günter Kunert oder Stefan Heym, Liedermacher wie Gerhard Schöne oder Barbara Thalheim, Musiker der Punkband „Feeling B“ wohnten, lasen und sangen auf der Insel. Die Inselkirche in Kloster bot kritischen Intellektuellen Raum für Auftritte und Lesungen. Nur Nina Hagen hat den von ihr im gleichnamigen Lied besungenen Farbfilm wohl nie auf Hiddensee vergessen. Der Text dieses rotzig-frechen Liedes, das Hiddensee ein Denkmal setzt, stammt von Kurt Demmler.

Hiddensee beginnt noch heute mit der Überfahrt. Die Fähre tuckert von Schaprode über den Bodden nach Westen. Am Hafen von Vitte wartet Marion Magas. Die Inselchronistin führt Urlauber auf den Spuren der DDR-Geschichte über die Insel. „Hiddensee war ein Mikrokosmos, ein bisschen exterritorial und ein klein wenig freier als der Rest der Republik“, sagt sie.

Seit 1975 lebt sie auf der Insel, kam als Sechsjährige von Pirna an die Ostsee, weil ihre Mutter als Lehrerin in Vitte begann. Als sie größer wurde, wurden die Saisonarbeiter in der Gastronomie ihre Freunde: Aussteiger und Andersdenkende, mit abgebrochenen Karrieren auf dem Festland, die auf Hiddensee gestrandet waren.

Auch die Karrierepläne von Magas gerieten frühzeitig ins Stocken, als sie als 16-Jährige einen Anwerbeversuch der Staatssicherheit ablehnte und aus Selbstschutz allen von diesem als konspirativ angelegten Treffen erzählte. Der gewünschte Studienplatz für Germanistik rückte in weite Ferne. Magas blieb auf der Insel, arbeitete zunächst wie ihre Freunde in der Gastronomie. In den 1980er-Jahren gab es auf Hiddensee bis zu 2000 offizielle Gästebetten, rund 1000 weniger als heute. Die Urlauber kamen in offiziellen Ferienheimen wie dem „Erholungsheim zur Ostsee“ in Vitte oder bei privaten Vermietern unter. Künstler wohnten meist in Privatquartieren oder eigenen Sommerhäusern wie Gret Palucca. Das Haus existiert nicht mehr, es wurde trotz Protestes 2009 abgerissen.„Daneben wurden Pferde- und Hühnerställe im Sommer zu sporadischen Urlaubsquartieren umfunktioniert“, erklärt Magas.

Die Inselchronistin, die nach der Wende ihr Wunschstudium nachholte, hat in den vergangenen Jahren DDR-Zeitzeugnisse über Hiddensee gesammelt, auch um falschen Mythen entgegenzuwirken. Weiße Flecken auf der sozialistischen Überwachungslandkarte habe es nicht gegeben, sagt sie. Aber die Stasi hatte es schwer auf der Insel, weil in der territorialen Kleinheit der Insel Anonymität schwer möglich war, die Beobachteten ihr immer wieder ungehemmt ein Schnippchen schlugen und sich gegen ideologische Bevormundung wehrten. Hiddensee beschreibt Magas als Mischung zwischen angepasst und ausgestiegen, zwischen privilegiert und asylsuchend.

Margit Geiger aus Winnenden hat sich der Führung von Marion Magas über die noch immer autofreie Insel angeschlossen. „Man kann auf dieser Insel die Ruhe mit den Händen greifen“, sagt die Baden-Württembergerin. „Wie aus einer vergangenen Zeit.“ Dieses Gefühl des Weg- und Freiseins müsse für Künstler inspirierend gewesen sein. Schon Gerhart Hauptmann schrieb über Hiddensee: „Nur stille, stille, dass es nicht etwa ein Weltbad werde.“

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