zur Navigation springen

Interview : Die Depressionen sind ein Teil von mir

vom
Aus der Onlineredaktion

Tanja Salkowski kämpft für eine vorurteilsfreie Gesellschaft und gegen das Ungeheuer im Kopf. Anfang September ist sie in unserem Schweriner Verlagshaus zu Gast

svz.de von
erstellt am 30.Aug.2017 | 12:00 Uhr

Tanja Salkowski, fuhr, wie sie selbst sagt, mit voller Kraft durchs Leben – als Musikmanagerin, Marketingfachfrau, Animateurin auf einem Kreuzfahrtschiff, Moderatorin – und scheiterte: 2008 erkrankte die junge Frau an einer Depression. Doch um den Schein für Freunde, Arbeitgeber und für sich selbst zu wahren, führte sie ein jahrelanges Versteckspiel - bis sie das nicht mehr aushielt und sterben wollte. Nur durch einen glücklichen Zufall wurde die heute 39-Jährige gerettet – und endlich ihre Krankheit behandelt. Für Tanja Salkowski ein Wendepunkt im Leben. Als Bloggerin, Moderatorin und Autorin betreibt sie seither Aufklärungsarbeit über psychische Erkrankungen. Am 7. September wird Tanja Salkowski in Schwerin zu Gast sein. Im Vorfeld stellte sie sich den Fragen von Karin Koslik.

Sonnengrau heißen sowohl Ihr Internet-Blog als auch Ihre Radiosendung, die sich mit Themen rund um psychische Erkrankungen befasst. Wie muss man sich diese Farbe vorstellen?
Salkowski: Optisch ist diese Farbe schwer zu beschreiben. Es ist eher ein Gefühl. Sonnengrau ist gleich zu setzen mit den Höhen und Tiefen des Lebens, die ein Mensch erfährt. Jeder kennt die Sonnenseiten und die traurigen Seiten, die ohne einander gar nicht existieren können. Im Bezug auf einen depressionserkrankten Menschen soll dieses Wort ausdrücken: Ich habe Depressionen und es gibt graue Tage, an denen ich mich zurückziehe und am Leben nicht teilnehme, aber ich kann an anderen Tagen auch lachen und Freude empfinden und die Sonne genießen. Viele denken ja, dass Menschen mit Depressionen jeden Tag 24 Stunden lang im Bett liegen, ständig Suizidgedanken haben und nie lachen. Das kann natürlich manchmal vorkommen, weil es zu der Erkrankung gehört, wenn man einen Schub hat, aber es gibt auch Schönheit und Fröhlichkeit und eine bunte Welt – trotz der Erkrankung.

„sonnengrau. Ich habe Depressionen - na und?“ heißt Ihr 2013 erschienener Debüt-Roman. Warum haben Sie dieses Buch geschrieben?
Weil ich wütend war. Aufgrund der Erkrankung habe ich viele Hürden nehmen müssen – angefangen bei den langen Wartezeiten auf einen Therapieplatz, über vorurteilsbehaftete Sätze aus meinem Umfeld bis hin zum Jobverlust, nur weil ich gegenüber meinem Arbeitgeber ehrlich war. Aber auch, weil ich mich nicht mehr verstecken wollte. Mir war es wichtig, alles aufzuschreiben, was ich erfahren habe, wie ich mich dabei gefühlt habe, und zu zeigen, wer ich wirklich bin. Die Jahre vor der Buchveröffentlichung habe ich mich nur verstellt und nach außen hin die Lustige und die Fröhliche gespielt, nur um nicht aufzufallen. Das kostet enorm viel Kraft. Ich wollte mit diesem Buch etwas verändern – sowohl für mich, als auch für andere.

Innerhalb eines Jahres erkrankt in Deutschland mittlerweile jeder dritte Erwachsene an einer psychischen Krankheit. 21,9 Prozent der Kinder und Jugendlichen sind psychisch auffällig. In den letzten elf Jahren sind die Arbeitsausfallzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen um 97 Prozent gestiegen. Die Folgen psychischer Erkrankungen bedeuten für Unternehmen und Volkswirtschaft Ausgaben in Milliardenhöhe. Jedes Jahr nehmen sich etwa 10 000 Menschen in Deutschland das Leben. Viele von ihnen litten an einer Depression. Männer haben ein dreifach höheres Risiko als Frauen, durch Suizid zu sterben. Experten zufolge erhalten nur 20 bis 25 Prozent der von einer Depression betroffenen Menschen eine ausreichende Therapie.

