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Mecklenburg-Vorpommern

23. September 2017 | 23:59 Uhr

Tourismus in MV : Die eigene Wohnung als Hotel

vom
Aus der Onlineredaktion

Die Internetplattform Airbnb weitete 2016 ihr Angebot massiv aus. Der Hotelverband-MV übt daran Kritik.

svz.de von
erstellt am 01.Feb.2017 | 10:32 Uhr

Die Urlauber stürmten 2016 wieder einmal den Norden. Mit mehr als 30 Millionen Übernachtungen in Mecklenburg-Vorpommern standen die Vorzeichen bis Jahresende auf Rekordkurs. Doch die Hotels und das Gastgewerbe haben einen neuen Konkurrenten, mit dem vor einigen Jahren noch niemand rechnete: Mietwohnungen.

Die amerikanische Internetfirma „Airbnb“ prescht in das Geschäft mit den Übernachtungen und will sich ihren Anteil am Tourismuskuchen holen. Doch was ist Airbnb?

Kurz gesagt: Die Firma vermittelt gewöhnliche Privatwohnungen über das Internet an Urlauber. Aus der Hotelbranche gibt es bereits scharfe Kritik: „Fakt ist, dass es zwischen der klassischen Wirtschaft und den Unternehmen der Digitalisierung nicht immer fair zugeht", sagt Matthias Dettmann, Hauptgeschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbands in MV (Dehoga).

Für die Ostsee und einige Städte in MV legte das US-Unternehmen jetzt Zahlen vor. An der Küste und den Inseln Mecklenburg-Vorpommerns stehen mittlerweile über 2100 Wohnungen zur Verfügung, die online über das US-Unternehmen an Urlauber vermittelt werden. Damit verdoppelte Airbnb sein Angebot an der Ostsee im Vergleich zum Dezember 2015.

Airbnb setzt nicht nur die Urlaubsregionen an der Küste unter Druck. Auch in den Städten MVs breitete sich der Buchungsdienst aus. Spitzenreiter ist Rostock mit 360 Wohnungsinseraten. Ein Plus von 53 Prozent seit Dezember 2015. In der Landeshauptstadt Schwerin gibt es aktuell 85 Angebote. Ein Wachstum von 40 Prozent seit letztem Jahr. In Wismar findet man auf Airbnb über 60 Unterkünfte, was einem Plus von 40 Prozent entspricht. Ein riesiges Angebot, das sich schleichend im Internet entwickelte und direkt das klassische Hotelgewerbe in MV attackiert.

Wohnungsmangel wegen Airbnb?


Seit Jahren wälzt der Buchungsdienst den Tourismus in Deutschland um. Besonders in Berlin sorgte das Internetportal 2016 für Wirbel bis hoch in die Landesregierung. In der Hauptstadt war Airbnb derart erfolgreich, dass der Berliner Senat per Gesetz gegen das Unternehmen vorging. Grund war, dass Berliner Wohnungsbesitzer plötzlich bevorzugt an Touristen vermieteten statt an normale Anwohner. Besonders in angesagten Stadtteilen verdrängten Airbnb-Touristen die Mieter. Geschäftemacher mieteten sogar extra Wohnraum an, um ihn im Internet zu Geld zu machen. Steigende Preise und Wohnungsmangel waren die Folge. Bis heute ist strittig, ob das Unternehmen alleine für diese Entwicklung verantwortlich ist. Trotzdem erließ der Senat am 1. Mai letzten Jahres ein Gesetz gegen die Zweckentfremdung von Privatwohnungen, um den Webdienst unter Kontrolle zu kriegen.

Hotelzimmer und Flüge im Internet zu buchen, ist seit Jahren selbstverständlich. Online-Anbieter wie Trivago oder Expedia machten dem klassischen Reisebüro Konkurrenz. Doch Airbnb fand 2008 eine Nische auf dem Tourismus-Markt. Über die Internetseite oder die Smartphone-App können Reisende ihre Ferienwohnung direkt bei einem Wohnungsmieter oder Besitzer buchen. Weltweit. Egal, ob auf der afrikanischen Insel Sansibar oder auf Usedom. Der Unterschied zur klassischen Ferienwohnung ist, dass jede gewöhnliche Wohnung über Airbnb zu einem Gastgewerbe werden kann. Besonders bei jungen Menschen aus den Städten ist die Plattform beliebt.

Wie reagiert man in MV?


Wie soll man mit dem Erfolg aus dem Netz im Land umgehen? Im Landesministerium für Wirtschaft und Tourismus von MV reagierte man so: „Für uns ist Airbnb ein normales Unternehmen, alles andere werden wir beobachten“, sagte Pressesprecher Gunnar Bauer. Ungesetzlich ist die Vermietung laut Landesbauministerium nicht.

Das Problem: Touristen, die sich in Privatwohnungen einmieten, tauchen in keiner offiziellen Statistik auf. Die Angaben, die Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU) zu den Urlaubsübernachtungen 2016 machte, beziehen sich auf Betriebe mit mindestens zehn Schlafgelegenheiten. Dies macht die Politik blind für tausende Airbnb-Unterkünfte mit weniger Betten.

Viele strittige Punkte sind noch ungeklärt. So warf Dehoga-Chef Dettmann Airbnb vor, sich angeblich nicht an Selbstverständlichkeiten zu halten, etwa der Brandschutzverordnung. Im Bauministerium dagegen erklärte Pressesprecherin Ulrike Sennewald: „Die Brandschutzverordnung gilt für alle gleich. Egal, ob über Airbnb vermietet oder nicht. Erst ab 12 Gästebetten gilt ein Sonderstatus. Und das betrifft nun mal Hotels.“

Trotz aller Diskussionen verkündet Airbnb die nächste Attacke auf das Gastgewerbe: „In typischen Ferienregionen, wie zum Beispiel an der Ostsee, arbeiten wir auch mit gewerblichen Gastgebern zusammen, um Unterkünfte, die sonst häufig leer stehen, zu einer besseren Auslastung zu verhelfen.“, teilt Airbnb auf Anfrage mit.

Ob die Städte MVs ebenfalls mit steigenden Mieten rechnen müssen, ist nicht abzusehen. Fakt ist, Airbnb ist für viele Bürger MVs ein neues Phänomen. Zumindest Tobias Woitendorf vom Tourismusverband MV ist optimistisch: „Die Digitalisierung ist eine Chance für den Tourismus in MV. Portale wie Airbnb bringen jüngere Gäste zu uns. Diese Generation bucht ihre Ferienwohnung lieber über das Internet. Außerdem lockt die Wohnungsvermittlung Touristen in die Fläche, dort wo kaum Hotels stehen. Sicherlich müssen für alle Wettbewerber die gleichen Regeln gelten. Aber wir sollten offen für die Digitalisierung sein.“



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