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Interview : „Die DDR war ein Unrechtsstaat“

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Roland Jahn, Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde, über den 9. Oktober 1989 in Leipzig

svz.de von
erstellt am 09.Okt.2014 | 12:00 Uhr

70 000 Menschen demonstrierten friedlich und entschlossen für Veränderungen in der DDR und gegen die Willkür des Systems: Der 9. Oktober 1989 in Leipzig gilt als entscheidende Wegmarke der Friedlichen Revolution. Darüber sprach Rasmus Buchsteiner mit Roland Jahn, Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde.

Bedauern Sie, dass dieser Tag nicht zum Nationalfeiertag der Deutschen geworden ist?

Jahn: Für mich hat der 9. Oktober 1989 auf jeden Fall die größere Bedeutung. Die Menschen auf den Straßen waren die Akteure, sie haben ihre Angst überwunden und das eigene Schicksal in die Hand genommen. Genau einen Monat später ist die Mauer gefallen, am 3. Oktober 1990 ist der Einigungsvertrag in Kraft getreten. Das war ein formeller Akt, mehr nicht. Wer einmal das Lichterfest in Leipzig zum 9. Oktober mitgefeiert hat, weiß, dass dort Generationen zusammenfinden. Das wünsche ich mir als Signal für ganz Deutschland: Gesellschaft ist veränderbar, wenn die Menschen es wollen.

Auch die Akten der Stasi geben Aufschluss über diesen 9. Oktober 1989 in Leipzig: Was gab am Ende den Ausschlag dafür, dass Blutvergießen und ein Massaker an der Bevölkerung verhindert werden konnten?

Für mich ist es ein Wunder, dass es an diesem Tag friedlich geblieben ist. Eigentlich wollte die Staatsmacht Stärke zeigen, und es waren auch alle Vorbereitungen getroffen, um die Demonstranten notfalls mit Gewalt zu stoppen – das lässt sich in den Stasi-Akten detailliert nachvollziehen. Es hätte nur ein Volkspolizist schießen müssen, und schon wäre der Tag in Leipzig anders ausgegangen.

Hatten SED-Staat und Stasi die Macht zu diesem Zeitpunkt de facto schon verloren?

Die Stasi hatte im Oktober das Heft nicht mehr in der Hand. Der Führung des MfS war klar, dass sie keine Chance mehr haben würde. Dass so viele Menschen die Straße eroberten, war das Entscheidende. Aus den Protesten der Wenigen in der DDR war innerhalb kurzer Zeit der Widerstand von vielen geworden – eine starke, selbstbewusste und mutige Oppositionsbewegung. Die Demonstranten auf den Straßen waren der entscheidende Wegbereiter für Mauerfall und Deutsche Einheit. Es ist wichtig, diese Leistung der Menschen in Ostdeutschland zu achten.

Helmut Kohl ist offenbar der Meinung, dass wirtschaftliche Probleme zum Untergang der DDR geführt haben. Er soll gesagt haben, es sei nicht plötzlich „der Heilige Geist über die Plätze von Leipzig“ gekommen.

Es waren viele Faktoren, die zum Untergang der DDR und zur Deutschen Einheit geführt haben. Die Menschen in Leipzig hatten eine ganz wichtige Rolle. Auch die Politik Gorbatschows hat den Umbruch in der DDR beschleunigt.

Was empfinden Sie, wenn jetzt 25 Jahre danach Gregor Gysi und andere behaupten, die DDR sei kein Unrechtsstaat gewesen?

Mich wundert, dass diese Diskussion überhaupt geführt wird. Die DDR war ein Unrechtsstaat. Die Fakten liegen auf der Hand: Der ganze Staat ist auf Unrecht angelegt gewesen, vom Führungsanspruch der Partei in der Verfassung bis hin zu Mauer, Schießbefehl und Tausenden von politischen Gefangenen. Wer den Begriff Unrechtsstaat für die DDR ablehnt, verhöhnt die Opfer des Systems.



 

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