Wie schwer ist es in Deutschland, eine Depression behandeln zu lassen?
Wir leben in einem reichen Land mit einem guten Sozial- und Gesundheitssystem – dafür kann man schon mal dankbar sein. Es gibt zahlreiche Kliniken, Beratungsstellen, Notfallambulanzen und Selbsthilfegruppen. Jemand, der akut suizidgefährdet ist, bekommt sofort Hilfe. Das einzige Manko sind die unfassbar langen Wartezeiten auf einen Therapieplatz. Jemand, der sich nicht sofort umbringen möchte, aber eine Behandlung braucht, muss erstmal Monate warten. Und das ist fatal. Denn je länger man wartet, desto chronischer und tiefer wird die Erkrankung. An dieser Schraube muss dringend gedreht werden.

Sie stehen nicht nur ganz offen zu Ihrer Depression, sondern auch dazu, dass Sie versucht haben, sich das Leben zu nehmen. Wie kam es dazu?Viele Faktoren kamen zusammen, die das Fass zum Überlaufen gebracht haben. Ich war schwerst depressiv, aber noch nicht in medizinischer Behandlung. Ich hatte finanzielle Nöte und eine Fehlgeburt hinter mir. Mein damaliger Partner, den ich über alles liebte, trennte sich überraschend von mir. Das war zu viel für meine Seele. Ich sah keinen Ausweg mehr aus der Situation, nur noch den einen. Das Leben war für mich eine einzige Qual und ich war die personifizierte Verzweiflung. Also nahm ich Schlaftabletten und wurde zum Glück gerettet.

Ein nicht zu Ende geführter Suizidversuch ist wie ein Schrei nach Aufmerksamkeit, ein Hilferuf – das sagen zumindest Außenstehende. Stimmt das?
Da müsste man jetzt analysieren, warum der Suizidversuch nicht zu Ende geführt wurde. Weil der Betroffene rechtzeitig von anderen gefunden wird? Weil der Betroffene den Suizidversuch selbst abbricht? Das kann man alles nicht so pauschalisieren. Ich kann nur sagen: Jeden angekündigten Suizid sollte man zu 100 Prozent ernst nehmen! Die Betroffenen tun das nicht, weil sie nach Aufmerksamkeit lechzen, sondern weil sie extrem verzweifelt sind. Ich für mich weiß heute, dass ich damals nicht sterben wollte. Ich wollte leben, aber ich habe die Situation, in der ich mich befunden habe, nicht mehr ertragen. Ich kenne viele Betroffene, die nach einem misslungenen Suizidversuch gesagt haben, dass sie in diesem Moment einfach nur eine Umarmung und eine helfende Hand gebraucht hätten. Und das kann ich bestätigen.

Tanja Salkowski wird am 7. September auf Einladung des Initiativkreises Suizidprävention Schwerin zu einem Fachgespräch und einer Lesung in die Landeshauptstadt kommen. Ab 18 Uhr wird sie im Casino des medienhauses:nord (Gutenbergstraße 1) aus ihrem Buch „sonnengrau. Ich habe Depressionen - na und?“ lesen, in dem die Erkrankung und das damit verbundene Suizid-Risiko aus weiblicher Sicht betrachtet werden. Es werden aber auch Passagen aus dem Buch von Viktor Staudt „Die Geschichte meines Selbstmords und wie ich das Leben wiederfand“ vorgetragen als Widerspiegelung des männlichen Blicks auf die Problematik. Da die Teilnehmerzahl begrenzt ist, wird um Anmeldung per Mail an die Adresse ariete.schwartzer@medienhausnord.de gebeten.

