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Polit-Thriller aus Rostock : Die Ehre der Stasi-Familie

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Der Film „Das System – Alles verstehen heißt alles verzeihen“

erzählt über frühere Stasi-Leute in Rostock. Es ist der erste Spielfilm des Dokumentarfilmregisseurs Marc Bauder. Mit dabei: Schauspieler Heinz Hoenig.

svz.de von
erstellt am 06.Jan.2012 | 11:51 Uhr

Rostock | Die Kleingartenidylle unter Kiefern nahe dem Strand in Warnemünde ist nur Fassade - zumindest in einer der Lauben. Stasi-Rentner kommen dort zusammen, feiern ein bisschen, trinken mehr Wodka und jammern noch mehr über das so unverdiente Schicksal der DDR und ihrer "Kundschafter". Dabei sind die Alt-Tschekisten gut im Geschäft. Einen Berg Akten haben sie nämlich in einem gesicherten Verlies unter den Kleingärten versteckt, aus dem sie gerne Kundenwünsche bedienen - wenn politische oder wirtschaftliche Funktionsträger Druckmittel gegen ihre Kontrahenten brauchen.

Und das Kapital der alten Seilschaften bringt reichlich Rendite. Virtuos im Umgang mit dem Herrschaftswissen ist Ex-Stasimann Konrad Böhm (Bernhard Schütz). In dieses Milieu hinein gerät der vorbestrafte, arbeits- und orientierungslose, aber hungrige und clevere Mike Hiller, brillant gespielt von Jacob Matschenz. Der schlaksige junge Mann ist auf der Suche nach Erfolg - aber auch nach Aufklärung über die blinden Stellen in seiner Familiengeschichte, denn auch sein vater war beim MfS.

Wie der Film "Das System - Alles verstehen heißt alles verzeihen" über frühere Stasi-Leute im Hier und Heute erzählt, ist weder lächerlich noch gruselig. Sondern eher beklemmend. Der erste Spielfilm des Dokumentarfilmregisseurs Marc Bauder beginnt zwar etwas verhalten. Doch der 92-Minuten-Film wird dann immer dichter und dramatischer.

Bernhard Schütz brilliert als einstiger Stasi-Mann Konrad Böhm. Er hat es ins gehobene Ambiente des wiedervereinigten Deutschlands geschafft - mit Erpressung, Bestechung, freundlich und knallhart. Nun will der umtriebige Ex-Agent nicht nur mit brisanten Akten handeln, sondern selbst ins wirklich große Geschäft einsteigen und am Bau der russischen Gaspipeline nach Europa kräftig mitverdienen, wo sich schon diverse halbseidene Gestalten tummeln. Eine spielt Heinz Hoenig, der so zu einem eindrücklichen Kurzauftritt kommt. Wie eine Klammer sind Filmsequenzen von der offiziellen Eröffnung der Nordstream-Pipeline in Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern Anfang November dieses Jahres mit Kanzlerin Angela Merkel und dem russischen Präsidenten Dmitri Medwedew in dem Politthriller zu sehen. Das und die dem Mecklenburger vertrauten, in fahles Licht getauchten Warnemünde- und Rostock-Panoramen machen "Das System" noch bedrohlicher. Regisseur Bauder sagt, "Das System" zeige, wie leicht Menschen manipuliert oder korrumpiert werden können. "Von anderen Menschen, innerhalb jedes Systems und auch heute noch." Und der Film zeigt auch, dass die Täter eines untergegangenen Regimes ganz prima mit der neuen Zeit zurechtkommen können.

Die Drehbuchautorinnen Khyana el Bitar und Dörte Franke sagen, es habe nicht viel Fantasie gebraucht, um sich eine Geschichte über eine Ex-Agenten auszudenken. Privatdetekteien und Reisebüros von früheren MfS -Leuten gebe es ganz real. Auch Berichte der Kommission des Bundestages zur SED-Diktatur seien in die Recherche einbezogen worden.

Der eloquente Ex-Stasi-Devisenbeschaffer Böhm versucht den jungen Mike zu beeindrucken und zu manipulieren. Ganz unverblümt sagt Konrad Böhm zu seiner Vergangenheit: Du tötest, du lügst, du glaubst dran. Mikes Vater sei sein bester Freund gewesen. Doch starb der wirklich bei einem Unfall? Oder hat ihn Konrad, der weit besser mit der Pistole umgeht, als es ein Devisenbeschaffer können muss, auf Befehl liquidiert? Und wer ist Mikes biologischer Vater? Konrad?

Immer mehr aus dem verborgenen Gestern kommt ans Licht. Mike ist hin- und hergerissen, Mutter Elke (Jenny Schily) dagegen hilflos und ein Stück verbittert. Sie will die DDR-Zeit ausblenden. Zum Schluss sagt Frau Hiller, sie werde zur Polizei gehen und die Vergangenheit offenlegen. Und Mike bricht auf - vielleicht in die Zukunft.

Kinostart: 12. Januar

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