Die erste Jahrhundertflut

Der Blick aus einem Hubschrauber zeigt, wie weit das Wasser der Oder nördlich von Frankfurt in das Landesinnere auch von Polen (r.) vorgedrungen war. Foto: Archiv
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Der Blick aus einem Hubschrauber zeigt, wie weit das Wasser der Oder nördlich von Frankfurt in das Landesinnere auch von Polen (r.) vorgedrungen war. Foto: Archiv

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16. Juli 2012, 09:24 Uhr

Frankfurt | Als die Deiche brechen, überrollt die Flut Häuser, Felder und Straßen. Vieh schwimmt im Wasser, Menschen retten sich und bangen um ihr versunkenes Hab und Gut. Viele Straßen sind nur noch mit Booten passierbar. Vor 15 Jahren, im Juli 1997, waren an der Oder in Brandenburg die Deiche nicht zu halten, trotz der Mühen vieler Helfer, darunter Bundeswehrsoldaten.

Sie hatten unzählige Sandsäcke geschleppt und mit ihnen versucht, die Deiche zu stabilisieren. Die Ziltendorfer Niederung läuft aber regelrecht voll. Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) war damals Umweltminister - und tagelang an den Ufern anzutreffen, was ihm den Beinamen "Deichgraf" einbrachte.

Fünf Jahre später, im August 2002, wiederholte sich die so genannte Jahrhundertflut an anderer Stelle: Die Pegelstände der Elbe - nicht nur in Brandenburg - erreichten alarmierende Höhen. Im Süden und Nordwesten Brandenburgs zahlte sich der Einsatz der Helfer aus, die Deiche hielten dem Druck des Wassers stand. In Mühlberg erreichte der Wasserstand 9,99 Meter, das ist viermal höher als sonst um diese Jahreszeit. Die rund 4100 Einwohner zählende Stadt wurde evakuiert.

Sommer- oder auch Johanni-Hochwasser sind gefürchtet. Sie entstehen, wenn es wegen besonderer meteorologischer Gegebenheiten im Einzugsgebiet der großen Flüsse extrem regnet. Die Wasserstände schwellen an, so dass der Katastrophenschutz aktiv wird. Nach der Elbeflut setzte die Brandenburger Landesregierung ein Koordinationszentrum Krisenmanagement ein. "Es ist ständig verfügbar", sagt Wolfgang Brandt, Vize-Sprecher im Innenministerium. Anfängliches Chaos werde vermieden und schnell gehandelt. Menschen würden rascher informiert. Das Zentrum könne für alle Krisenfälle genutzt werden. Ob Hochwasser oder nicht - im Katastrophenschutzlager in Beeskow südlich von Frankfurt (Oder) liegt alles, was in solch einem Fall gebraucht wird: rund drei Millionen Sandsäcke, Regenmäntel, Gummistiefel, Notstromaggregate und Wolldecken.

Der Hochwasserschutz bedeutet für die Landesregierung eine große Aufgabe. Rund 1000 Kilometer Deiche harren der Sanierung. Nach denen an Oder und Elbe folgen die Schutzanlagen kleinerer Flüsse. "Bis zum Jahr 2020 soll das Deichprogramm abgeschlossen sein", verspricht Brandenburgs Umweltministerin Anita Tack (Linke). Pro Jahr sollen rund 30 Millionen Euro investiert werden, in diesem Jahr etwa 35 Millionen Euro. Brandenburg und Polen sind inzwischen gut vernetzt.

Und es muss umgedacht werden - weg vom reinen Deichbau hin zu mehr Überflutungsflächen. Der Präsident des Landesumweltamtes, Matthias Freude, betont: "Wir müssen den Flüssen mehr Raum geben. Als erstes Beispiel dieser Art in Deutschland haben wir einen Deich an der Elbe bei Lenzen verlegt."

Freude ergänzt: "Das Land hat noch nie so gute Deiche gehabt wie heute. Das heißt nicht, das schon alles in einem wünschenswerten Zustand wäre. Das ist bei insgesamt 1500 Kilometer Deich auch gar nicht möglich. Deichbau war und bleibt eine Generationenaufgabe."

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