Ernährung : Die dicken Kinder von Deutschland

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Viele Kinder essen zu ungesund und bewegen sich viel zu wenig. Schuld sind oft die Eltern. Bei einem Symposium erörtern heute im Neubrandenburger Klinikum Ärzte und Hebammen das Thema Adipositas im Kindesalter.

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08. Januar 2013, 08:13 Uhr

Neubrandenburg | Auf Station nennen sie ihn "Little Buddha", weil sein kleiner Körper pyramidenförmig ist. Vom Schädel abwärts fallen die Körperseiten in fettig schrägen Wallungen herunter. Inmitten des weichen Fleisches sitzt "Little Buddha", eigentlich Ben*. Er guckt aus verkniffenen Augen und versucht, etwas zu sagen. Er ist nicht erleuchtet, versucht vielmehr, keine Angst zu haben, keine zu zeigen und er hat Hunger. Der Chefarzt der Neubrandenburger Kinder- und Jugendklinik, Sven Armbrust, hat den zweijährigen Ben direkt vor sich auf eine Liege gesetzt. Beim Anblick des 19 Kilogramm schweren Kleinkindes rauscht ihm das Wort Blickdiagnose durch den medizinisch erfahrenen Kopf.

Andere Kinder in dem Alter wiegen 12 Kilogramm. "Doch eingeliefert wurde Ben wegen seines Bluthochdruckes. Er gehört damit zum Großteil der adipösen Kinder bei uns", erklärt Armbrust, der seit einem knappen Jahr die Neubrandenburger Klinik leitet. Um die 40 Kinder behandeln die Neubrandenburger Ärzte jährlich wegen Fettleibigkeit. Mehr als 60 Kinder kommen hinzu, die wie Ben wegen Symptomen und Folgeerkrankungen eingeliefert werden.

In Bens Fall ist das Übergewicht und der damit zusammenhängende Blutdruck so besorgniserregend, dass der Chefarzt keine andere Wahl sieht. "Wir müssen den Kleinen auf Medikamente einstellen, die seinen Blutdruck senken", verkündet der Mediziner.

Die Eltern des Jungen haben ihn aus falsch verstandener Fürsorge dauergesättigt. "Immer wenn er etwas sagen wollte, hat ihm sofort jemand Essen in den Mund geschoben", berichtet Armbrust. Eine Aufklärung sei deshalb in solchen Fällen das Wichtigste. Den Eltern eine Idee von gesunder Ernährung mit nach Hause geben und dann hoffen, "viel mehr können wir in diesen Fällen nicht machen." Die Erfolgsquote beziffert der Chefarzt mit 25 Prozent. "Drei Viertel der Kinder bleiben gefährlich dick oder nehmen noch weiter zu", erklärt er.

Für Sven Armbrust sind diese "dicken Kinder" ein Gesellschaftsdilemma, wie er auch heute beim Symposium am Neubrandenburger Klinikum erklären wird. Die Rituale, die mit der Nahrungsaufnahme zusammenhängen, die sogenannten festen Mahlzeiten seien nur noch eine Ausnahme. "Die meisten unserer Patienten lassen das Frühstück einfach weg und ernähren sich dann in der Schule von Junk-Food", erklärt er. An den Kinderkliniken könne man die Volkskrankheit Adipositas nicht heilen.

Armbrust sieht neben den Eltern auch die Schulen in der Pflicht. "Es wäre viel gewonnen, wenn die Kinder statt gerade mal einer Stunde pro Woche, täglich eine Sportstunde hätten. Außerdem könnte man ein Fach namens Ernährungskunde einführen", rät der Mediziner. Die fehlende Bewegung komme zur falschen Ernährung hinzu. Zwischen acht und zwölf Jahren nimmt die Bewegungsfreudigkeit immer mehr ab, zuletzt bewegen sie sich nur noch eine halbe Stunde am Tag sportlich. Jüngere laufen, springen, klettern, krabbeln und fangen sich mehr als fünf Stunden am Tag. Den Unterschied erklärt der Mediziner durch Fernsehen und Computerspielen. "Das Computerspielen an sich macht nicht dick, aber es ist ein großer Risikofaktor", erklärt Armbrust den aufkommenden Bewegungsmangel.

Auch im Sozialministerium des Landes Mecklenburg-Vorpommern versucht man, das schwergewichtige Problem in den Griff zu bekommen. "Wir fördern Präventionsprojekte momentan mit 2,7 Millionen Euro im Jahr. Rund 1,8 Millionen Euro gehen direkt an die Kommunen. Die Präventionsarbeit ist einer der wichtigsten Bausteine für die Gesundheit kommender Generationen", sagte Ministerin Manuela Schwesig (SPD). Sie wisse, dass die Grundlagen für späteres Übergewicht und Adipositas schon oft in der Kindheit oder Jugend gelegt werden. Deshalb sei es nach der Auffassung der Ministerin von entscheidender Bedeutung, dass bereits in jungen Jahren gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung Teil des täglichen Lebens sind.

Dass die Öffentlichkeit bei diesem Problem gern zu dicken Kindern wie Ben sieht und dann die Nase über "schlechte Eltern" rümpft, verharmlost das gefährliche, gesamtgesellschaftliche Phänomen. Bei der "Study of Health in Pomerania" (SHIP) haben Greifswalder Forscher im vergangenen Jahr gezeigt, dass der Anteil der adipösen Männer in Vorpommern in den vergangenen zehn Jahren von 24 auf 32 Prozent angestiegen ist. Bei den Frauen stieg die Zahl von 26 auf 30 Prozent. An der Untersuchung der Universität Greifswald haben über 4000 Frauen und Männer zwischen 20 und 79 Jahren teilgenommen. Deutschlandweit sind die Normalgewichtigen mittlerweile in der Unterzahl, wie Hans Hauner von der Technischen Universität München erklärt. Das zeigen auch die jüngsten Zahlen des Robert Koch-Instituts: 67 Prozent der deutschen Männer und 53 Prozent der deutschen Frauen sind übergewichtig.

"Wir machen den Kindern etwas vor, das ihnen und uns später die Gesundheit kostet", erklärt der Neubrandenburger Chefarzt Sven Armbrust. Er rechne damit, dass das durchschnittliche Herzinfarktalter in einigen Jahrzehnten von 50 Jahren auf 40 oder sogar auf 35 sinken werde. Die Krankenkassen würden sich kaum rühren, "obwohl sie später Unsummen für die Folgen zu bezahlen haben". Ende der Neunziger hätten einige Kassen noch die ersten Studien über Adipositas gefördert. Er verweist auf eine Untersuchung, nach der es in Deutschland derzeit mehr als 500 Kinder mit einem BMI von 40+ gibt. Sie gelten als Superdicke und sind gesundheitlich extrem gefährdet. Ihnen drohen Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes, Leberkrankheiten und ihre Gelenke und die Knochen werden früher oder später unter der jahrelangen Dauerüberlastung nachgeben. Wenn Sven Armbrust enttäuscht und erschrocken über seine aktuellen Fälle ist, denkt er an ein Greifswalder Mädchen zurück. Die 15-Jährige war mit 112 Kilogramm eingeliefert worden und hat es unter die hunderter Marke geschafft, berichtet der Kinderkardiologe. "Es war schwer, sie zwischendurch zu motivieren, denn am Anfang tauscht man Fett- gegen Muskelmasse, was dazu führt, dass das messbare Gewicht nach mehreren Sport- und Diätmonaten nur vier Kilogramm zurückgeht." Depression wurde bei ihr zu Euphorie und am Ende gelang ihr der Ausstieg aus einem gewichtig gefährlichen Strudel. "Ein schwerer Weg, bei dem Eltern, Ärzte, Freunde und das gesamte Umfeld anpacken sollten", fordert Sven Armbrust.

Das Symposium "Is(s)t mein Kind zu dick?" im Konferenzraum der Bethesda-Klinik findet heute von 15 bis 18 Uhr statt und ist für interessierte Pädagogen, Fachleute, aber auch engagierte Eltern offen. Anmeldung unter kjm@dbknb.de

* Name von der Redaktion verändert

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