Haben Sie immer noch Depressionen?
Ja, die habe ich immer noch. Sie kontrollieren aber nicht mehr mein Leben, weil ich gelernt habe, damit umzugehen und weil ich gelernt habe, dass ich das Zepter in der Hand habe. Ich kann heutzutage zum Beispiel nicht mehr acht Stunden am Stück konzentriert arbeiten, sondern nur zwei Stunden. Ich muss viele Pausen machen und Auszeiten nehmen, damit ich mich nicht überfordere. Manchmal sind mir Menschen zu viel, ich kann zum Beispiel selten auf Massenveranstaltungen gehen oder mich in einen vollen Fahrstuhl stellen. Zwischenmenschliche Konflikte und negative Alltagssituationen verkrafte ich nicht so schnell, wie ein „gesunder“ Mensch – ich brauche dann ein paar Tage und Tränen dafür. Oder manchmal überkommen mich grundlos extreme Ängste. Aber das macht nichts. Ich akzeptiere meine Erkrankung – sie ist ein Teil von mir.

Viele Menschen haben psychisch Kranken gegenüber Vorurteile - obwohl die Zahl der Betroffenen unaufhörlich wächst. Wie kann man das ändern?
Reden, reden, reden. Vorurteile entstehen durch Unwissen. Und Unwissen kann man nur minimieren, in dem man darüber redet. Auch die Begegnung ist wichtig. Neulich sagte jemand zu mir, der mir das erste Mal begegnete, dass ich ja gar nicht wie eine Depressive aussähe und dass ich ja total umgänglich wäre. Ich musste schmunzeln.

Sie halten bundesweit Vorträge über psychische Erkrankungen, lesen aus Ihrem Buch. Reißt das nicht immer wieder alte Wunden auf?
Nein, das kann ich nicht bestätigen. Ich habe ja meine Wunden sehr gut behandelt, mit Hilfe von Therapien und Selbstfürsorge. Wenn ich aus meinem Buch lese, bin ich zwar wieder mittendrin in diesen Emotionen, die ich erlebt habe, aber es wirft mich nicht um. Eher bin ich stolz darauf, dass ich das heute machen kann. Hätte mir vor fünf Jahren jemand gesagt, dass ich aus meinem eigenen Buch vor vielen fremden Menschen etwas von meiner Depression erzähle, hätte ich ihn für verrückt erklärt.

Der Kampf gegen die Stigmatisierung psychisch Kranker scheint ebenso ein Kampf gegen Windmühlenflügel zu sein wie der Versuch, die Zahl der versuchten oder vollendeten Selbstmorde zu verringern. Warum geben Sie trotzdem nicht auf?
Eins muss klar sein: Ich kann nicht jeden retten. Und das ist mir sehr wohl bewusst und das tut manchmal weh. Ich bekomme sehr viele schöne Nachrichten und Emails von fremden Menschen, die mein Buch gelesen haben oder die Radiosendung gehört haben, und das ist eine Motivation. Neulich schrieb mir ein 16-jähriges Mädchen, dass sie aufgrund einer gehörten „Radio sonnengrau“-Sendung wieder Lebensmut gefasst hat und weiterkämpfen möchte. Das allein schon ist Grund genug, weiterzumachen.

Experten geben Rat am Lesertelefon

Anlässlich des bevorstehenden Welt-Suizid-Präventionstags Anfang September bietet unsere Zeitung auch wieder ein Lesertelefon zu diesem Thema an. Der Schwerpunkt des Präventionstags liegt diesmal auf der Frage: „Ist Suizid männlich?“ Hintergrund: Männer und Frauen gehen sehr unterschiedlich mit Krisensituationen und Suizidalität um. So haben Männer ein dreifach höheres Risiko, durch Suizid zu sterben. Fragen hierzu, aber auch zu anderen Bereichen rund um das Thema Suizidprävention können unsere Leser am Dienstag, 5. September,  von 10 bis 12 Uhr folgenden Experten am Telefon  stellen:

  • Renate Kubbutat (Gesundheitsamt Schwerin) unter (0385) 6378 8007
  • Dr. Gerit Stein (Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle, Erzbistum Hamburg) unter (0385) 6378 8008
  • Lutz Jastram (Pastor im Ruhestand) unter (0385) 6378 8009
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen